Konzerte & Party

Ein Interview mit Perfume Genius

Mike Hedreas alias Perfume Genius

Auf seiner dritten Platte „Too Bright“ ist er besser denn je. Im tip-Interview spricht er offen über Drogen, Mainstream-Druck, anonymen Sex im Park und peinliche Schüchternheit trotz Glamour-Look.

tip Sie sind von New York nach Seattle umgezogen, um Drogen und Depression zu überwinden. Geht es Ihnen jetzt besser?
Mike Hadreas Ja, so ist es. Nachdem ich aufhörte, zu trinken und Drogen zu nehmen, war das trotzdem eine Zeit lang das erste, woran ich dachte, wenn ich ein Problem hatte. Das passiert inzwischen nicht mehr. Ich fühle mich selbstsicherer. Auf der anderen Seite war ich jahrelang süchtig und hab Sachen verdrängt, die nun alle wiederkommen. Darum geht es auch oft in meiner Musik.

tip Was hilft Ihnen, fröhlich zu sein?
Mike Hadreas Essen allgemein. Ach, ich weiß nicht. (lacht) Ich bin kein besonders glücklicher Mensch, wenn auch nicht depressiv. Ich bin oft in düsterer Stimmung, und es gelingt mir nicht gut, dankbar für all das Schöne zu sein.

tip Aber gerade lächeln Sie viel.
Mike Hadreas Ich bin auch niemand, der permanent schlechte Laune verbreitet.

tip Hören Sie manchmal fröhliche Musik?
Mike Hadreas ?Nein.

tip Ihr drittes Album klingt viel rhythmischer und bombastischer als die ersten beiden.
Mike Hadreas Es gab etwas Druck von Leuten, die wollten, dass es mainstreamiger wird. Das wollte ich letzten Endes nicht. Aber ich war selbst gespannt darauf, was passiert, wenn ich nicht so ängstlich bin, noch mehr mit Sounds zu experimentieren – auch mal das Risiko einzugehen, lächerlich zu klingen, etwa in anderen Tonhöhen zu singen.

tip Hat sich dadurch Ihre Beziehung zum Klavier verändert?
Mike Hadreas Irgendwie schon. Es ist ja das einzige Instrument, das ich spielen kann. Mit dem Klavier startet also immer alles. Früher schrieb ich aber nur Akkorde. Mittlerweile versuche ich mehr, an den Gesamtklang zu denken.

tip Welche Songs spielen Sie, wenn Sie allein zu Hause sind?
Mike Hadreas Nicht meine eigenen, eher Songs wie „Lover’s Lullaby“ von Townes Van Zandt oder „Body’s in Trouble“ von Mary Margaret O’Hara.

tip Sie werden oft mit Antony and the Johnsons verglichen.
Mike Hadreas Ich liebe ihn. Das ist wie der Soundtrack meines Lebens als Twen.

tip Ihr eigener Song „Learning“ wurde von The National gecovert.
Mike Hadreas Eine große Ehre ist das – aber auch verrückt, einen so persönlichen Song aus einer anderen Perspektive zu hören. Ich finde sogar, ihre Version klingt noch aufwühlender – was ich definitiv mag.

tip Im Song „No Good“ singen Sie „To me love was always a hidden thing“. Dann geht es um anonymen Sex im Park.
Mike Hadreas Der Song ist nicht aus meiner Perspektive geschrieben, eher aus der eines älteren schwulen Mannes, aus einer Zeit, in der er sich nicht outen konnte.

tip Sie sind eine queere Ikone. Haben Sie jemals das Gefühl, Ihre Lieben verstecken zu müssen?
Mike Hadreas Oh ja, und ich wünschte, es wäre nicht so. Jedes Mal, wenn das passiert, schäme ich mich – zum Beispiel, wenn mein Freund meine Hand halten möchte und ich sie wegschüttle, weil mich das Gefühl beschleicht, das käme hier gerade nicht gut.

tip Selbst in Seattle?
Mike Hadreas Ja, auch hier. Das ist ein sehr persönliches Unbehagen. Und ich mag das überhaupt nicht, denn ich bin auch stolz auf mich und wie ich bin. In meiner Musik verstecke ich überhaupt nichts. Im realen Leben so vorsichtig und defensiv zu sein, ist mir peinlich. Aber es kommt auch sehr auf die Tagesform an. Manchmal fühl ich mich gestört und verlasse das Haus erst gar nicht. Dann wieder trage ich ein so krasses Outfit, dass ich vor dem Spiegel denke: Vielleicht lege ich doch ein oder zwei Accessoires wieder ab.

tip Ist David Bowie eine Inspiration für Ihren androgynen Glamour-Look, etwa im  Musikvideo zur Single „Queen“?
Mike Hadreas Oh ja, sicher. Vielleicht hat er es ein bisschen übertrieben, aber ich versuche definitiv, etwas davon aufzugreifen. Ich mag es, einen Anzug mit High Heels zu kombinieren.

tip Wie fühlt es sich an, mit Ihrem festen Freund zusammen aufzutreten?
Mike Hadreas Er ist immer dabei, bei jeder Tour. Anders kann ich es mir gar nicht mehr vorstellen. Gerade als ich mich früher noch nicht so sicher auf der Bühne fühlte, gab mir das ein gutes Gefühl: jemanden anschauen zu können, den ich liebe. Nur manchmal zeigt sich die Kehrseite, wenn man sich 24 Stunden am Tag sieht. (lacht)

tip Auf dem zweiten Album haben Sie zusammen ein schwules Liebesduett aufgenommen. Fühlen Sie eine politische Verantwortung?
Mike Hadreas Ja. Lange hatte ich das Gefühl, mein Leben sei sinnlos. Wenn es mir gelänge, Menschen die Scham und die Schwäche zu nehmen, die ich fühlte, wäre das toll. Das wünsche ich mir.

tip In „Don’t let them in“ singen Sie über brutale Träume.
Mike Hadreas Ich hab insgesamt ziemlich verrückte Träume. (lacht) Aber in diesem Song geht es um Leute, die sich beleidigend verhalten, ohne es zu wollen oder auch nur merken. Zum Beispiel Leute, die über „die Schwulen“ als einheitliche Gruppe reden, als wären alle dumme Friseure. Oder umgekehrt: Leute, die sagen: „Ich mag dich, weil ich Schwule mag.“ Das ist genauso dumm. Das fühlt sich für mich so an, als würde man mich meiner Persönlichkeit berauben. Wenn man Leute, die so reden, anschreien würde, wüssten sie aber nicht einmal wieso. Aber natürlich habe ich auch schwule Attribute und stelle sie manchmal auch zum Spaß heraus. Ach, das ist eine komplizierte Sache.

Interview: Stefan Hochgesand

Foto: Luke Gilford

Perfume Genius, Lido, Cuvrystraße 7, Kreuzberg, Mo 17.11., 20 Uhr, VVK: 17 Euro zzgl. Gebühr

Lesen Sie hier die Konzert-Ankündigung: Perfume Genius im Lido

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