Konzerte & Party

Emeli Sandй in der Columbiahalle

Emeli Sandй

In Deutschland kennt man sie erst seit einem Jahr. Seit Veröffentlichung ihres Debütalbums „Our Version of Events“. Es ging alles ganz schnell, hatte man den Eindruck. In ihrer britischen Heimat wurde Emeli Sandй aber nicht über Nacht zum Star. Es gab einen mehrjährigen Probelauf in Form von Zusammenarbeit mit anderen Musikern und Produzenten. Das ist kein ungewöhnlicher Vorgang. Plattenfirmen gehen heute nicht gerne Risiken mit neuem Künstlerpersonal ein. Ihnen ist es lieb, wenn es vorher Auftritte auf Platten von groß beachteten Kollegen gegeben hat, durch sie erhöht sich die Werbewirkung. Deshalb traf es sich gut, dass Sandй vor gut vier Jahren den Produzenten und Songschreiber Shahid Khan alias Naughty Boy kennenlernte, mit dem sie nachfolgend Stücke für HipHop- und Grime-Acts komponierte. In „Diamond Rings“ von Chipmunk ist sie als Sängerin zu hören, es folgten weitere Features für Wiley, Professor Green oder Tinie Tempah. Die in Schottland aufgewachsene Frau erhielt auch einen Anruf von Simon Cowell. Britanniens Bohlen bat um Zuarbeit für Klienten wie Susan Boyle. Angesichts solcher Referenzen versteht es sich von selbst, dass Sandй irgendwann nicht mehr lange um einen eigenen Plattenvertrag betteln musste.
Sandй schrieb bereits als Jugendliche im stillen Kämmerlein Songs und träumte davon, eines Tages von der Musik leben zu können. Die Tochter eines sambischen Vaters und einer englischen Mutter konnte sich aber nicht sicher sein, dass es auch so kommt. Zwischenzeitlich war sie drauf und dran, Medizinerin zu werden. Sie schaffte zwei Drittel der Zeit, die für das neurowissenschaftliche Studium an der Universität Glasgow vorgesehen ist. Diese Karriere­option hielt sie sich offen, bis sich die Möglichkeit mit Chipmunk ergab. Dann war der Wunsch, in der Musikszene zu reüssieren, doch stärker. Diese Entscheidung wird sie nicht bereut haben. 2012 hat sich im Königreich kein Album besser verkauft als „Our Version of Events“. Allein dort gingen 1,3 Millionen Exemplare über die Ladentische, eine in heutigen Zeiten beachtliche Zahl. Geholfen haben der 25-Jährigen ferner die Auftritte bei der Eröffnungszeremonie und Schlussfeier der Olympischen Spiele in London. Eine einmalige Publicity-Gelegenheit für eine aufstrebende Musikerin.
Das Volk hat sich für sie entschieden. Dennoch verwundert der immense Run auf diese Sängerin. Sandй steht weiß Gott nicht für einen Neuanfang. Bei ihr fließen mehrere Einflüsse ineinander, die schon etwas älter sind. Wird es temperamentvoll wie in „Heaven“, singt Sandй mit ihrer an Beyoncй erinnernden Stimme gegen hektische HipHop-Beats und Streicher-Flächen an, in denen das Drama von Massive Attack’s „Unfinished Sympathy“ mitschwingt. Sie hat Balladen auf Piano-Basis im Programm, die ein Faible für Alicia Keys verraten (nicht ganz zufällig wird Frau Keys in den Album-Credits zwei Mal als Komponistin und Produzentin genannt). Schließlich möchte man auch Adele anführen, aber im Vergleich zu dieser Chanteuse, die den Hörer mit ihren Emotionen förmlich umhauen kann, steckt im Vortrag von Sandй zu viel Haltung und Geschmacksneutralität. Von einer Frau mit Unterarm-Tattoos und blondiertem Irokesenschnitt würde man sich auch in der Musik entschieden mehr Persönlichkeit wünschen. So wie im Chipmunk-Track, der allein schon durch einen Ska-Beat eine viel lebendigere Ausstrahlung hat.

Text: Thomas Weiland

Foto: Lauren Dukoff / TBC

Emeli Sandй, Columbiahalle, Mi 13.3., 20 Uhr, ausverkauft

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