Konzerte & Party

Ein Interview mit Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer

Wir trafen den Sänger im Hotel de Rome und sprachen mit ihm über seine Sicht auf Berlin, das Leben als Promi und den Zauber, der einem großen Konzert innewohnen kann.

tip?Herr Grönemeyer, sind Sie ein Berliner?
Grönemeyer?Ich komme ja aus dem Ruhrgebiet. Ich denke, die Berliner haben viel  mit den Menschen dort gemeinsam: Sie haben die gleiche große Klappe. Auch wenn die Leute im Ruhrgebiet vielleicht einen Zacken freundlicher sind – die Art, das Herz auf der Zunge zu tragen, ähnelt sich schon sehr. Zum ersten Mal hab ich 1977 ein Jahr lang hier gewohnt, und an der Freien Volksbühne Theater gespielt. 1993 bin ich dann wieder nach Berlin gezogen und bin dann ’98 nach London gegangen. Seit ungefähr zwei Jahren pendele ich hin und her. Aber ich bin unglaublich gerne hier. Und die Mentalität liegt mir auch.

tip Halten Sie sich häufiger in London auf oder in Berlin?
Grönemeyer Im Moment bin ich sicherlich mehr in Berlin. Aber ich habe immer auch einen Fuß in London, was mit meiner Arbeit zu tun hat.

tip Ihr musikalisches Herz scheint aber in Berlin zu schlagen. Sie haben in den Räumen des legendären Hansa-Studios ein eigenes kleines Studio …
Grönemeyer Das ist kein klassisches Studio, eher eine Art erweitertes Wohnzimmer. Da haben wir auch viele Ideen für die neue Platte entwickelt.

Herbert Grönemeyertip Wann wussten Sie, dass die Zeit für ein neues Grönemeyer-Album gekommen ist?
Grönemeyer Als ich die Filmmusik für „The American“ von Anton Corbijn geschrieben habe, merkte ich: Es kommt wieder was, es sammeln sich Lieder an, ich bin wieder in der Lage, was Neues zu schreiben. Aber wenn ich eine Platte gemacht habe, so wie jetzt, dann bin ich auch froh, wenn ich das hinter mir habe. Zu Hause klimpere ich dann schon noch vor mich hin, aber das Aufnehmen und der ganze Prozess im Studio gehören nicht zu den größten Freuden in meinem Leben. Ich gehe lieber raus und spiele.

tip In einem Porträt in der ARD war zu sehen, dass Sie beim Entstehen Ihrer Lieder zunächst nur völlig unverständlichen Kauderwelsch singen.
Grönemeyer Immer. Ich singe alle Lieder erstmal nur mit so einem Bananentext. Es ist auch fast immer der gleiche Kauderwelsch, manche Zeilen fräsen sich einfach ein. Auch der Band spiele ich die Stücke zuerst mal so vor. Das sind auch schöne Versionen.

tip Und wie werden daraus richtige Gröne­meyer-Texte?
Grönemeyer Irgendwann muss ich halt einen deutschen Text drauf schreiben. In den Bands, in denen ich früher gespielt habe, war das so, da schrieb man seine Lieder. Am Wochenende hatte man dann einen Gig und irgendein Text musste her. Und dann setzte man sich nachts hin, meistens gemeinsam, und kauderwelschte sich was zusammen. Damals haben wir allerdings noch englisch gesungen. Jetzt muss ich deutsch schreiben, das muss ich ein bisschen ernster nehmen (lacht). Die Deutschen denken ja immer, dass Bands so arbeiten: Am Anfang sitzt da ein Dichter und dichtet ein großes Werk, und dann kommt einer und macht ein bisschen Musik dazu … Das war vielleicht früher bei den Politbarden so, aber ich kenne das nur andersrum. Erst die Musik und dann die Texte. Sie entstehen dann in einer zwei-, dreimonatigen Phase. Da versuche ich, herauszufinden: Wie geht’s dir gerade? Worüber denkst du gerade nach? Letztendlich repräsentieren die Texte dann die Stimmung, in der ich mich gerade befinde. Und deswegen haben die Lieder auch oft ein bisschen was miteinander zu tun, oder die Worte doppeln sich.

Herbert Grönemeyertip Erstaunlich, dass Sie das Texten offensichtlich als notwendiges Übel betrachten. Wir hätten eher vermutet, dass Sie da ein ganz besonderes Sendungsbewusstsein haben.
Grönemeyer Also, erst mal bin ich kein besonders guter Geschichtenerzähler. Ich bewundere Leute, die das können. Zum anderen versuche ich, die Sprache wie ein zusätzliches Instrument einzusetzen. Ich will hinkriegen, dass sich der Text an die Musik anschmiegt. Im Englischen ist das übrigens viel einfacher, da legt sich der Text wie von selbst auf die Musik. Im Deutschen neigt man eher dazu, wie ein Ingenieur an die Texte heranzugehen – was natürlich auch eine Qualität sein kann. Mir geht es letztens Endes um das Gefühl, das bei einer Nummer rüberkommt. Entweder, sie gefällt dir oder sie gefällt dir nicht. Dann kann man hinterher sagen: Ich finde auch den Text gut.

tip Auch wenn er eher wie ein abstraktes ­Gemälde funktioniert.
Grönemeyer Ich muss nicht ununterbrochen irgendwelche Inhalte vermitteln. Es darf auch mal ein bisschen abstrakter bleiben. Wenn ich nun ein Lied über Afghanistan mache wie „Auf dem Feld“, dann versuche ich schon klar zu machen, worum es mir geht. Aber es muss nicht immer alles plakativ sein. Schließlich bin ich Sänger. Bei meinen Konzerten halte ich ja auch keine Vorträge, sondern mache Musik. Gut, vielleicht sage ich zwischendurch auch mal was. Aber dann denke ich auch, ich muss jetzt was sagen.

tip Ist es Ihnen denn lästig, wenn Leute versuchen, Ihre Texte zu deuten und sich fragen: Wie ist der Mann jetzt drauf? Was hat der jetzt im letzten Jahr erlebt?
Grönemeyer Dass die Leute bei mir ganz genau hinhören, hat sicher auch mit meiner Biografie zu tun und damit, dass ich Ende der 90er einen Schicksalsschlag hatte (im Abstand weniger Tage starben Grönemeyers Frau und auch sein Bruder). Vorher war das nicht so. Da hat man meine Musik auch gehört, aber ich war nicht so eine autobiografische Figur. Plötzlich stand ich mit einer tragischen Geschichte in der Öffentlichkeit und alle stiegen da­rauf ein. Was auch sehr hilfreich war. Ich wäre ganz froh, wenn ich wieder dahin komme, dass man meine Musik einfach so nimmt, wie sie ist, und nicht nur nach autobiografischen Elementen sucht.

Herbert Grönemeyertip Aber ist es nicht so, dass Ihre Hörer die Kunst, die Sie machen, automatisch mit dem realen Leben vermengen?
Grönemeyer Ja, aber dafür kann ich ja nichts. Es ist auch ein bisschen gefährlich, von den Texten auf den Sänger zu schließen. Ich denke zwar schon, dass da auch Biografisches mit einfließt, na klar. Aber trotzdem ist es eine Stilisierung. So, wie ich mich in meinen Texten darstelle, bin ich nämlich gar nicht.

tip Lassen Sie uns ein bisschen über Ihr Verhältnis zu Berlin reden. Interessieren Sie sich als Pendler zwischen zwei Metropolen für alltägliche Themen? Verfolgen sie den Wahlkampf in Berlin?
Grönemeyer Wann wird denn gewählt?

tip Im September. Aber vielleicht dürfen Sie als Mensch aus dem Ruhrgebiet ja gar nicht mit abstimmen.
Grönemeyer Der Pottler in Berlin? Klar darf ich wählen.

tip Gibt es einen Kiez, dem Sie sich besonders verbunden fühlen?
Grönemeyer Nein. Ich fühle mich hier zwar absolut zu Hause, als sogenannter Westdeutscher oder Londoner sehe ich die Stadt aber vielleicht kompletter. Ich bin kein Kiez-Typ, mir gefällt Berlin in seiner Gänze. Ich lebe ja nun schon lange in London und wir waren gerade in New York, weil wir da abgemischt haben … Diese Weite und diese Riesenstraßen und diese Offenheit und dieser Himmel überall, das gibt’s nirgendwo sonst auf der Welt – nicht in Paris, nicht in London, nicht in New York, nirgendwo. Vielleicht in Buenos Aires, aber da war ich noch nie. Mich fasziniert die Weite von Berlin, deswegen: Ein einzelner Kiez ist für mich einfach zu eng.

tip Andere Wahlberliner haben einen erstaunlichen Hang zum Kiezpatriotismus. Kaum sind sie in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg angekommen, da fangen sie auch schon an, so zu tun, als hätten sie nie woanders gelebt.
Grönemeyer Ich merke sofort, dass ich zucke, wenn die Leute anfangen, so über ihre Viertel zu reden, wie die Hamburger es früher immer gemacht haben. Dieses ständige: Wo kommst du her? – Aus Eppendorf. – Wo denn da? – Isestraße. – Auf welcher Seite denn? Damit kann ich nichts anfangen. Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Für uns heißt es nicht Bochum-Stiepel oder Bochum-Wiemelhausen. Das kennen wir gar nicht. Da sagen wir: Was ist das denn für’n Quatsch? Für uns ist Ruhrgebiet Ruhrgebiet. Berlin sehe ich genauso. Ich mag die Größe, die Wucht, die Dynamik. Ich langweile mich aber sofort, wenn mir irgendein alter Westberliner erzählt, dass schon wieder ein Traditionsgeschäft zugemacht hat.

Herbert Grönemeyertip Dem einen oder anderen Berliner ist die Dynamik vor seiner Haustür vielleicht ein bisschen zu groß.
Grönemeyer Ich finde, die Berliner sollten einsehen, dass Leute, die neu dazu kommen, nicht automatisch eine Belastung sind, sondern dass sie sich freuen können. Die Gastfreundschaft der Berliner hält sich ja sehr in Grenzen, weil sie schnell sagen: Das ist mir alles zu viel und zu laut. Ich werde nie vergessen, wie ich 1993 mein Haus in Zehlendorf gekauft habe. Als ich die Frau fragte: Sagen Sie mal, wieso verkaufen Sie denn eigentlich? Da hat sie mir zugeflüstert: Hier ist es mir zu hektisch geworden (lacht). Dabei kann man sich selbst heute, fast 20 Jahre später, kaum eine verschlafenere Gegend vorstellen. Berlin ist ja nach wie vor relativ zurückgelehnt, da passt der Bär als Wappentier schon ziemlich gut. In New York und London reden sie jetzt mit einer großen Faszination von Berlin und seiner Gelassenheit. Das kannten die bisher gar nicht, dieses Bärenartige, dieses Zurückgelehnte.

tip Was hat sich aus Ihrer Sicht zwischen Ihrem Umzug 1998 und Ihrer Rückkehr in der Stadt getan?
Grönemeyer Sie ist entspannter geworden.

tip Entspannter?
Grönemeyer Viel entspannter. Für die Berliner selbst vielleicht nicht, aber von außen wirkt die Stadt deutlich entspannter. Ich glaube einfach, dass Berlin trotz allem, was es hier an Kulturunterschieden gab, langsam tatsächlich zu einem neuen Ganzen zusammenwächst und irgendwann ein Normalzustand zurückkehrt.

tip Ist Berlin in Ihren Augen internationaler geworden?
Grönemeyer Das kommt hinzu, ja. Dieser Prozess dauert an, und muss man dabei auch ein bisschen aufpassen, denn Berlin ist noch keine Weltstadt im eigentlichen Sinne. Trotzdem ist den Berlinern zum Teil gar nicht bewusst, mit welcher Freude Menschen hierher ziehen und wie wohl sie sich fühlen. Ich kenne eine Frau aus Cardiff, die seit zwei Jahren hier lebt. Sie hat mir erzählt, dass sie beim Anflug auf Berlin immer das Gefühl hat, nach Hause zu kommen. Das ist eine unglaubliche Qualität, wenn Menschen von außen in eine Stadt kommen und sagen: Ich fühle mich hier echt zu Hause. Das ist in New York schwer und in London noch schwerer, da müssen die Leute wirklich ranklotzen, um auch nur halbwegs über die Runden zu kommen.

tip Würden Sie in Berlin mit der U-Bahn fahren?
Grönemeyer Ja, ich würde mit der U-Bahn fahren. Es wäre zwar gelogen, wenn ich nun behaupten würde, ständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, aber ich schotte mich auch nicht ab. In Berlin bin ich vielleicht etwas angespannter als in London, weil ich natürlich weiß, dass man mich hier eher erkennt. Da bin ich nicht ganz so locker. Manchmal komme ich nach Berlin, stehe am Flughafen und wundere mich plötzlich: Warum gucken die denn alle so? Dann brauche ich ungefähr zehn Sekunden, bis mir einfällt: Ach ja, stimmt, ich bin ja ein Promi. So ungefähr. Es ist ja schließlich nicht so, dass ich morgens aufstehe und sage: Hey, ich bin Herbert Grönemeyer.

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