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Ein Interview mit Pierre Deutschmann

Pierre Deutschmann

tip Der Titel Deines aktuellen Albums stellt ein Wortspiel da: „Betroit“ setzt sich aus Berlin und Detroit zusammen. Was bedeuten die beiden Städte resp. die Musik, die mit ihnen assoziiert wird, für dich?
Pierre Deutschmann Berlin ist meine Heimat, ich möchte Sie nicht missen, ich lebe gerne hier und lasse mich durch alle möglichen Musikrichtungen und auch kulturellem von Ihr inspirieren. Detroit hingegen ist für mich wie eine 2te Heimat obwohl ich noch nie da war. Der ursprüngliche Techno, wie alles angefangen hat, die sogenannten Roots, wie analoge Synthesizer und speziell Drum-Machines eingesetzt wurden und der Techno dann somit entstand ist einfach nur spannend.

tip Sind Stile wie Minimal (Berlin) oder Techno (Detroit) Ausdruck einer gegenwärtigen Präferenz oder eine Art Quintessenz – denn in der Vergangenheit hast du von Acid bis Breakbeats anderen Stilen gegenüber keine Berührungsängste gezeigt.
Pierre Deutschmann Ich habe nach wie vor keine Berührungsängste, mit keiner der bestehenden Musikrichtungen. Ich achte jetzt nur etwas besser darauf das „Pierre Deutschmann“ für Techno steht, und nur für Techno. Was ich mit meinen anderen bestehenden Aliases & Projekten mache, ist eine ganz andere Geschichte – da besteht schon eher die Möglichkeit für mich auszubrechen.

tip Ein Album wie „Betroit“ besticht durch seine Kohärenz und Song-Dramaturgie. Wie entstehen Deine Kompositionen? Arbeitest du mit Skizzen, an denen du weiter feilst, wenn die Zeit reif scheint?
Pierre Deutschmann Vielen Dank. Unter der Woche versuche ich meinem Tagesablauf so gut es geht immer gleich zu halten. Ich stehe morgens auf, versuche zum Sport zu gehen, danach gehts dann direkt ins Studio. Als erstes werden die emails gecheckt, alle abgearbeitet, meistens hab ich dann noch Produktionen von anderen zu mastern, erst dann kann ich mich „locker“ machen für meine eigenen Werke. Und da funktioniere ich relativ simpel – ich fange einfach an, wenn mich was rockt, nehme ich es auf und arbeite daran weiter – wenn nicht, fliegt es sofort raus und ich probiere weiter. Alles in allem versuche ich innerhalb von 2-3 Stunden einen Track soweit hörbar zumachen das ich Ihn am Abend mit nach Hause nehmen kann und nächsten Tag eine Testversion fürs anstehende Wochenende habe. Wenn Sie am Wochenende funktioniert, ich keine Fehler gehört habe, ist der Track für mich fertig.

tip Das Outro des Albums beinhaltet das Kennedy-Sample „Ich bin ein Berliner“, unterlegt von Klang-Fragmenten, die kantiger klingen als die Songs des Albums. Du bist in Berlin geboren, wie ist dein Verhältnis zur Stadt?
Pierre Deutschmann Ups, den zweiten Teil der Frage habe ich wohl schon bei der ersten Frage gleich mit beantwortet… und ja, das Outro ist schön kantig und knackig. Das sind gesampelte Geräusche aus meinem Umfeld, Flughafen, Autobahn & dem Hauptbahnhof.

tip Welche Attribute zeichnen Berlin aus?
Pierre Deutschmann Also so einfach die Frage auch klingt ist es für mich super schwer sie zu beantworten. Berlin hat so viel Gutes, Sehenswertes. Die Energie, die in der Stadt herrscht, ist einfach nur unfassbar positiv. Ich denke einen großen Teil steuert das Multikulturelle dazu bei. Egal wo du hinguckst – hier trifft sich die Welt.

tip Könntest Du Dir vorstellen, woanders zu leben?
Pierre Deutschmann Ja, dann aber gehts definitiv in keiner anderen Großstadt. Im laufe der Zeit stelle ich immer wieder fest, dass ich es gerne etwas ruhiger haben möchte. Abder den Move aus Berlin habe ich noch nicht geschafft – das wird auch wohl noch eine Weile dauern.

tip Ein Thema, das seit einigen Jahren in den Medien gespiegelt wird, ist das sogenannte „Clubsterben“. Du legst bei der Closing-Party der Magdalena auf. In den letzten Jahren schlossen einige etablierte Clubs (von der Maria über Knaack bis Icon). Verlagert sich aus deiner Sicht die Partyszene oder verschwindet der Underground aus dem Stadtzentrum?
Pierre Deutschmann Die Clubs werden meiner Meinung nach nicht sterben. Die Jugend rückt nach und hat ja auch Bock zu feiern, der Bedarf ist also da. Woran die Clubbetreiber arbeiten sollten ist ein gutes Programm. Die Magdalena ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Da bekommst du im Prinzip alles an elektronischer Musik geboten, was du brauchst. Das finden die ganz coolen Berliner da draussen natürlich uncool, aber die Masse freut sich. Das Closing geht ja letztendlich auch nur um die Location, sie kommt ja wieder und dann auch größer, viel größer. Und ich freue mich jetzt auch schon aufs Re-Opening.

tip Im Intro Deiner CD wiederum lautet die Kernaussage „Technomusic is Underground“. Ist Techno dahin zurückkehrt nach Loveparade und dem Rave-Hype der 90er?
Pierre Deutschmann Da stellt sich heutzutage die Frage: Was ist Techno? Auch zu Zeiten der Loveparade, oder dem Rave Hype … Jeder definiert Techno leider anders … Der für mich so genannte Techno, wie ich ihn definiere und liebe, ist nach wie vor Underground, ja.

tip Meine Standard-Frage zum Abschluss: Welches Buch/welche Bücher befinden sich gerade auf Deinem Nachttisch?
Pierre Deutschmann Ich bin grade mal wieder dabei, die Bedienungsanleitung meines analogen Synthesizers „Analog Four“ [Elektron] durchzuarbeiten. Und parallel habe ich endlich mal die Biographie von Steve Jobs by Isaacson in Originalfassung angefangen. Also nix wirklich spektakuläres, intellektuelles.

Interview: Ronald Klein

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