Konzerte & Party

Mumford & Sons im Astra Kulturhaus

Mumford & Sons

Die Wogen des Sturms, den die Avett Brothers (Foto unten) jüngst ausgelöst haben, glätten sich nur langsam. Ihr country-punkiges Füllhorn an Aufrichtigkeit und Direktheit, ihre lautstarke Bescheidenheit, ist im abgebrühten Berlin selten so zu feiern gewesen wie bei ihrem Konzertdebüt. Dabei bringen die agilen Brüder eine neue Dimension des Nouveau Folk in den Saal: Folk, das heißt ja ursprünglich vom Volk, und so war in sehr zaghaften Ansätzen das zu ahnen, was ihre Konzerte in den USA zu kollektiven Ereignissen werden lässt: Das Volk wird zum Hauptakteur. Kennt die pastoralen Bekenntnissongs Zeile für Zeile auswendig, „Love writes a letter and sends it to hate“, singen sie hingebungsvoll und kennen den Text der langen Ballade bis zur Neige. Und dass die missionarischen Brüder auch hier textsichere Avettisten rekrutieren, ist nach ihrem bejubelten Auftritt mehr als wahrscheinlich. Ihre rückhaltlosen Songs sind hochgradig ansteckend und stoßen auf einen Hunger nach Haltung, Ehrlichkeit und Mut.
Auch Mumford & Sons (Foto oben), die Hillbillies aus London, schwimmen auf einer Woge der Begeisterung. Wo sie auch spielen, ihre Konzerte sind ausverkauft. Ihr Bluegrass-gefärbter Folk mit seinen schönen Harmonien und der Laut-Leise-Dynamik ist sowohl der Dust-Bowl-Tradition verschrieben („Wir lieben Amerika“) als auch den mannigfaltigen Einflüssen aus Jazz und Blues. Sie sind die Crosby-Stills-Nash&Young für ein neues Jahrhundert, verarbeiten sowohl William Shakespeare als auch John Steinbeck. „Je mehr Du liest, umso besser schreibst Du“, lautet ihr Credo. Sie wollen Hoffnung verbreiten, allzu viel Melancholie vermeiden, no fears, no tears, und nebenbei auch die Peter-Seeger-Geschädigten überzeugen, dass das Banjo gar nicht so unsexy ist. „Zur Zeit wollen mehr und mehr Menschen Musik vom Herzen hören. Mehr Roots, weniger Dance, mehr Soul. Und mehr Leute als je zuvor benutzen in London akustische Instrumente. Das gilt auf jeden Fall für unsere Kreise, und wir beeinflussen uns gegenseitig.“
The Abett BrothersFolk ist der neue Indierock. Kein Wunder, dass sich im Umfeld von Mumford & Sons und ihrem Hauptquartier, dem Chelsea Pub Bosun’s Locker, andere begabte Bands und Songwriter finden, wie etwa die andächtigen, kapriziösen Noah And The Whale und der Songwriter Johnny Flynn, der auf seinem Debütalbum „A Larum“ u.a. Tormaschine Wayne Rooney ein Denkmal setzt („primitiver Supermann“), und aktuell im Vorprogramm von Mumford & Sons unterwegs ist. Vor allem ragt die junge Laura Marling hervor, die soeben ihr zweites Album veröffentlichte und die aus ihrem manchmal ganz altmodisch tickenden Herzen kein Geheimnis macht. Die sexualisierte Sensationsgier der Medien ist ihr verhasst, spätestens seit sie selber nach der Trennung von Noah And Whale-Sänger Charlie Fink ihr Opfer wurde. Ihre Heldinnen heißen Jane Austen und die Bronte Schwestern, Drogen und Clubnächte sind nicht ihr Ding. Dafür arbeitet sie an der Brücke zwischen der Romantik von Nick Drake und der lyrischen Kraft von Lucinda Williams. Und es ist vielleicht auch kein Zufall, dass sich unter den männlichen Folkies bemerkenswert viele Bartträger finden. Dazu der Songwriter William Fitzsimmons, selber mit milchweißer Haut und Rasputin-Bart, gelernter Psychotherapeut: „Auch ich dachte lange, Bärte stünden für Verstecken. Aber es tragen ja vor allem die Männer Bärte, die besonders ehrlich und offen sein wollen. Männer haben nun mal Bärte, sie zu tragen ist ehrlicher, als sie wegzurasieren. Indem wir die Dinge photoshopmäßig bereinigen, verstecken wir mehr, als wenn wir sie so belassen wie sie sind.“

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