Konzerte & Party

The Fat White Family spielten in der Berghain Kantine

The Fat White Family

Es wäre schon lustig, wenn sich hinter dem Namen Fat White Family, tatsächlich eine fette, weiße Familie verbergen würde. Wenn Mama und Papa Fett, gemeinsam mit korpulentem Töchterchen, feistem Sohnemann und dem dicken Onkel Albert eine Musik produzieren würden, die es tatsächlich ins Berghain, wenn auch dort nur in die Kantine, schaffen würde. Nichts dergleichen. Die vor vier Jahren in England gegründete Band besteht dann doch aus jenen wuschelköpfigen, bemützten und spindeldürren Indie-Rock-Hipstern, aus denen Indie-Rock-Bands eben so bestehen. Interessanterweise sah der, vom Publikum aus gesehen ganz links stehende Bassist, dabei noch wie Prinz Harry aus, auch dann noch, als er sich das T-Shirt ausgezogen und mit entblößtem Oberkörper weitergespielt hat. Das führt jetzt aber zu weit und lenkt vom eigentlichen Epizentrum des Geschehens ab, dem Sänger Lias Saoud (Foto). Einem spindeldürren Indie-Rock-Hipster, der sich bereits beim hymnisch-mystischen ersten Stück des Abends das Hemd vom Leibe riss und damit lange vor Prinz Harry blank zog. Dazu vollführe Saoud schlangenartige Tänze und aufgeregte Verrenkungen, die an den frühen Iggy Pop erinnerten, der ja bekanntlich das halbnackte Vollführen von schlangenartigen Tänzen und aufgeregten Verrenkungen in die Rockmusikgeschichte eingebracht hat. Zu den Tänzen und Gesängen des Frontmanns trommelten, gniedelten und orgelten die sechs sich weiterhin auf der Bühne befindlichen Herren, einen schleppenden Voodoo-Punk-Blues zusammen. Dieser erinnerte weniger an The Fall oder die White Stripes, wie es in den meisten Artikeln über die Gruppe heißt, als viel mehr an die Detroiter Protopunks MC5 oder eine zu langsam abgespielte Single der Sex Pistols. Das alles gründete schließlich auf einem Fundament aus Teenybopper-Rock‘?n?’Roll und frühem Surf. Ein herrlich sumpfiger Sound zwischen „?Be Bop A Lula“? und ?“Pretty Vacant?“ auf Valium. Gepaart mit der Präsenz Saouds erzielte das Ganze eine enorme Wirkung, die sich in einem amtlichen Mosh-Pit vor der Bühne manifestierte, in den sich Saoud gelegentlich und singenderweise hineinbegab. The Fat White Family taten an dem Abend zwei Dinge, sie drehten den Temposchalter runter und den Intensitätsschalter hoch und erreichten damit einen Jim-Morrisson-artigen Erlösungseffekt, der dem Blues seit jeher zugrunde liegt, aus dem sie wiederum in eine hochenergetische Punk-Ekstase führten, um sich dann unversehens und ohne eine Zugabe zu geben, von der Bühne verdrückten. Von der britischen Presse werden sie als der kommende Hot Shit bejubelt. Als beste Live-Band der Stunde. Das ist sie also, die Zukunft der Rockmusik? Why the hell not!    

Text: Jacek Slaski 

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