Konzerte & Party

Feigheit hinter Rammsteins inszenierter Härte

RammsteinVom 18. bis zum 21. Dezember werden Rammstein vier besinnliche Vorweihnachtskonzerte im Velodrom geben und dabei ihr neues Album „Liebe ist für alle da“ zur Aufführung bringen. Es unterscheidet sich musikalisch, aber auch sonstwie kaum von den bisherigen Rammstein-Alben: Kon­fektioniertes Post-Industrial-Gerums und -Geschraddel verbindet sich mit Themen wie Pornografie, perversem Sex und Deutschtümelei. Gänzlich neu an der neuen Platte ist nur, dass Rammstein für ihr Provokationsgehabe erstmals mit einer Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien belohnt wurden: In dem Lied „Ich tu dir weh“ werde „in befürwortender Art und Weise dargestellt, wie ein Mensch einen anderen quält und ihm ohne jegliches Mitgefühl schwerste Verletzungen zufügt“. Seit dem 11. November darf das Album daher in der ursprünglichen Form nicht mehr beworben und nur noch an Käufer über 18 Jahre abgegeben werden.

Das Vorgehen der Bundesprüfstelle wirft drei Fragen auf. Erstens: Wieso? Zweitens: Wieso eigentlich nicht? Drittens: Wieso erst jetzt? Seit Rammstein Mitte der neunziger Jahre erstmals in Erscheinung traten, haben sie wie Tabubruchbeamte jedes bekannte Tabu fein säuberlich gebrochen, sie haben herrisch ausgeführten Analverkehr besungen („Bück dich“), ihre Musik mit Leni-Riefenstahl- Filmausschnitten bebildert („Stripped“) und sich in moralisch mindestens öliger Weise am Thema Kannibalismus vergangen („Mein Teil“). Insofern ist „Ich tu dir weh“ auch nicht ekli­ger, dümmer, moralisch verwerflicher oder sonstwie indizierungswerter als das bisherige Repertoire. Warum die Bundesprüfstelle ausgerechnet jetzt ins Geschehen eingreift, bleibt ihr Geheimnis. Und überdies: Mit den Argumenten, die sie gegen Rammstein vorbringt, könnte man die „Bild“-Zeitung oder RTL2 jeden Tag wieder von Neuem indizieren. Gelten für Pop hier andere Maßstäbe als für Boulevardzeitungen und Unterschichtsfernsehsender?

RammsteinNoch unverständlicher ist al­ler­dings die Reaktion der Band; nach Bekanntgabe der Entscheidung verglich Flake Lorenz das Vorgehen der Bundesprüfstelle mit den Zensurmaßnahmen der DDR. Während „Zensur“ in der DDR freilich hieß, dass man weniger Öffentlichkeit hatte, bedeutet „Zensur“ in der Bundesrepublik, dass man ­– jedenfalls, wenn man Rammstein ist – noch mehr Öffentlichkeit hat als zuvor. Dass Lorenz sich darüber nicht einfach freut, ist entweder dumm oder verlogen oder beides; in jedem Fall zeigt sich darin ein Wesenszug, der für Rammstein schon immer galt: Bei allen Provokationen des „linken“ oder sonstwie gesellschaftlich etablierten Konsenses haben sie die dadurch ausgelösten Debatten niemals mitbestimmt oder ihren scheinhaft kontroversen Ansatz auch nur verteidigt. Sie haben mit der Ästhetik des Nationalsozialismus geflirtet – zu einer Zeit, als die Neonazis erstmals wieder in wachsenden Horden durch das Land marschierten – und sich hinterher ins Schneckenhaus der verfolgten Unschuld zurückgezogen: „Wir sind doch in Wirklichkeit ganz unpolitisch.“ Nun singen sie laut das Lob des sadomasochistischen Sex – und behaupten danach, es handle sich dabei um kein Lob, sondern um etwas „nicht so Gemeintes“, das „die Fans schon richtig einzuordnen verstehen“.

Ist alles nicht so gemeint„: Bei aller ausgestellten Ästhetik der Härte sind Rammstein in Wahrheit eine zutiefst feige Band. Niemals haben sie sich wirklich zum Tabubruch bekannt. Niemals haben sie den Tabubruch soweit getrieben, dass es ihnen wirklich schaden konnte. Warum aber haben sie nicht wenigstens den Mut, um die Regeln des Spiels, das sie spielen, endlich offen einzugestehen? Warum mault Flake Lorenz selbst dann noch im Ton des ewigen Jammer-Ossis herum, wenn er doch wirklich allen Grund zum spöttischen Jubel besäße? Warum sagt er nicht einfach: Ja, genau, das haben wir so gewollt, wir wollten gern indiziert werden, weil sich unser Lebensthema „Provokation des Establishment“ nur auf diese Weise wirklich vollendet und wir dadurch noch viel mehr Platten verkaufen? Wir wollten den Jugendschutz- Institutionen des Staates beweisen, dass wir letztlich doch mächtiger sind als sie? Dann – und nur dann – könnte aus Rammstein werden, was sie im Lauf ihrer Karriere noch nicht gewesen sind: eine ehrliche Band.

Text: Jens Balzer
Fotos: Paul Brown

Konzerte: 18.-20.12., 20 Uhr im Velodrom

ALBUMKRITIK: LIEBE IST FÜR ALLE DA

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