Konzerte & Party

Eine Konzertreihe mit Nikolaus Harnoncourt

Nikolaus Harnoncourt

tip Was haben Sie Lang Lang beigebracht ?
Nikolaus Harnoncourt Die Tatsache, wie sprachlich Mozart komponiert. Fast jedes Thema ist aufgebaut wie ein gesprochener Satz. Das ist etwas, was man meist übersieht. Man hört heute, wenn Mozart gespielt wird, meist nur ein durchgehendes Blabla. Ohne Satzzeichen. Das darf nicht sein.

tip Lang Lang genießt, ähnlich wie Anna Netrebko, einen zuweilen zwiespältigen Ruf – vielleicht aus Neid und Misstrauen gegenüber dem Erfolg?
Nikolaus Harnoncourt Es ist so, wie Sie sagen. Dabei ist Lang Lang ein Solist mit einem überaus hohen Einfühlungsvermögen. Und mit dem, was ich ein emotionales Charisma nennen würde. Bei Anna Netrebko hatte ich dieselbe Empfindung. Sie wollte, als sie damals in Salzburg als Donna Anna engagiert wurde, ursprünglich die Zerlina singen. Wenn ich die beiden heute höre, spüre ich immer: Das sind Künstler mit einer ganz besonderen Radiation. Etwas ganz Seltenes.

tip Sie haben mehr als ein halbes Jahrhundert Schallplattengeschichte mitgeprägt. Können Sie mir Ihre drei wichtigsten, eigenen Schallplattenaufnahmen nennen?
Nikolaus Harnoncourt Das ist schwer für mich, denn ich schnüffele nicht in meiner eigenen Vergangenheit herum. Trotzdem würde ich, ohne lange nachzudenken, die Gesamtaufnahme der Purcell-Fantasien dazu rechnen. Ganz wunderbar war auch die total friktionsfreie Zusammenarbeit mit Gustav Leonhardt, dem überragenden Cembalisten des 20 Jahrhunderts. Nicht zuletzt die Bach-Kantaten. Ich würde auch die „Monteverdi-Revolution“ dazurechnen, die zusammen mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle in den 70er-Jahren entstand. Ich hoffe auch, dass „Porgy and Bess“ eine wichtige Rolle spielen wird. Wegen der erstmals verwendeten Originalquellen. Die Nachfolger haben leider immer ein Musical daraus gemacht. Gershwin aber hatte eine amerikanische Oper im Sinn. Außerdem muss ich sagen: Die drei Mozart-Symphonien, die jetzt erscheinen, halte ich für eine Krönung meines gesamten Werks. Es ist diese Aufnahme, für die ich glaube, gelebt zu haben.

tip In letzter Zeit haben Sie verschiedene Projekte absagen müssen und auch erklärt, nie mehr die Berliner Philharmoniker zu dirigieren. Haben Sie Ihr Leben gesundheitlich neu justiert?
Nikolaus Harnoncourt Ja, anders ging es nicht. Ich kann nur noch das machen, was ich mit voller Kraft tun kann. Die Zahl der Auftritte darf man reduzieren, nicht den Inhalt. Für mich sind alle Aufführungen wie Uraufführungen, ob es sich nun um Schubert mit den Wiener Philharmonikern handelt oder um Haydn mit dem Concentus.

tip Bei Ihrem Auftritt im Konzerthaus vor ein paar Wochen stand hinter Ihnen ein Barhocker auf dem Podium. Damit Sie sich setzen können?
Nikolaus Harnoncourt Ja. Wenn kein Stuhl da ist, setze ich mich auch auf den Boden. Und falle am Ende, wenn ich nicht aufpasse, vom Podium. Deswegen hat man mir diesen Barhocker hereingebracht. Vorher stand dort übrigens eine Art Gynäkologen-Stuhl. Nur habe ich da gesagt: Das sieht zu sehr nach Spital aus. Weg damit!

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Fotos: Marco Borggreve

Harnoncourt-Konzrertreihe, Konzerthaus, Fr 7.11. bis So 16.11., ?diverse Veranstaltungszeiten

www.konzerthaus.de

?Karten-Tel.: 030/20 30 921 01

Der Dirigent
Nikolaus Harnoncourt, geboren 1929 in Berlin, gilt als einer der Gründerväter der historischen Aufführungspraxis. Er kann als weltweit wirkungsreichster Dirigent seit Herbert von Karajan gelten. 1953 gründete er mit seiner Frau, der Geigerin Alice Harnoncourt, den Concentus Musicus Wien, dessen Beispiel in den folgenden Jahrzehnten zahllose Ensembles folgten. Nach dem Tode Karajans, welcher Harnoncourt mit einem Bannfluch belegt hatte, dirigierte dieser regelmäßig auch die Wiener und die Berliner Philharmoniker. Sein Konzert am 10. November (mit zwei Werken von Franz Schubert) dürfte, so die Harnoncourts, ihr letztes in Berlin sein. Im Dezember wird Harnoncourt 85 Jahre alt.

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