Konzerte & Party

Ein Interview mit Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyertip Aber ist es nicht so, dass Ihre Hörer die Kunst, die Sie machen, automatisch mit dem realen Leben vermengen?
Grönemeyer Ja, aber dafür kann ich ja nichts. Es ist auch ein bisschen gefährlich, von den Texten auf den Sänger zu schließen. Ich denke zwar schon, dass da auch Biografisches mit einfließt, na klar. Aber trotzdem ist es eine Stilisierung. So, wie ich mich in meinen Texten darstelle, bin ich nämlich gar nicht.

tip Lassen Sie uns ein bisschen über Ihr Verhältnis zu Berlin reden. Interessieren Sie sich als Pendler zwischen zwei Metropolen für alltägliche Themen? Verfolgen sie den Wahlkampf in Berlin?
Grönemeyer Wann wird denn gewählt?

tip Im September. Aber vielleicht dürfen Sie als Mensch aus dem Ruhrgebiet ja gar nicht mit abstimmen.
Grönemeyer Der Pottler in Berlin? Klar darf ich wählen.

tip Gibt es einen Kiez, dem Sie sich besonders verbunden fühlen?
Grönemeyer Nein. Ich fühle mich hier zwar absolut zu Hause, als sogenannter Westdeutscher oder Londoner sehe ich die Stadt aber vielleicht kompletter. Ich bin kein Kiez-Typ, mir gefällt Berlin in seiner Gänze. Ich lebe ja nun schon lange in London und wir waren gerade in New York, weil wir da abgemischt haben … Diese Weite und diese Riesenstraßen und diese Offenheit und dieser Himmel überall, das gibt’s nirgendwo sonst auf der Welt – nicht in Paris, nicht in London, nicht in New York, nirgendwo. Vielleicht in Buenos Aires, aber da war ich noch nie. Mich fasziniert die Weite von Berlin, deswegen: Ein einzelner Kiez ist für mich einfach zu eng.

tip Andere Wahlberliner haben einen erstaunlichen Hang zum Kiezpatriotismus. Kaum sind sie in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg angekommen, da fangen sie auch schon an, so zu tun, als hätten sie nie woanders gelebt.
Grönemeyer Ich merke sofort, dass ich zucke, wenn die Leute anfangen, so über ihre Viertel zu reden, wie die Hamburger es früher immer gemacht haben. Dieses ständige: Wo kommst du her? – Aus Eppendorf. – Wo denn da? – Isestraße. –  Auf welcher Seite denn? Damit kann ich nichts anfangen. Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Für uns heißt es nicht Bochum-Stiepel oder Bochum-Wiemelhausen. Das kennen wir gar nicht. Da sagen wir: Was ist das denn für’n Quatsch? Für uns ist Ruhrgebiet Ruhrgebiet. Berlin sehe ich genauso. Ich mag die Größe, die Wucht, die Dynamik. Ich langweile mich aber sofort, wenn mir irgendein alter Westberliner erzählt, dass schon wieder ein Traditionsgeschäft zugemacht hat.

Herbert Grönemeyertip Dem einen oder anderen Berliner ist die Dynamik vor seiner Haustür vielleicht ein bisschen zu groß.
Grönemeyer Ich finde, die Berliner sollten einsehen, dass Leute, die neu dazu kommen, nicht automatisch eine Belastung sind, sondern dass sie sich freuen können. Die Gastfreundschaft der Berliner hält sich ja sehr in Grenzen, weil sie schnell sagen: Das ist mir alles zu viel und zu laut. Ich werde nie vergessen, wie ich 1993 mein Haus in Zehlendorf gekauft habe. Als ich die Frau fragte: Sagen Sie mal, wieso verkaufen Sie denn eigentlich? Da hat sie mir zugeflüstert: Hier ist es mir zu hektisch geworden (lacht). Dabei kann man sich selbst heute, fast 20 Jahre später, kaum eine verschlafenere Gegend vorstellen. Berlin ist ja nach wie vor relativ zurückgelehnt, da passt der Bär als Wappentier schon ziemlich gut. In New York und London reden sie jetzt mit einer großen Faszination von Berlin und seiner Gelassenheit. Das kannten die bisher gar nicht, dieses Bärenartige, dieses Zurückgelehnte.

tip Was hat sich aus Ihrer Sicht zwischen Ihrem Umzug 1998 und Ihrer Rückkehr in der Stadt getan?
Grönemeyer Sie ist entspannter geworden.

tip Entspannter?
Grönemeyer Viel entspannter. Für die Berliner selbst vielleicht nicht, aber von außen wirkt die Stadt deutlich entspannter. Ich glaube einfach, dass Berlin trotz allem, was es hier an Kulturunterschieden gab, langsam tatsächlich zu einem neuen Ganzen zusammenwächst und irgendwann ein Normalzustand zurückkehrt.

tip Ist Berlin in Ihren Augen internationaler geworden?
Grönemeyer Das kommt hinzu, ja. Dieser Prozess dauert an, und muss man dabei auch ein bisschen aufpassen, denn Berlin ist noch keine Weltstadt im eigentlichen Sinne. Trotzdem ist den Berlinern zum Teil gar nicht bewusst, mit welcher Freude Menschen hierher ziehen und wie wohl sie sich fühlen. Ich kenne eine Frau aus Cardiff, die seit zwei Jahren hier lebt. Sie hat mir erzählt, dass sie beim Anflug auf Berlin immer das Gefühl hat, nach Hause zu kommen. Das ist eine unglaubliche Qualität, wenn Menschen von außen in eine Stadt kommen und sagen: Ich fühle mich hier echt zu Hause. Das ist in New York schwer und in London noch schwerer, da müssen die Leute wirklich ranklotzen, um auch nur halbwegs über die Runden zu kommen.

tip Würden Sie in Berlin mit der U-Bahn fahren?
Grönemeyer Ja, ich würde mit der U-Bahn fahren. Es wäre zwar gelogen, wenn ich nun behaupten würde, ständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, aber ich schotte mich auch nicht ab. In Berlin bin ich vielleicht etwas angespannter als in London, weil ich natürlich weiß, dass man mich hier eher erkennt. Da bin ich nicht ganz so locker. Manchmal komme ich nach Berlin, stehe am Flughafen und wundere mich plötzlich: Warum gucken die denn alle so? Dann brauche ich ungefähr zehn Sekunden, bis mir einfällt: Ach ja, stimmt, ich bin ja ein Promi. So ungefähr. Es ist ja schließlich nicht so, dass ich morgens aufstehe und sage: Hey, ich bin Herbert Grönemeyer.

Herbert Grönemeyertip Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht? Man sagt den Berlinern ja nach, dass Sie sich von Prominenz nicht im Geringsten beeindrucken lassen.
Grönemeyer Ja, das ist auch so. Das ist eher der eigene Krampf. Die meisten Menschen, die auf mich zugehen und ein Foto wollen, sind Leute, die sich mit meiner Musik beschäftigen. Ich bin ja auch nicht jedermanns Darling.

tip Sie werden also nicht von ihren Fans verfolgt?
Grönemeyer Nein, nein. Die Berliner pflegen da schon eine gewisse Ignoranz – oder sie sagen mal kurz: Herbert, dufte, haste jut jemacht. Ich kann mich hier gut bewegen.

tip Obwohl inzwischen jedes Handy einen eingebauten Fotoapparat hat …
Grönemeyer Blöd wird’s, wenn du in einer privaten Situation bist, und dann stellt sich jemand hin und hält dir das Ding unter die Nase. Das gibt’s auch. Das geht aber schon bei meinen Konzerten los: Wenn ich rauskomme, dann halten alle nur noch ihre Handys hoch (lacht). Das ist manchmal nervig. Aber ansonsten geht’s.

tip Wenn Sie nun wieder im Olympiastadion spielen, gehen Sie da ganz einfach von zu Hause aus hin oder übernachten sie vorher im Hotel, um sich auf den großen Auftritt vorzubereiten?
Grönemeyer Das ist eine gute Frage. Ich fahre direkt von zu Hause aus hin. Aber als ich das erste Mal im Olympiastadion aufgetreten bin, habe ich hier im Hotel de Rome gewohnt. Dass ich dort spielen durfte, das war schon ein Glücksmoment. Es wäre kokett, das jetzt so locker abzutun. Das war schon einer der zentralen Momente. Klar, es gab immer wieder ganz besondere Konzerte, nach der Wiedervereinigung in Ahrensfelde oder auch das erste Mal in der Waldbühne. Ich habe auch schon vorm Rathaus in Wien gespielt, in der Semperoper und in der Royal Albert Hall. Man freut sich über jeden neuen Platz, den man sich erspielt. Aber dennoch, einmal im Olympiastadion gespielt zu haben, das war schon was.

tip Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Auftritt dort 2007?
Grönemeyer Ich weiß noch, dass die Sonne schien. Und ich erinnere mich noch genau an den Weg vom Bus in den Backstage-Bereich. Ich war natürlich tierisch nervös. Vorher haben sie geunkt: Muss das jetzt sein, reicht dir die Waldbühne nicht? Und: Kriegst du das überhaupt voll? Das Stadion ist wegen der Laufbahn auch nicht ganz einfach zu bespielen. Die Anlage ist zum Teil sehr ausladend, sehr weit, das hatte ich schon bei der WM und bei diversen Hertha-Spielen bemerkt. In der Enge einer reinen Fußball-Arena hat man es da leichter. Auch für das Publikum ist das nicht so einfach. Und trotzdem war es ein toller Abend, das haben auch Leute gesagt, Freunde von mir, die nicht immer alles super finden, was ich mache. Danach haben wir noch lange in der Hotelbar gefeiert, und dann habe ich noch stundenlang mit einer Zigarette auf dem Balkon gesessen und in den Himmel geguckt, bis die Sonne aufging, weil ich es kaum glauben konnte. Da werde ich heute noch ganz sentimental.

tip Bei ihren Konzerten kann man immer wieder erleben, wie eine ernorme Welle der Sympathie vom Publikum zu Ihnen hinüber schwappt. Wir haben uns gefragt: Kann man diesem Mann eigentlich auch böse sein? War er selbst mal richtig böse?
Grönemeyer Oh doch. Ich kann ein Zyniker sein, und ich kann auch ungestüm und ungerecht sein. Jeder Mensch trägt das ein Stück weit in sich. Man kann versuchen, seine bösen Seiten entweder zu kaschieren oder sie unter Kontrolle zu halten. Aber ich glaube, ich hab die gleichen Schwächen wie jeder andere auch. Dass die Leute mich für einen netten Kerl halten, hat mit meinen Liedern zu tun, und zum Teil natürlich auch mit meiner Biografie.

Herbert Grönemeyertip Und sicherlich auch mit Ihrem sozialen Engagement.
Grönemeyer Zum Teil sicherlich auch. Am liebsten möchte ich aber einfach als ein Mensch wahrgenommen werden, der den Leuten mit seiner Musik etwas gibt. Aber als guter Mensch? Ich hab auch schon viel Mist gebaut im Leben, so ist es nicht. Wenn die Leute das wüssten, würde von der Idee des guten Menschen einiges abbröckeln. Da wäre ich sehr vorsichtig (lacht).

tip Können Sie mit dem Begriff „Wutbürger“ etwas anfangen?
Grönemeyer Das ist ein gutes Wort.

tip Es hat aber auch einen negativen Beigeschmack. Was ein bisschen verwundert, weil es doch eigentlich etwas Positives ist, wenn Bürger wütend werden und sich engagieren und eine stärkere Mitsprache einfordern.
Grönemeyer Das sehe ich auch so. Ich finde es zynisch, den Leuten zu unterstellen, dass sie sich nur einmischen, weil sie gerade nichts Besseres zu tun haben. In Wahrheit ist es genau umgekehrt: Wenn uns was nicht passt, dann dürfen wir uns nicht zurückziehen, sondern müssen die Initiative ergreifen. Das ist eine Frage des Selbstverständnisses. Letztlich sind wir die Arbeitgeber und die Politiker sind unsere Angestellten. So sehe ich das.

tip Sie nehmen ja auch kein Blatt vor den Mund.
Grönemeyer Nein, wenn mir was nicht passt, dann sage ich das auch. Man muss sich aber davor hüten, zu allem seinen Senf abzugeben, nur weil man irgendwie prominent ist. Da wird’s gefährlich, da überschätzt man sich selber. Der Grat zwischen sinnvollem Engagement und Größenwahn ist schmal. Aber wenn ich etwas sagen kann zu Dingen, die mich stören oder die mich ärgern, dann mache ich das auch. Mit einer Wucht, mit der ich das auch machen würde, wenn ich nicht bekannt wäre.

tip Wenn Sie in Berlin Besuch bekommen, wo gehen Sie als erstes mit ihm hin? Was zeigen Sie?
Grönemeyer Was zeige ich? Ich liebe den Platz vor dem Reichstagsgebäude, weil er so lebendig ist. Er repräsentiert die Offenheit, von der ich eben gesprochen habe. Damit rechnet ja keiner. Als Christo den Reichstag verhüllt hat, waren wir mit einem holländischen Maler dort, einem Freund von meinem Vater. Es war wirklich rührend, weil er sagte: Ich hab noch nie so viele nette Deutsche getroffen. Sein Weltbild war völlig erschüttert. Viele denken ja nur an dieses Militante und dieses strenge Deutsche. Plötzlich kommt man auf so eine Fläche, wo die Leute picknicken oder Drachen steigen lassen. Und da oben sitzt die Regierung. Wenn man das mit der Downing Street vergleicht …

tip In der Londoner City ist es eben ein bisschen enger als im Zentrum von Berlin.
Grönemeyer Das meine ich ja. Diese Offenheit, diese Weite, die diese Stadt hat, das berührt mich. Immer wieder. Allein so eine Straße wie der Kaiserdamm: Wenn ich mit dem Auto durch die Gegend fahre und Musik höre, dann gucke ich mir das an und denke: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Auch wenn man reinfliegt, über diese Bäume und Flächen. Flieg mal nach London rein, da siehst du keinen Baum. Der Hyde Park und der Regent’s Park sind die einzigen Grünflächen. Wenn ich früher von Berlin geschwärmt habe, hielten mich alle für bekloppt. Bei der Vorstellung von „Bleibt alles anders“ im Oxymoron habe ich gesagt, dass diese Stadt die Leute anziehen wird wie ein Staubsauger. Und da haben alle gesagt: Was erzählst du denn da für einen Schwachsinn? Ich hab auch mal eine einstündige Rede über Berlin gehalten, das war bei den „Berliner Lektionen“. Es war das erste und einzige Mal, das ich überhaupt eine Rede gehalten habe – die reinste Liebeserklärung, vielleicht ein bisschen zu euphorisch. Aber ich hab diese Stadt nun mal irre gern.

tip Was war denn der Titel der Rede?
Grönemeyer Ich bin zwei Berliner.

Interview: Heiko Zwirner & Hagen Liebing

Mehr über Cookies erfahren