Konzerte & Party

Phillip Boa im Huxleys

Phillip Boa

tip Independent Musik bedeutet Freiheit, und dass man sich als Künstler gegen den Status Quo stellt. Funktioniert das heute noch in der Musik?
Phillip Boa Nein, nicht generell. Beziehe ich das aber auf meine kleine Welt des Voodooclub, funktioniert es. Ich bewege die Leute dazu, anders zu denken und sage meine Meinung, die politisch weder rechts, links oder parteipolitisch angesiedelt ist. Ich würde gern mehr meine Meinung sagen, nur habe ich die Plattform nicht. Das ist aber auch eine gefährliche Sache. Man hat das bei Sven Regener gesehen, der sich in seiner Wutrede gar nicht für sich selbst, sondern für andere einsetzt hat und dafür unglaublich angegangen wurde. Was er getan hat, ist im Grunde die Aufgabe von jungen Musikern. Aber die nehmen heute alles hin und finden es cool, wenn sie eine GEMA-Abrechnung über 18 Euro erhalten. Im Grunde ist der Protest nicht die Aufgabe von etablierten Künstlern. Junge Künstler müssen protestieren.

tip Kann Musik denn noch etwas bewegen?
Phillip Boa Popularmusik, die Tiefe hat, ist für mich immer noch mehr als Musik. Aber das Potential der Künstler wird nicht genutzt. Heute verstecken sich alle und nehmen alles hin. Occupy Wall Street fand ich sehr cool. Dort spielten viele Musiker, die die Demonstranten unterstützt haben. Das hat ein ganz anders Bewusstsein eröffnet. Das fehlt mir in Deutschland. Hier wird eine Menge verboten.

tip Stört es sie, dass Musik in der Leitkultur von anderen Medien abgelöst worden ist?
Phillip Boa Warum ist sie nicht mehr Leitmedium Nummer Eins: Weil alle nur noch Hosenscheißer sind. Heute werden viele Top-Ten-Hits von Werbeagenturen geschrieben. Das ist erschreckend. Wie kann eine Jugend vor etwas Respekt haben, wenn alles formatiert ist?

Phillip Boatip Spielten Charts für sie denn jemals eine Rolle?
Phillip Boa Für mich ist ein guter Song ein guter Song. Wenn Lana Del Ray Nummer Eins in England ist, dann ist es mir völlig egal, ob sie operiert ist oder nicht. Mich interessiert es nicht, ob ein Song in den Charts ist. Aber die Charts bestehen nur noch aus formatierter Ware.

tip Als Künstler im Independenbereich reicht es heute nicht mehr aus, sich auf bewährte Vertriebswege zu verlassen und den Plattenfirmen die Vermarktung zu überlassen. Hat diese Situation Einfluss auf ihre Arbeit als Künstler?
Phillip Boa Wir kontrollieren mehr oder minder alles selbst. Im Grunde haben wir so schon immer gearbeitet. Aber wir sind eine etablierte Band. Ich rede darum ungern über meine eigene Situation. Heute gibt es keine Lobby und keinen Platz mehr zur Entfaltung für Künstler, die mehr wollen als Kommerz.

tip Aber kleine Labels setzen ja genau an diesem Punkt an.
Phillip Boa Wir sind selber bei einer kleinen Plattenfirma. Denen werden die Möglichkeiten zunehmend zerstört. Das ist sehr traurig. Ich kritisiere nicht einmal mehr die großen Plattenfimen wie Universal oder Warner. Im Nachhinein war das Arbeiten mit denen immer okay. Selbst die Abrechnungen waren das. In der heutigen Management-Kultur der großen Konzerte ist allerdings kein langfristiges Denken mehr möglich. Aber gerade das braucht ein junger Künstler.

tip Kleinere Plattenfirmen müssen sich demnach stärker auf das Produkt konzentrieren?
Phillip Boa Für Cargo, mein aktuelles Label, ist es gut, dass eine etablierte Band zu ihnen geht. Viele große Acts haben oft gar keine Plattenfirma mehr. Ich will allerdings nicht zum Geschäftsmann werden. Das Hauptproblem ist die GEMA, die ihre Autoren, egal ob klein oder groß, nicht schützt und vollkommen falsche Dinge anfasst und jetzt für Clubs und Veranstalter die Gebühren extrem erhöht. Das sind absurde Modelle. Denn sie sind letztlich die Orte, wo noch gute Musik gespielt wird.

tip Die Argumentation der GEMA kehrt seltsamerweise diesen Punkt völlig um. Früher haben Discotheken und Clubs Musik bekanntgemacht. Sie waren dafür verantwortlich, dass Musik verkauft wurde. Heute sollen sie dafür zahlen, dass überhaupt Musik läuft.
Phillip Boa Das Perverseste aber ist: das eingenommene Geld kommt in einen großen Topf. Ausgeschüttet wird es nicht an alle Mitglieder, sondern nur an die 100 Größten. Von dem Topf bedienen sich die, die ohnehin die größten Umsätze haben. So ist es überall, in jeder Sparte der GEMA.

tip Sind Plattformen wie Spotify eine Alternative?
Phillip Boa Ich habe nichts gegen Spotify und Co. Aber auch hier ist die Ausbeutung der Musiker ein noch viel zu weicher Begriff. Und die GEMA lässt sich komplett abziehen: Das ist der eigentliche Skandal. Ihre einzige Aufgabe besteht darin, Autoren und Künstler und deren Musik zu schützen. In diesem Punkt versagt sie zu 100 Prozent. Ich kann das nur noch einmal wiederholen: Ich habe nichts gegen iTunes und Spotify. Mir ist aber aufgefallen, dass Leute Musik so den ganzen Tag hören, weil es ein sehr bequemes System ist. Musik verkommt zur Fahrstuhlmusik.

tip Musik bewegt also nichts mehr?
Phillip Boa Es gibt vor allem kaum noch Künstler, die etwas bewegen wollen. Viele junge Bands geben zu schnell auf.

Phillip Boatip Das Argument für Musik und gegen schwindende Plattenverkäufe sind Konzerte. Sie scheinen für eine Band heute wichtiger den je zu sein.
Phillip Boa Das war immer wichtig, weil es ganz einfach großen Spaß macht. Aber noch einmal, mir geht es gar nicht so sehr um mich. Ich vermisse in unserer Gesellschaft das Nachdenken darüber, was einem indoktriniert, was angeboten und vorgeschrieben wird. Es wird soviel verboten und so viele Leute reagieren darauf mit Gleichgültigkeit – das ist der Tod jeder Gesellschaft. Musik ist schon immer die Revolution gewesen, um ein Lebensgefühl auszudrücken. Musik sollte der Soundtrack für das Nein-Sagen sein.

tip Gehen Sie als Künstler ihren Weg um so konsequenter?
Phillip Boa Das ist davon vollkommen unabhängig. Ich habe den Anspruch, neue Songs zu schreiben und wenn es geht, will ich nicht den Spruch hören: „Früher war er besser“. Das ist ein sehr guter Antrieb. Ich schreibe Songs und gehe auf Tour. Daran hat sich nie etwas geändert.

tip Früher gab es fast jedes Jahr ein neues Phillip Boa-Album …
Phillip Boa (lacht) Das würde ich sofort wieder machen. Es ist aber nicht mehr möglich. Wenn eine Plattenfirma mir Geld geben würde für ein Album, dann würde ich nur noch Songs schreiben. Die Beatles haben in ihren besten Zeiten pro Jahr zwei Alben veröffentlicht. Das ist gut, man kommt in diesem Arbeitsfluss nicht zum Nachdenken. Und man ist frei in seinem Schaffen, weil man nicht ständig alles in Frage stellt. Wenn man sich Gedanken um den Markt und den Vertrieb macht, kann man keine Musik machen. Ich würde gern viel mehr Musik machen. Aber die armen Plattenfirmen, ich sage das ganz ohne Sarkasmus, können das finanziell gar nicht verkraften.

Interview: Martin Daßinnies

Fotos: Ole Bredenfoerder · famouzphotographs.com

Die Plattenkritik: Spröder Charme
Phillip Boa And The Voodooclub - LoyaltyNach kurzer Phase mit Major-Vertrag ist Phillip Boa längst wieder fest im Underground verwurzelt. Sein jüngstes Album klingt rau und krachig. Die E-Gitarre herrscht, schlägt auch mal Punkakkorde an („Want“). Trotz Garagen-Dunst und den massigen Beats von Ex-Dresden-Doll Brian Viglione kommt Boa stets beim Popsong an. Unverzichtbar ist natürlich Pia Lund. Von dunklem Synth-Pop bis zur Vergänglichkeitseuphorie in „Till The Day We Are Both Forgotten“ klingt alles tief vertraut und teils selbstreferenziell – was aber überhaupt keine schlechte Nachricht sein soll.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Annehmbar

Phillip Boa And The Voodooclub, Loyalty live im Huxleys neue Welt, 8. Dezember 20.30 Uhr

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