Konzerte & Party

Father John Misty im PBHF-Club

Father John Misty

tip Liebe machen auf Rorschach-Tests mit Maskara, Blut und Sperma? Satanische Weihnachten? Ein Hochzeitskleid, in dem jemand ermordet wurde? Wie kommen Sie auf diese tragikomischen Szenarien?
Father John Misty Vieles stammt direkt aus meinem Leben. Emma, meine Frau, liebt die Ästhetik des 17. und 18. Jahrhunderts. Für sie und mich ist die Zeile mit dem Kleid gut verständlich. Und es gibt uns einen Kick, dass sie bizarr für alle anderen klingt.

tip Basiert Liebe nur auf menschlicher Schwäche und Ressourcenknappheit, wie Sie singen? Was sagt Ihre Frau dazu?
Father John Misty Ständig sterben Menschen aus Einsamkeit und Isolation. Ich glaube nicht an Liebe als magisches Ding. Wir kommen völlig hilflos zur Welt. Wir könnten buchstäblich nicht überleben ohne Zuwendung. Man hat beschlossen, das „Liebe“ zu nennen. Das ist kein erhabenes Konzept.

tip Sie haben mal gesagt, Ihre neue Platte sei ein Konzept-Album. Das ist doch absurd.
Father John Misty Das war auch nur ein Witz. (lacht) Ich habe diese Tendenz zu überintellektualisieren. Wenn ich so Zeugs sage, zieh ich mich selbst durch den Kakao. Ein Konzept-Album über einen Typen, der so heißt wie ich selbst? Mann, Josh, du redest doch einfach über dich selbst!

tip Warum haben Sie sich überhaupt das Pseudonym „Father John Misty“ verpasst?
Father John Misty Sobald man auf die Bühne steigt, betritt man eine erhobene Realität. Ich hab mir den möglichst aufgeblasensten Namen dafür ausgesucht. So offensichtlich Fake! Ich ziehe realen Fake der gefakten Realität vor. „J Tillman“`“, mein früherer Künstlername, war gefakte Realität. Dann saß ich nackt auf einem Baum und hatte den Moment der Erkenntnis. „Father John Misty“ bedeutet nichts. Das ist bloß ein Gedanken-Experiment.

tip Und jetzt singen Sie über Josh Tilmann in der dritten Person. Das muss Ihnen doch selbst bizarr vorkommen.
Father John Misty Eigentlich schon (lacht lange). Aber nein, es fühlt sich nicht bizarr an. Glauben Sie mir oder nicht.

Father John Mistytip Ihre Songs klingen so eingängig harmonisch und melodiös, aber die Texte stecken voller Sarkasmus.
Father John Misty Auf einem Meta-Level packe ich natürlich Satire, die nicht gerade mehrheitsfähig ist, in 3-Minuten-Songs. Aber ich höre definitiv keinen Sarkasmus in meinen Songs. Sarkasmus ich doch die billigste Weise, sich auszudrücken.

tip Sie pflegen zu scherzen! Ihre Songs sind doch zumindest ironisch gemeint.
Father John Misty Ja, das beginnt schon mit dem Titel. Das Album ist so düster und heißt dabei süßlich „I love you, Honeybear“. Ich versuche aber nicht, die Zuhörer zu verwirren.

tip Wie bitte? Ihre Texte sind doch um zwei oder drei Ecken gedacht.
Father John Misty Aber nicht kryptisch. Was soll verwirrend sein an „You see me as I am / the?aimless, fake drifter, and the horny manchild mama’s boy“? Das ist doch ziemlich geradeaus.

tip Als Sie bei David Letterman „Bored in the USA“ gespielt haben, wurden diese hohlen Sitcom-Lachern eingespielt, wie auf der Platte.
Father John Misty Diese absurden, toten Lacher ziehen sich einfach durch die gesamte amerikanische Kultur.

tip Wie versuchen Sie, dem pervertierten amerikanischen Traum zu entkommen?
Father John Misty Durch Intimität. Kritisches Denken. Aber gewissermaßen kann man dem nicht ganz entfliehen. Das ist der springende Punkt. Sobald man glaubt, der Ideologie entkommen zu sein, befindet man sich schon mitten in der nächsten.

tip Schauen Sie mit Ärger zurück auf die Zeit mit den Fleet Foxes?
Father John Misty Eine Band ist wie ein Dampfkochtopf für Egos. Ich bin froh, dass die Zeit um ist. Eigentlich denk ich nicht drüber nach. Ob das gut oder schlecht ist?

tip Sie blenden vier Jahre Ihres Lebens aus?
Father John Misty Ich spüre da aber keinerlei Sentimentalität.

tip Die Keyboard-Versionen Ihrer Songs auf Ihrer wohl nicht ernst gemeinten Gratis-Streaming-Website klingen ganz grauenhaft. Nehmen Sie unsere Hörgewohnheiten aufs Korn?
Father John Misty Ohne Vorurteile klingen sie atemberaubend. Innerhalb ihrer eigenen, sehr limitierten Möglichkeiten. (lacht) Musik-Streaming hat einfach nichts mit Freiheit zu tun. Sorry! Wäre das nicht eine wundervolle Welt, in der Musik auch für die Künstler ohne Kostenaufwand wäre? Aber kein Künstler, der einen Funken Respekt vor sich selbst hat, würde so einen Blödsinn mit seiner Musik machen, wie ich auf meiner Streaming-Seite. Das ist doch ein Horror-Szenario. Dabei treibe ich das Verlangen nach Gratis-Kunst nur folgerichtig auf die Spitze. Auch wenn das niemand ernsthaft wollen kann. Denn was wirklich gratis ist, klingt scheiße. Irgendjemand muss etwas dafür opfern, damit Kunst entsteht.

tip Was opfern Sie denn?
Father John Misty (überlegt lange) Das ist eine gute Frage. Darüber muss ich einen Song schreiben.

tip Sie nutzen also keine Streaming-Seiten.
Father John Misty Ich bin Anarchist. Ist mir egal, wenn man meine Musik streamen kann. Aber ich bin ein alter Mann. Ich gehe in den Plattenladen. Natürlich bin ich auch kein armer College-Student. Nicht jeder kann sich Vinyl leisten, klar.

tip Zu welchen Künstlern greifen Sie denn im Plattenladen?
Father John Misty Björk. Fiona Apple. John Coltrane. Arthur Russell. Michael Hurley. Nick Cave. Aber in letzter Zeit tonnenweise Björk. Verdammt, ich liebe sie einfach. Ihr Album „Vespertine“ ist das perfekte Gegengift zu meiner eigenen Platte.

Interview: Stefan Hochgesand

Father John Misty, PBHF-Club, 25.05.2016, 20 Uhr.

VVK ab 25.11.2015 exklusiv bei eventim & Songkick, ab 27.11.15 auch an allen anderen bekannten VVK-Stellen

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