Konzerte & Party

Emergenza-Finale und ORWO-Haus-Festival am Wochenende

LisabonDank Internet und MP3 ist Musik fast uneingeschränkt verfügbar. Jeder, der möchte, kann seine Songs im Netz anbieten. Gigs in großen Konzerthallen zu spielen, Platten zu verkaufen, mit der Musik Geld zu verdienen, das gelingt nur noch ganz wenigen. Sich von der Masse an Bands abzusetzen, ist die wohl höchste Hürde für Newcomer.
Casting-Shows а la „Deutschland sucht den Superstar“ und „Popstars“, aber auch Nachwuchsbandwettbewerbe scheinen die geeignete Antwort der Fernsehanstalten und Plattenindustrie zu sein. Beide Formate generieren ein Publikum, vor dem sich die Musiker präsentieren können, beide versprechen den ganz großen Erfolg. Doch selbst bei dem weltweit größten Contest für Bands ohne Plattenvertrag, dem Emergenza-Festival, bleibt es beim bloßen Versprechen. Die Auswahlverfahren sind fragwürdig, die Preise sinnlos, die Bands auch danach erfolglos.
Das Emergenza Music Festival hat vor 18 Jahren ganz klein angefangen, organisiert von befreundeten Musikern in Italien. Zum ersten Konzert kamen 245 Zuschauer. Mittlerweile sind jedes Jahr über 350?000 Fans dabei, wenn in den Vorentscheidungen in den USA, Kanada, Australien und Europa, seit letztem Jahr auch in Japan und Russland, Bands ausgewählt werden. Am Ende bleiben etwa 30 von rund 4?500 Bands übrig, die beim Taubertal-Open-Air im August im Vorprogramm von Top-Acts, in diesem Jahr u.a. The Prodigy, Skunk Anansie oder Bad Religion, das internationale Finale bestreiten. Die drei deutschen Finalisten werden am vorletzten Juli-Wochenende im Astra Kulturhaus bestimmt. Die Gewinner haben dann allein im deutschen Wettbewerb rund 650 Konkurrenten ausgestochen.
Perfect PineappleNoch in den regionalen Vorrunden bestimmt das Publikum per Handzeichen den Sieger. Beim Emergenza-Entscheid auf nationaler Ebene hat das Publikum kein Recht auf Mitsprache mehr. Im Astra Kulturhaus wählt eine Jury die drei Finalteilnehmer. In diesem Jahr sind das u. a. Lukas Pizon von der Band „Radiopilot“, Wolfram Kienzler (StarFM) und Andrea Petricca (Emergenza). Wer weiterkommt, hängt mitunter nicht von der Qualität des Auftritts, sondern von der Laune der Juroren ab. Ebenso ist aber zu bezweifeln, dass der Publikumsentscheid Newcomern den Aufstieg in die Riege der großen Musiker zu verschaffen mag. Sind hier doch eindeutig die Bands im Vorteil, die die meisten Freunde mobilisieren können.
Selbst wenn man es bis zum Taubertal-Open-Air geschafft hat, bringt es wenig, als unbekannter Newcomer auf der Nebenbühne aufzutreten, wenn die Besucher wegen der Headliner angereist sind. Auch die Sachpreise, die die Sponsoren des Emergenza-Festivals – wie der Verstärker-Hersteller Marshall oder die Schlagzeug-Schmiede Sonor – stiften, sind zwar gut gemeint, aber auch das hilft keiner Band weiter. Einen Plattenvertrag gibt es nicht zu gewinnen.
Der Sieger darf zwar auf der großen Bühne spielen, außerdem kann er zwischen einer professionellen Plattenproduktion und Auftritten bei internationalen Festivals wählen. Doch am Ende zählt das Ergebnis und das ist mies. Richtig durchgestartet ist in der langen Wettbewerbsgeschichte der Emergenza-Festivals nämlich bisher keine der Siegerbands. Die Emil Bulls mögen dem ein oder anderen bekannt sein, von Itchy Poopzkid hat dagegen wohl kaum jemand bisher gehört, für Gloria Cycles, die Siegerband von 2008, sprang ein Jahr später immerhin der Soundtrack für einen Werbespot heraus. Die einzige Ausnahme ist die Band Polarkreis 18, die nach einem zweiten Platz beim f6-Award und dem Sieg beim PlugIn-Festival einen Plattenvertrag beim Label Motor Music bekam. Die meisten Contest-Teilnehmer, selbst bei einem Nachwuchsfestival in der Größenordnung wie das Emergenza, gehen schließlich doch wieder in der grauen Masse unter. Solche Wettbewerbe sind für Bands mit großen Träumen als Sprungbrett nicht geeignet. Der Aufwand, um dann vielleicht einmal in der Mittagshitze auf der Nebenbühne vom Taubertal-Festival zu stehen, lohnt sich nicht.
Ein Format, wie es das ORWO-Haus bietet, ist dagegen viel sympathischer, weil es keine Luftschlösser baut. Wie auch der nationale Emergenza-Entscheid findet am vorletzten Juli-Wochenende das vierte ORWO-Haus-Festival statt. Die Newcomer treten nicht gegen-, sondern miteinander auf. Den Anspruch, kleine Bands über die Teilnahme an einem Contest groß rauszubringen, hat hier niemand.

Text: Martin Zeising

Emergenza Music Festival, Vorentscheidung Ostdeutschland und Deutschland-Finale, Astra Kulturhaus, Fr 23.7. + Sa 24.7. jeweils ab 18 Uhr, VVK: 10 Euro, AK: 12 Euro, Infos unter www.emergenza.net

4.ORWOhaus-Festival, ORWO-Haus, Frank-Zappa-Straße 19/20, Marzahn, Fr 23.7. ab 20 Uhr + Sa 24.7. ab 16 Uhr, Kombiticket 22 Euro/erm. 15 Euro, Einzeltickets ab 10 Euro/erm. 8 Euro, Infos unter www.orwohaus.de

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