Konzerte & Party

Feist im Tempodrom

Feist

Man sieht kaum mehr als Reste eines verkohlten Baumstamms inmitten einer trostlosen Landschaft. Der Form nach ähneln sie dem Buchstaben F. So ein gespenstisches Cover-Motiv hat man von Leslie Feist nicht erwartet. Aber der Hinweis ist eindeutig: Auf ihrem neuen Album „Metals“ dreht sich alles um den Kern, die reine Substanz. Meistens geben nur Gitarren, Pianos und Stimmen den Ton an. Wenn Feist will, kann sie immer noch ihre liebliche und charmante Seite nach außen kehren, besonders in brüchigen Folk-Momenten. Aber da ist auch diese andere, neue Seite an ihr. Gelegentlich verdichten sich die Stimmen zu Chören, ertönt kräftiges Schlagwerk, kommen Streicher oder Bläser hinzu. In „Graveyard“ oder im abrupt einsetzenden und streng wirkenden Männergesang in „A Commotion“ stecken Rauheit und Düsternis. Verträumten Gedankenspielen auf der einen stehen Eruptionen der Urgewalt auf der anderen Seite gegenüber. Ein untrügliches Zeichen für künstlerischen Fortschritt.
FeistProduziert wurde „Metals“ vom Isländer Valgeir Sigurрsson, aber auch von Chilly Gonzales und Mocky, zwei alten Bekannten aus der in Berlin gut bekannten kanadischen Künstlerclique. Gonzales begleitet den Weg der Kollegin schon seit Jahren. Sein Name lässt sich bis zu den Credits von Feists Debüt „Monarchy (Lay Your Jewelled Head Down)“ zurückverfolgen. Dieses Album wurde vor zwölf Jahren streng limitiert gepresst, auf Konzerten verkauft und bis heute nicht neu aufgelegt. Wohl aus gutem Grund. Feist konnte sich nicht von vornherein blind auf ihr Talent verlassen. Sie musste lernen, sich alles Schritt für Schritt zu erarbeiten und war jeder Ablenkung und Spielerei gegenüber aufgeschlossen. Ohne groß zu überlegen, schloss sie sich bald Broken Social Scene an, einem losen Musikerkollektiv, das teils aus konstanten, teils wechselnden Mitgliedern bestand. Feist habe die Zusammenarbeit immer genossen, sie fühle sich darin wie in einer „Ideenwerkstatt ohne Egos“, hat sie einmal gesagt. Wegen Broken Social Scene (und der Zuneigung zu Projektleiter Kevin Drew) blieb sie in der Heimat. Peaches, ihre Mitbewohnerin in Toronto, machte es anders. Sie folgte Gonzales nach Berlin und reüssierte mit primitivem Elec­tro-Punk und provokativen Performances. Aber der Kontakt riss nicht ab. Feist legte sich das Alter-Ego Bitch Lap Lap zu und gastierte auf dem Peaches-Debüt „The Teaches of Peaches“ oder in „Get To Know The Girl“, einem Song der französischen Band Hypnolove. Auf Konzerten zeigte sie sich in kurzen Höschen, leckte lustvoll an Geräten und Gesäßen und betätigte sich mit Socken als Amateur-Puppenspielerin.  
Von Dauer waren die kleinen Scherze nicht. Feist fühlt sich im schrillen Metier nicht wirklich heimisch. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf dem Song im traditionellen Sinn. Schon „Let It Be“, ihr erstes Album für die Industrie, ließ da aufhorchen. Gerne erinnert man sich an die zurückhaltenden und doch fantasievollen Arrangements, die von angenehmem Laisser-faire inspirierte Atmosphäre am Aufnahmeort Paris oder die Art und Weise, wie Feists eigener Song „Mushaboom“ mit Fremdzutaten von Ron Sexsmith oder den Bee Gees harmonierte. Vor allem war da aber diese Stimme, die sich sofort anders als andere anhörte. Sehr weiblich und grundentspannt, aber jederzeit ausdrucksstark. Noch besser war der Nachfolger „The Reminder“. Hier hört man die Songs, mit denen sich Feist einen Namen gemacht hat: den hektischen, von einem Piano-Groove angetriebenen Hit „My Moon My Man“, das auf Nina Simone anspielende Juwel „Sealion“, die in diesem Jahr von James Blake gecoverte Ballade „The Limit To Your Love“ oder den ausgelassenen Schunkler „1234“.
FeistUnd jetzt also „Metals“. Die Sängerin hatte sich nach den vorangegangenen Erfolgen zurückgezogen und alles mal in Ruhe auf sich wirken lassen. Punktuell arbeitete sie mit ihrer alten Gang Broken Social Scene und mit Wilco oder Grizzly Bear zusammen, aber sonst ließ sie sich nicht drängen. Als Lust und Inspiration wieder da waren, rief sie die drei Produzenten an und reiste mit ihnen nach Big Sur – in eine dünn besiedelte kalifornische Küstenregion, die so ziemlich das genaue Gegenteil vom weiter südlich gelegenen Hollywood darstellt. Die Abgeschiedenheit ist der 35-Jährigen bestens bekommen. Auf einmal erreicht Feist ein Niveau, das von dem einer PJ Harvey nicht so weit entfernt liegt. Dass es irgendwann darauf hinauslaufen musste, war einem immer klar: Gonzales. „Bei unseren Treffen fiel mir auf, dass Leslie diesen brennenden Ehrgeiz besitzt, ihr Handwerk zu beherrschen. Sie war aber auch immer darauf aus, bei jeder Gelegenheit herumzublödeln. Ich dachte mir: Wow, wenn die sich mal richtig konzentriert und am Riemen reißt, wird sie keiner mehr aufhalten können“, sagte er der „New York Times“ nach Erscheinen von „The Reminder“. Jetzt ist dieser Zeitpunkt gekommen. Feist hat nicht nur alle befreundeten Kanadier und viele andere Musiker, sondern auch sich selbst übertroffen.

Text: Thomas Weiland

Feist, Tempodrom, Sa 22.10., 20 Uhr, ausverkauft!

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