Konzerte & Party

Entwicklungsstück: Steven Wilson „Insurgentes“

Steven Wilson Es gibt Dinge, die müssen sich einfach entwickeln, brauchen die Zeit des Übergangs, um sich in voller Blüte zeigen zu können – ähnlich wie ein guter Wein atmen muss, ehe er genießbar ist. Mit der Musik von Ex-Porcupine-Tree- und Ex-Blackfield-Mitglied Steven Wilson ist es nicht anders. Man muss die Musik einfach wirken lassen, muss ihr einen Moment Zeit geben, damit sich die gesamte Bandbreite dieses Meisterwerks dem Ohr vollständig erschließen kann. Wilson leitet auf sphärisch minimalistischen Soundflächen ein, um im nächsten Moment die volle Breitseite Gitarrenwand aus den Boxen zu schütteln. Da piepst und fiepst es dann derart, dass die Auflösung in schönste Melodien auf Piano oder Akustikgitarre als verdiente Belohnung für das eben Erlittene hungrig aufgesogen wird. Der 41-jährige Brite lässt bewusst den roten Faden vermissen und vertraut bei der Verbindung seiner zehn Songs auf die richtige Dosis Melancholie – ein Hauch, der kurz vor dem Umkippen steht und einem so das Gefühl verleiht, dass es zwar schön ist zu leiden, aber letztlich doch Alles nicht so schlimm ist.
Bestes Beispiel dafür ist das über acht Minuten lange „No Twilight Within The Courts of the Sun„. Angefangen bei jazzig-gefrickelten Improvisationen auf Schlagzeug und Gitarre entwickelt sich der Song letztlich zu einem echten Monster mit Stonerrock-Anleihen und einem Gitarrenhook, der sich mithilfe heftigster Widerhaken sofort im Ohr festsetzt. Manchmal braucht eben auch Musik ihre Zeit zur Entwicklung und das wirklich Beeindruckende an dieser Platte ist, dass Wilson seiner Musik auf die Sekunde genau die Zeit gibt, die sie zum atmen braucht.

Text: Martin Zeising

tip-Bewertung: Herausragend

Steven Wilson, Insurgentes (SPV)

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