Konzerte & Party

Ein Interview mit Max Raabe

Max Raabe und Annette Humpe

tip Die Zeile „Küssen kann man nicht alleine“ hat sich Annette Humpe für Sie ausgedacht. Was macht den Satz so passend zu Ihrem Zwanziger-affinen Stil?
Max Raabe Ich dachte, es klingt, als ob es die­­se Zeile schon gibt. Dazu kommt diese Selbst­verständlichkeit: Natürlich kann man nicht alleine küssen. In den Zwanzigern findet man das oft: diese Einfachheit, Dinge, die man eigentlich nicht extra hätte erwähnen müssen. Dadurch entsteht ein besonderer Humor, eine Leichtigkeit. Drum herum muss dann etwas passieren, das es konterkariert. Also erzähle ich in dem Stück vorher und nachher, was ich alles kann, was für ein toller Hecht ich bin. Nur an dem einen Punkt kommt man eben allein nicht weiter…

tip An süße alte Zeiten erinnert auch, dass es sich „nur“ ums Küssen dreht…
Max Raabe Sie meinen, weil Küssen nicht so der Bringer ist? Ich finde, das Küssen soll man nicht unterschätzen! Der Dreh bei dem Lied ist aber diese naive, verblüffende Feststellung.

tip Die Kombination Humpe und Raabe ist zunächst ein ziemlicher Kontrast. Wo Annette Humpe zuletzt mit Ich&Ich für gefühlsbetonte, ernste Themen stand.
Max Raabe
Gerade das hat ihr Spaß gemacht – endlich mal komisch zu sein, ironisch. In Songs zum Beispiel wie „Du weißt nichts von Liebe“, das wie Gustav Mahler beginnt, und wo ich Sachen singe wie: Du weißt nichts von Liebe. Plötzlich kommt dieser Bruch mit dem Satz: „Ich krieg noch Geld von dir zurück, das überweist Du.“ Solche Sachen hätte Annette mit Ich&Ich nicht in dieser Form machen können.

Max Raabe und Annette Humpetip Zusätzlich zu dem von Orchester-Samples geprägten Album haben Sie eine zweite CD gemacht mit klassischen Arrangements. Warum beide Varianten?
Max Raabe Dass es sich so auswächst, war anfangs nicht geplant. Nicht mal, dass ein ganzes Album dabei herauskommt. Zuerst dachte ich: So ein Titel, mal was Neues dabei zu haben, das wär‘ schön. Aber irgendwann sind wir aus der Arbeitswut gar nicht mehr rausgekommen. Im Sommer haben wir uns dann Zeit freigeschaufelt. Wenn ich die Platte jetzt höre, weiß ich oft genau: Bei diesem Stück haben wir im Garten gesessen, hier waren wir baden, dort haben wir am Küchentisch gesessen. Mit Christoph Israel (Solo-Pianist von Max Raabe, d. Red.) haben wir die Arrangements immer direkt erarbeitet, Stück für Stück. Ich hab’ das spontan eingesungen, manchmal barfuß und in kurzer Hose.

tip Diese spontanen Aufnahmen sind der Kern des Albums?
Max Raabe
Genau. Anfangs sollte das nur eine Arbeitsspur werden. Die ursprüngliche Idee war, dass wir das Album mit großem Kammerorchester und den Mitgliedern des Palast Orchesters einspielen. So haben wir es dann ja auch gemacht. Aber später haben wir festgestellt, dass diese Version ganz anders klingt als das, was wir mit Computer-Instrumenten eingespielt hatten. Die sogenannte Computerversion hatte was ganz Leichtes und Beiläufiges. Annette fand es schade, dass das Freche und Naive aus den Liedern gegangen war – der Pop. Also haben wir gesagt: Dann machen wir beides.

tip Ist das Spiel mit dem Pop auch eine Möglichkeit für Sie, ein wenig aus der bekannten Kunstfigur Max Raabe herauszutreten?
Max Raabe Ich finde die Figur gar nicht so künstlich. Das ist schon Teil meiner Art, meiner Haltung. Die neue Platte stellt also keinen Bruch dar. Für mich ist es eine konsequente Weiterentwicklung meines Stammrepertoires. Gemäß der Frage: Wie hätten sich die Komponisten der Zwanziger- und Dreißigerjahre verhalten, wenn man sie nach heute gebeamt hätte, mit all dem Hintergrundwissen der Popgeschichte? Es ist für mich zwar etwas Neues. Gleichzeitig muss ich mich nicht verbiegen oder etwas machen, das nicht passend wäre.

Interview: Ulrike Rechel

Fotos: Olaf Heine

Max Raabe
CD „Küssen kann man nicht alleine“ (Decca/Universal)

Konzert
Waldbühne, Sa 20.8., 20 Uhr, VVK: 37?–?60 Euro

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