Konzerte & Party

Ein Interview mit Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyertip Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht? Man sagt den Berlinern ja nach, dass Sie sich von Prominenz nicht im Geringsten beeindrucken lassen.
Grönemeyer Ja, das ist auch so. Das ist eher der eigene Krampf. Die meisten Menschen, die auf mich zugehen und ein Foto wollen, sind Leute, die sich mit meiner Musik beschäftigen. Ich bin ja auch nicht jedermanns Darling.

tip Sie werden also nicht von ihren Fans verfolgt?
Grönemeyer Nein, nein. Die Berliner pflegen da schon eine gewisse Ignoranz – oder sie sagen mal kurz: Herbert, dufte, haste jut jemacht. Ich kann mich hier gut bewegen.

tip Obwohl inzwischen jedes Handy einen eingebauten Fotoapparat hat …
Grönemeyer Blöd wird’s, wenn du in einer privaten Situation bist, und dann stellt sich jemand hin und hält dir das Ding unter die Nase. Das gibt’s auch. Das geht aber schon bei meinen Konzerten los: Wenn ich rauskomme, dann halten alle nur noch ihre Handys hoch (lacht). Das ist manchmal nervig. Aber ansonsten geht’s.

tip Wenn Sie nun wieder im Olympiastadion spielen, gehen Sie da ganz einfach von zu Hause aus hin oder übernachten sie vorher im Hotel, um sich auf den großen Auftritt vorzubereiten?
Grönemeyer Das ist eine gute Frage. Ich fahre direkt von zu Hause aus hin. Aber als ich das erste Mal im Olympiastadion aufgetreten bin, habe ich hier im Hotel de Rome gewohnt. Dass ich dort spielen durfte, das war schon ein Glücksmoment. Es wäre kokett, das jetzt so locker abzutun. Das war schon einer der zentralen Momente. Klar, es gab immer wieder ganz besondere Konzerte, nach der Wiedervereinigung in Ahrensfelde oder auch das erste Mal in der Waldbühne. Ich habe auch schon vorm Rathaus in Wien gespielt, in der Semperoper und in der Royal Albert Hall. Man freut sich über jeden neuen Platz, den man sich erspielt. Aber dennoch, einmal im Olympiastadion gespielt zu haben, das war schon was.

tip Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Auftritt dort 2007?
Grönemeyer Ich weiß noch, dass die Sonne schien. Und ich erinnere mich noch genau an den Weg vom Bus in den Backstage-Bereich. Ich war natürlich tierisch nervös. Vorher haben sie geunkt: Muss das jetzt sein, reicht dir die Waldbühne nicht? Und: Kriegst du das überhaupt voll? Das Stadion ist wegen der Laufbahn auch nicht ganz einfach zu bespielen. Die Anlage ist zum Teil sehr ausladend, sehr weit, das hatte ich schon bei der WM und bei diversen Hertha-Spielen bemerkt. In der Enge einer reinen Fußball-Arena hat man es da leichter. Auch für das Publikum ist das nicht so einfach. Und trotzdem war es ein toller Abend, das haben auch Leute gesagt, Freunde von mir, die nicht immer alles super finden, was ich mache. Danach haben wir noch lange in der Hotelbar gefeiert, und dann habe ich noch stundenlang mit einer Zigarette auf dem Balkon gesessen und in den Himmel geguckt, bis die Sonne aufging, weil ich es kaum glauben konnte. Da werde ich heute noch ganz sentimental.

tip Bei ihren Konzerten kann man immer wieder erleben, wie eine ernorme Welle der Sympathie vom Publikum zu Ihnen hinüber schwappt. Wir haben uns gefragt: Kann man diesem Mann eigentlich auch böse sein? War er selbst  mal richtig böse?
Grönemeyer Oh doch. Ich kann ein Zyniker sein, und ich kann auch ungestüm und ungerecht sein. Jeder Mensch trägt das ein Stück weit in sich. Man kann versuchen, seine bösen Seiten entweder zu kaschieren oder sie unter Kontrolle zu halten. Aber ich glaube, ich hab die gleichen Schwächen wie jeder andere auch. Dass die Leute mich für einen netten Kerl halten, hat mit meinen Liedern zu tun, und zum Teil natürlich auch mit meiner Biografie.

Herbert Grönemeyertip Und sicherlich auch mit Ihrem sozialen Engagement.
Grönemeyer Zum Teil sicherlich auch. Am liebsten möchte ich aber einfach als ein Mensch wahrgenommen werden, der den Leuten mit seiner Musik etwas gibt. Aber als guter Mensch? Ich hab auch schon viel Mist gebaut im Leben, so ist es nicht. Wenn die Leute das wüssten, würde von der Idee des guten Menschen einiges abbröckeln. Da wäre ich sehr vorsichtig (lacht).

tip Können Sie mit dem Begriff „Wutbürger“ etwas anfangen?
Grönemeyer Das ist ein gutes Wort.

tip Es hat aber auch einen negativen Beigeschmack. Was ein bisschen verwundert, weil es doch eigentlich etwas Positives ist, wenn Bürger wütend werden und sich engagieren und eine stärkere Mitsprache einfordern.
Grönemeyer Das sehe ich auch so. Ich finde es zynisch, den Leuten zu unterstellen, dass sie sich nur einmischen, weil sie gerade nichts Besseres zu tun haben. In Wahrheit ist es genau umgekehrt: Wenn uns was nicht passt, dann dürfen wir uns nicht zurückziehen, sondern müssen die Initiative ergreifen. Das ist eine Frage des Selbstverständnisses. Letztlich sind wir die Arbeitgeber und die Politiker sind unsere Angestellten. So sehe ich das.

tip Sie nehmen ja auch kein Blatt vor den Mund.
Grönemeyer Nein, wenn mir was nicht passt, dann sage ich das auch. Man muss sich aber davor hüten, zu allem seinen Senf abzugeben, nur weil man irgendwie prominent ist. Da wird’s gefährlich, da überschätzt man sich selber. Der Grat zwischen sinnvollem Engagement und Größenwahn ist schmal. Aber wenn ich etwas sagen kann zu Dingen, die mich stören oder die mich ärgern, dann mache ich das auch. Mit einer Wucht, mit der ich das auch machen würde, wenn ich nicht bekannt wäre.

tip Wenn Sie in Berlin Besuch bekommen, wo gehen Sie als erstes mit ihm hin? Was zeigen Sie?
Grönemeyer Was zeige ich? Ich liebe den Platz vor dem Reichstagsgebäude, weil er so lebendig ist. Er repräsentiert die Offenheit, von der ich eben gesprochen habe. Damit rechnet ja keiner. Als Christo den Reichstag verhüllt hat, waren wir mit einem holländischen Maler dort, einem Freund von meinem Vater. Es war wirklich rührend, weil er sagte: Ich hab noch nie so viele nette Deutsche getroffen. Sein Weltbild war völlig erschüttert. Viele denken ja nur an dieses Militante und dieses strenge Deutsche. Plötzlich kommt man auf so eine Fläche, wo die Leute picknicken oder Drachen steigen lassen. Und da oben sitzt die Regierung. Wenn man das mit der Downing Street vergleicht …

tip In der Londoner City ist es eben ein bisschen enger als im Zentrum von Berlin.
Grönemeyer Das meine ich ja. Diese Offenheit, diese Weite, die diese Stadt hat, das berührt mich. Immer wieder. Allein so eine Straße wie der Kaiserdamm: Wenn ich mit dem Auto durch die Gegend fahre und Musik höre, dann gucke ich mir das an und denke: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Auch wenn man reinfliegt, über diese Bäume und Flächen. Flieg mal nach London rein, da siehst du keinen Baum. Der Hyde Park und der Regent’s Park sind die einzigen Grünflächen. Wenn ich früher von Berlin geschwärmt habe, hielten mich alle für bekloppt. Bei der Vorstellung von „Bleibt alles anders“ im Oxymoron habe ich gesagt, dass diese Stadt die Leute anziehen wird wie ein Staubsauger. Und da haben alle gesagt: Was erzählst du denn da für einen Schwachsinn? Ich hab auch mal eine einstündige Rede über Berlin gehalten, das war bei den „Berliner Lektionen“. Es war das erste und einzige Mal, das ich überhaupt eine Rede gehalten habe – die reinste Liebeserklärung, vielleicht ein bisschen zu euphorisch. Aber ich hab diese Stadt nun mal irre gern.

tip Was war denn der Titel der Rede?
Grönemeyer Ich bin zwei Berliner.

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