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Essay

Euphorie, Trauer, Katharsis: Nick Cave and the Bad Seeds spielen in der Max-Schmeling-Halle

Nick Cave ist ein Phänomen, ein Crooner, eine filmreife Figur, der Prinz der Dunkelheit. Vor kurzem ist er 60 geworden, das Konzert am 22. Oktober mit den Bad Seeds in der Max-Schmeling-Halle war sofort ausverkauft. Für unseren Musikredakteur Thomas Winkler waren das genug ­Gründe, sich intensiver mit dem ­grimmigen ­Australier ­auseinanderzusetzen

Foto: Kerry Brown

Mit 60 Jahren werde er seinen Beruf nicht mehr ausüben. So alt sollte man nicht werden als Rockmusiker, hat Nick Cave 2007 gesagt. Der Anlass war sein 50. Geburtstag. Und weil selbst Cave, zeitlebens per Du ist mit schwarzer Magie, allen Teufeln und anderen Mächten der Finsternis, die schnöde Mathematik nicht besiegen kann, holt ihn nun diese alte Aussage wieder ein. Am 22. September wird er 60 Jahre alt.

Was können wir daraus lernen? Wohl vor allem, dass selbst ein Nick Cave, der – egal ob er singt oder spricht – mit dieser Stimme eines Predigers, die man jederzeit aus Tausenden anderen heraushört, jedem Wort ein besonderes Gewicht zu geben vermag, dass auch so jemand auch mal Sachen sagt, die nicht so ernst gemeint sind. Und zweitens: Dass Nick Cave alt geworden ist. Oder ist das ein Irrtum? Ist Nicholas Edward Cave wirklich alt geworden? War er nicht schon immer alt?

Tatsächlich, wenn man so in die Vergangenheit blickt, noch mal die Erinnerungen an den vermeintlich jungen Cave Revue passieren lässt, die Bilder, auf denen das Haar noch nicht schütter ist, die Songs, die sich manisch im Kreis drehen, die Konzerte, die ekstatischen Teufelsaustreibungen gleichkamen, dann stellt man plötzlich fest, dass Cave schon immer vor der Zeit gealtert wirkte. Das mag an den Anzügen liegen, die er schon damals trug, aber das war es nicht allein: Zu jedem Song, in dem sich Cave in einen geifernden Hohepriester des Absurden und Abseitigen verwandelte, gab es auch einen, in dem er den weisen, auf dem Barhocker lümmelnden Balladier spielte, für jeden „Mercy Seat“ gab es auch ein „Slowly Goes The Night“.

So lässt sich heute, kurz vor seinem 60. Geburtstag am 22. September, konstatieren: Nick Cave ist kein anderer geworden im Laufe der Jahrzehnte, denn er hat niemals das getan, was man so gern von altgewordenen Helden fordert und was Bowie, der andere große Wahlberliner, zur Kunstform erhoben hat. Nein, Cave hat sich niemals neu erfunden. Aber Cave hat sich trotzdem verwandelt, wenn auch nur scheinbar, denn eigentlich haben sich nur seine Schwerpunkte verschoben: Heute ist Cave nahezu ausschließlich der Crooner, der am Mikrofon sein Innerstes öffnet, dessen Stimme scheinbar schwerelos alle emotionalen Zustände durchschreitet und den Hörer durch Euphorie, Trauer und Katharsis führt.

Diese Position hatte Cave bereits 1986 mit „Kicking Against The Pricks“ eingenommen, als er ein ganzes Album lang klassische Songs interpretierte und sich damit in eine Linie mit Lou Reed, Johnny Cash oder Gene Pitney stellte. Aber mittlerweile hat der Crooner vollkommen die Oberhand gewonnen, nie wurde das so deutlich wie anlässlich von Caves letzten beiden Studioalben. In ihrer Bedeutung in Caves Biografie stellen „Push The Sky Away“ und „Skeleton Tree“ zwar Gegenstücke dar. Ersteres war ein Hohelied auf das glückliche Älterwerden, auf das Kleinfamilienleben der Caves im Seebad Brighton und den endlich halbwegs tugendhaften Lebenswandel des Familienvorstands. Ein Album, so hell und aufgeräumt, wie man es von Cave bis dahin nicht kannte. Zweitere dagegen war, wenn auch bereits begonnen vor dem Unfalltod von Caves damals 15-jährigem Sohn Arthur, eine Aufarbeitung des tragischen Todesfalls. Es ging um die Verzweiflung und die Abgründe, die sich in der Idylle plötzlich wieder auftun, aber auch das Weitermachen und Klarkommen. Ein Album, so schmerzhaft wie der mit ihm untrennbar verbundene und zeitgleich erschienene Film „One More Time With Feeling“, in dem Cave und seine Frau Susie Bick versuchen, ihren Umgang mit Arthurs Tod in Worte zu fassen.

Aber so inhaltlich unterschiedlich diese beiden Platten auch sein mögen, so ähnlich sind sie musikalisch und in der Rolle, die der Sänger Cave strukturell auf ihnen übernimmt. Die Musik der Bad Seeds ist zurückgenommen, nahezu spartanisch. Gitarren, jedenfalls die verstromten, den Rock markierenden, kommen nur noch am Rande vor, stattdessen wird mit elektronischen Loops experimentiert, mit Ambient-Klängen und Drum-Computern. Die Songstrukturen beginnen sich aufzulösen, Strophe und Refrain taugen nicht mehr als Kategorien, Cave scheint mitunter ziellos durch seine mäandernden Texte zu improvisieren. Statt wie einst Geschichten von alttestamentarischer Kraft zu schreiben und filmreife Figuren durchs Höllenfeuer zu jagen, scheinen Caves Texte nun immer mehr von seiner eigenen Seelenpein zu handeln, das literarische Ich wird auf seine alten Tage doch noch zu einem ganz persönlichen.

Dieser künstlerische Wandel wurde begleitet mit einer Mutation des Künstlers zur Ikone, die sich nicht mehr auf andere beziehen muss, sondern sich nur mehr über ihr eigenes Werk definieren kann. Cave ist es gelungen, seinen eigenen, unverrückbaren Platz in der Pop-Historie zu erobern. Ja, Cave ist sogar eine Art Popstar, obwohl er – abgesehen von „Where The Wild Roses Grow“, dem Duett mit Kylie Minogue von 1995 – niemals einen echten Single-Hit hatte. Dass er zuverlässig die großen Hallen füllt und seine Alben – selbst wenn sie so depressiv sind wie „Skeleton Tree“ – die Top Ten erreichen, erzählt aber nur die halbe Geschichte: Vielmehr gibt es mittlerweile mehrere Generationen, die groß geworden sind mit Nick Cave und deren Leben von seinen Songs strukturiert werden. Für die einen waren die lärmende Birthday Party prägend, für die nächsten die frühen, defätistisch kreiselnden Bad Seeds in ihrer Berliner Phase, für wieder andere der ruhigere, zugänglichere Cave, der sogar zeitlose Popsongs wie „Breathless“ zuließ.

Die alle finden sich wieder in der vorerst letzten Veröffentlichung. Die Compilation „Lovely Creatures – The Best of Nick Cave and The Bad Seeds“ erschien im Frühjahr und brachte dem Cave-Kenner keinen großen Erkenntnisgewinn. Höchstens die Einsicht, wie viele Hits, die dann doch keine wurden, Cave in den vergangenen Jahrzehnten gelungen sind. Und wie viele dieser Doch-nicht-Hits auf „Lovely Creatures“ sogar noch fehlen.

Und, was auch auffällt, wenn man die Best-of-Sammlung noch einmal durchhört und mit der Auswahl vergleicht, die man vielleicht selbst getroffen hätte, dass Nick Cave in nahezu jeder Phase seines Schaffens große Songs geschrieben hat – im Gegensatz zu vielen anderen, die den Großteil ihres Musikerlebens damit verbringen, die Magie ihrer frühen Erfolge noch einmal einzufangen. Cave stattdessen ist fast geplagt von einer mit dem Alter weiter zunehmenden Schaffenswut: Mit den Bad Seeds und Nebenprojekten wie Grinderman veröffentlicht er in einem Takt Alben, den sich jüngere Kollegen nicht zutrauen, nebenbei schreibt er Film- und Theatermusiken und ab und zu auch noch ein Drehbuch oder einen Roman.

Nein, man muss sich keine Sorgen machen. Nick Cave wird nicht aufhören zu arbeiten, bloß weil er 60 Jahre alt wird. An das zehn Jahre alte Zitat, hat er unlängst erklärt, könne er sich eh nicht mehr erinnern. Er muss wohl betrunken gewesen sein, und außerdem könne man mittlerweile doch ganz gut alt werden in der Rockmusik, da hätten, zählte er auf, die Rolling Stones, Van Morrison, Bob Dylan und Neil Young wertvolle Pionierarbeit geleistet. Nicht gesagt hat er, dass ein gewisser Nick Cave längst auch in diese Reihe gehört.

Nick Cave and the Bad Seeds in der Max-Schmeling-Halle, Falkplatz 1, Prenzlauer Berg, So 22.10., 20 Uhr (ausverkauft)

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