Konzerte & Party

Eine Nacht mit… Greg Wilson im Berghain

Greg Wilson

Eigentlich ist es großartig, das Leben als DJ. Man kann sich Musik in Plattenläden oder auf Websites aussuchen, sie nachts den Leuten vorspielen und für seine Mühen einen Scheck einstreichen. Einen Haken hat die Angelegenheit allerdings, und der hängt mit der über die Jahre gestiegenen Erwartungshaltung des Publikums zusammen. Das Leitbild der Clubgänger sind Stars der Szene, von denen ein besonderer Event und Musik erwartet wird, die man mit ihrem Namen assoziiert und von ihren Platten her kennt. Experimente sind nicht erwünscht. Das muss nicht so sein, dachte sich vor gut vier Jahren der Londoner Veranstalter Derren Smart und rief die DJs auf, wieder mehr von ihrem Freiheitsrecht Gebrauch zu machen. Dafür bietet er seine Partyreihe „A Night With …“ an. „Es handelt sich um eine Nacht, bei der einem Künstler vor einem nicht zu großen Besucherkreis für die Dauer von acht Stunden die Möglichkeit gegeben wird, sich auf persönliche Vorlieben zu konzentrieren. Die Richtung kann sich ständig ändern. „Es geht ums Vergnügen, nicht um Coolness“, steht auf seiner Facebook-Seite. In der Vergangenheit gab es Veranstaltungen mit Tiga, François Kevorkian, Miss Kittin, Matthew Dear, Derrick Carter oder Andrew Weatherall. Smart sucht sich Leute aus verschiedenen Epochen und Genres der Dance-Music aus. Jetzt gibt es das Ganze auch in Berlin.
Star des zweiten Abends ist nicht irgendein beliebiger Unterhalter, sondern eine Legende des britischen Nachtlebens. Greg Wilson hatte als 15-Jähriger erste Auftritte im Norden Englands. Ab 1975 spielte er alles aus den Genres Soul, Funk und Disco, was angesagt war. Anfang der 80er kamen Tracks aus dem Electro-Funk von Afrika Bambaataa bis D-Train und dem frühen HipHop hinzu. 1983 legte Wilson regelmäßig im heute noch weltbekannten Haçienda in Manchester auf. Ein Jahr später machte er aus heiterem Himmel für fast zwei Jahrzehnte mit den DJ-Auftritten Schluss und verlegte seinen Fokus auf Aktivitäten hinter den Kulissen. Mehrere Jahre lang war er Manager und Produzent der HipHop-Band Ruthless Rap Assassins, deren Rapper Kermit später mit Shaun Ryder zu den Mitgliedern von Black Grape gehörte. 2003 meldete sich Wilson mit der Website www.electrofunkroots.co.uk zurück, stellte Compilations zusammen und trat auch wieder als DJ auf. Herausragend sind seine Verdienste um den sogenannten Re-Edit. Anders als beim Remix, in dem Originalen neue Elemente hinzugefügt oder bestehende anders betont werden, werden hier existierende Bestandteile gedehnt oder neu angeordnet. Diese Veränderungen helfen Wilson, wenn er einen durchlaufenden Mix kreieren will, wie seine beiden Compilations aus der Reihe „Credit To The Edit“ zeigen.
Auf www.soundcloud.com/gregwilson/a-night-with-loft-studios kann man sich einen Eindruck darüber verschaffen, was Wilson bei seinem „A Night With …“-Marathon in London gespielt hat. Das ist besonders denen zu empfehlen, die der ständigen Techno-House-Beschallung überdrüssig sind und sich im Nachtleben nach mehr klassischen Flavours sehnen. Wilsons Repertoirekenntnis lässt gerade auf dem Gebiet der schwarzen Funk- und Disco-Musik keine Wünsche offen. Bei ihm finden Otis Redding, Al Green, Instant Funk, Parliament, Dillinger, die unvermeidlichen Chic und auch neuere Vertreter wie Chicken Lips oder 40 Thieves ihren Platz. Good times.

Text: Thomas Weiland

Foto: Ian Tilton

Eine Nacht mit … Greg Wilson, ?Berghain-Kantine, Do 12.12., 22–6 Uhr

Mehr über Cookies erfahren