Konzerte & Party

Ein Jahr neue Flittchenbar in Kreuzberg

Flittchenbar

Auf dem Weg vom Görlitzer Park zum Kotti kann schon mal etwas verloren gehen. Ein Cis zum Beispiel. Gerade haben Anne von Keller und Jakob Dobers noch als Sorry Gilberto im Chez Icke an der Markthalle ihre melancholisch verträumten Folk-Melodien gespielt, jetzt stehen sie auf der Bühne des Südblocks. Und auf Annes Metallophon fehlt das Cis-Stäbchen. Das macht aber irgendwie nichts, das Lametta über ihnen hängt auch schon seit einiger Zeit schief.
Es war gleich am Anfang des Jubiläumsabends der Flittchenbar verrutscht, da hatte gerade Christiane Rösinger darunter gestanden, in schwarzer Trainingsjacke, Jeans und Turnschuhen zu schwarzen kurzen Haaren. Sie hatte in diesem Moment Nena zitiert: Mach dich frei von Sicherheit und allem was man kaufen kann.
FlittchenbarChristiane Rösinger sagt: „Ich bin der Heinz Schenk der Flittchenbar.“ Sie ist jetzt fünfzig Jahre alt. Die neue Flittchenbar wird an diesem Abend eins. Rösinger schreibt eigentlich Bücher, ihr neuer Roman erscheint im März und heißt „Liebe wird oft überbewertet“. Sie macht auch Musik, war jahrelang Frontfrau der Lassie Singers, später von Britta. Und davor hat sie die Flittchenbar erfunden und zehn Jahre lang einmal in der Woche Musiker eingeladen. Vor einem Jahr hat sie damit wieder angefangen: im Südblock am Kottbusser Tor. Im Sommer wurde sie dort zur Kotti-Queen ernannt. Christiane ­Rösinger wohnt seit 25 Jahren in Kreuzberg, in der gleichen Wohnung.
„Man kann total lange rumjammern, weil irgendwas vorbei ist“, sagt sie. Die Achtziger. Die Neunziger. Die Nuller. „Dann muss man halt selbst etwas machen, wenn man will, dass sich etwas ändert.“ Obwohl, ein bisschen jammern kann sie auch, über den Terror der Rollkoffer am Schlesischen Tor, das sie noch kannte, als es dort nichts gab außer einer Brücke, an der Westdeutschland zu Ende war. Aber sie sagt eben auch: „Ist doch gut, dass man hier nicht immer nur dieselben Stoffels herumlaufen sieht.“
Es ist eigentlich nicht mehr ihre Zeit. Sie sagt, es gebe ja kaum noch Räume. Die Räume, die die junge Generation derzeit doch noch entdeckt, in Neukölln vor allem, kennt sie nicht. Christiane Rösingers Zeit waren die Neunziger. Sie hat an die Tür am Ostbahnhof geklopft, Ben De Biel öffnete: Rösinger sagte, sie vermisse die Galerie Berlintokyo, da hatte sie ihre Donnerstage und ihre Samstage verbracht, Konzerte gehört, Kunst angeschaut, vor allem aber Freunde getroffen, immer irgendwen, dann war zu. „Wo soll ich denn jetzt hingehen?“ Die Antwort: Selbermachen. Ben De Biel ließ sie in seine Maria.
Und Christiane Rösinger machte, es waren „ausschweifende Jahre“, jede Nacht ein kleiner Auftritt, Christiane Rösingers Bühne war die Bar, hinter der sie damals noch selber stand, bis zum Morgen. Doch die Freunde wurden älter, machten Buchläden auf, bekamen Kinder. Tomte, die in der Flittchenbar einen ihrer ersten Auftritte hatten, verkauften viele Platten. Die Flittchenbar-Clique lebte sich auseinander.

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