Konzerte & Party

Eine Konzertreihe mit Nikolaus Harnoncourt

Nikolaus Harnoncourt

tip Herr Harnoncourt, auf YouTube gibt es ein Video mit Ihnen und Lang Lang, wo Sie dem Pianisten bei Mozart sagen: „Das muss mehr nach Frank Sinatra klingen!“ Was wissen Sie von Frank Sinatra? Man könnte meinen, das nehmen Sie gar nicht wahr.
Nikolaus Harnoncourt Da irren sie sich aber! Ein Onkel von mir, der in Amerika lebte, hat Sinatra gut gekannt. Wenn wir früher in die USA fuhren, haben wir bei ihm gewohnt und er hat jedes Mal gefragt: „Wen willst du treffen?“ Er war es auch, der uns in den 30er-Jahren ständig die Sachen von George Gershwin schickte. Die wurden bei uns zu Hause auf dem Klavier gespielt, während ich drunter saß und auf allen vieren herumgekrochen bin. Bei Jazz-Sängern wie Frank Sinatra habe ich erstmals angefangen, mich zu wundern: Warum singen die so – und wieso stellt sich ein Klassik-Sänger einfach hin und singt Noten?! Da stimmt doch etwas nicht!

tip Sie wollen sagen, Sinatra sang nicht einfach nur Noten?
Nikolaus Harnoncourt Natürlich! Sogar Marlene Dietrich hat nicht nur Noten vom Blatt gesungen. Obwohl sie nicht ganz so musikalisch war. Noten liefern nur Annäherungswerte. Das Wichtigere steht zwischen den Noten.

Nikolaus Harnoncourttip Sie wurden 1929 in Berlin geboren. Glauben Sie, dass Sie ein gewisses Maß an Unverblümtheit bei Ihnen berlinisch ist?
Nikolaus Harnoncourt Ich wurde im Dezember 1929 in Berlin geboren, aber 1931 sind wir nach Graz gezogen. Dort bin ich aufgewachsen. Es stimmt schon, ich habe mit zehn Jahren aus heiterem Himmel zu meinem Vater gesagt: „Höflichkeit ist Lüge.“ Um mit zwölf Jahren hinzuzufügen: „Diplomatie ist Lüge.“ Bloß nicht verblümt sein!

tip Sie gelten als Schlüsselfigur der historischen Aufführungspraxis und bevorzugen eine eher explosive Klangauffassung. Woher kommt das?
Nikolaus Harnoncourt Es ist eben mein Naturell. Das In-der-Mitte-Herumschwimmen, das man so oft erlebt, gefällt mir nicht. Die Kunst spielt sich zwischen den Extremen ab.

tip Sind Sie ein musikalischer Extremist?
Nikolaus Harnoncourt Ich kann gut leben mit diesem Bild. Aber ich will nicht in denselben Topf geworfen werden mit anderen Extremisten. Der Concentus Musicus Wien, den wir 1953 gegründet haben, entstand aus einem halb privaten Impuls heraus. Wir fragten uns, warum niemand die Musik von Heinrich Isaac oder Guillaume de Machaut spielt. Und wie sie geklungen haben mag, als sie zuerst aufgeführt wurde. Ich war ursprünglich Orchestermusiker und spielte Cello bei den Wiener Symphonikern. Karajan hatte mich engagiert. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten.

Nikolaus Harnoncourttip Inzwischen dirigieren Sie, wie es scheint, am liebsten Werke von Franz Schubert oder Wolfgang Amadeus Mozart.
Nikolaus Harnoncourt Ich habe kein Repertoire und habe zum Beispiel „Die Unvollendete“ von Schubert, die ich in Berlin dirigieren werde, seit Jahren nicht angefasst. Bei Mozart bin ich erst in den letzten Jahren umgeschwenkt zu den alten Instrumenten. Zuvor dachte ich immer, wir sind dafür mit dem Concentus Musicus noch nicht reif. Mozart, grundsätzlich gesprochen, wird oft zu sehr heruntergesprudelt. Das nennt sich dann „historisch informiert“, ein Ausdruck, bei dem mir persönlich sofort schlecht wird.

tip Warum wird Ihnen bei „historisch informiert“ schlecht?
Nikolaus Harnoncourt Was soll „informiert“ denn heißen?! Wir haben immer nur gesagt „auf historischen Instrumenten“ – und fertig. Der Ausdruck „authentisch“ passt gleichfalls nicht. Authentisch sein kann nur der Komponist. Meine Regeln galten immer nur für mich – auch wenn ich glücklich bin, wenn jemand anderes meine Vorschläge annimmt. Ich halte mich nicht für informiert, sondern für neugierig.

tip Auf CD arbeiten Sie neuerdings mit dem chinesischen Pianisten Lang Lang zusammen – wiederum Mozart. Wie sind Sie ausgerechnet auf ihn gekommen?
Nikolaus Harnoncourt Lang Lang und ich kannten uns durch ein Konzert der Wiener Philharmoniker. Ich arbeite gewöhnlich mit jedem Solisten, bevor die Proben beginnen. Ich bin dagegen, einfach nur zu begleiten. Lang Lang war begeistert über diese Vorbereitungsarbeit. Wir hatten sehr gute Proben. Ich habe nie einen Pianisten erlebt, außer Friedrich Gulda, der sofort umsetzen konnte und auch wollte, was wir besprochen hatten. Als dann der Plan der Sony entstand, hat Lang Lang erklärt, er möchte es nur mit mir machen. Er kam zu uns nach St. Georgen, wir haben einen Saal in der Musikschule bekommen. Die Arbeit mit ihm war fabelhaft und inspirierend.

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