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Avantgarde

Felix Kubin und das Splitter Orchester eröffnen den Monat der zeitgenössichen Musik

„Die Leute müssen ­verwirrt werden!“ – Zeichnungen statt Noten: Der Komponist und Dada-Künstler Felix Kubin eröffnet mit einer Zusammenarbeit mit dem Berliner Splitter Orchester den Monat der zeitgenössichen Musik

Dorle Bahlburg

Der Hamburger Künstler Felix Kubin ist nicht nur Komponist und Hörspielmacher, sondern auch Dada-Futurist und Tüftler, der mit Lichtscannern und Modular-Synthesizern experimentiert. Sein Schallplattenlabel Gagarin Records ist nach dem russischen Kosmonauten Juri Gagarin benannt, mit dem er sich telepathisch verbunden fühlt. Kubins Haarschnitt erinnert allerdings eher an Gagarins Kollegen vom Raumschiff Enterprise, Commander Spock. Als wir ihn anrufen, befindet er sich nicht im Weltraum, sondern im Urlaub an der französischen Atlantikküste. Auch schön.

tip Herr Kubin, zum Auftakt des Monats für zeitgenössische Musik stellen Sie im Heimathafen Ihr Projekt mit dem Berliner Splitter Orchester vor: „Shine On You Crazy Diagram“. Dafür haben Sie zwei Improvisationen des Kollektivs in Ihre Klangsprache übersetzt. Wie macht man so etwas?
Felix Kubin Die Idee ist ja erstmal Wahnsinn: Ich als einzelner Komponist stehe einem 24-köpfigen Orchester gegenüber und soll dessen Improvisationen neu interpretieren. Da habe ich mir ein Stück des Kollektivs als Blaupause genommen und Zeichnungen gemacht.

tip Zeichnungen?
Felix Kubin Ja, ich habe vor 25 Jahren mal Zeichnen und Film-Animation studiert, später dann Medienkunst. Klassisches Partiturenschreiben habe ich nie gelernt. Wenn es um ausgefeilte Notation geht, so etwas wie „Sopransaxophon klingend B“, wird es anstrengend für mich. Ich arbeite eher lautbildnerisch und denke mir Zeichnungen aus.

tip Sie verwandeln die Musik also in Comic-Strips?
Felix Kubin Das sind comicartige Zeichnungen, ja, aber sehr abstrakt. Es wäre unmöglich, solche Aufzeichnungen einfach ans Orchester zu übergeben und zu sagen: Spielt das mal! Aber das ist ja ohnehin eine schöne Entwicklung in der Neuen Musik. Die Orchestermusiker verstehen sich nicht mehr als Fabrikarbeiter oder Büroangestellte, die ihr Instrument pünktlich zur Mittagspause niederlegen. Sie haben mehr Gestaltungsfreiraum, identifizieren sich mit den Stücken und werden zu einem Teil der Komposition. Beim Splitter Orchester ist diese Tendenz am stärksten ausgeprägt.

tip Was begeistert Sie am Splitter Orchester?
Felix Kubin Ich finde es spannend, wie sie bei ihren Improvisationen versuchen, Klischees und Moden zu vermeiden. So typische Abläufe wie: leise beginnen, dann steigern, dann wieder leise werden. Sie machen Übungen, um nicht in Muster zu verfallen und sich zu wiederholen. Und trotzdem haben sie eine Struktur, sie hören aufeinander, sind sensibel und geradezu telepathisch miteinander verbunden.

tip Ihre elektronischen Neu-Interpretationen sind deutlich eingängiger als die Originale.
Felix Kubin Ja, in der Neuen Musik herrscht ja eine große Angst vor Eingängigkeit. Im Stück „Diagram 1“ spielt das Splitter Orchester aber ganz kurz etwas Eingängiges. Dieses Motiv habe ich herausgehört und rhythmisiert. Melodien finde ich immer dann am stärksten, wenn man sie singen kann. Das heißt nicht, dass sie einfach sein müssen, aber schlüssig und catchy.

tip Für ein Wort wie „catchy“ bekommen Sie doch sicher Ärger vom Splitter Orchester! Und wenn Sie das Klangmaterial loopen, verstoßen Sie da nicht gegen deren Grundregel, dass sich nichts wiederholen darf?
Felix Kubin Das Orchester hat ja bewusst mich ausgewählt, weil es sehen wollte, was passiert. Ich mache eben anspruchsvolle experimentelle Popmusik. Und als Komponist fühle ich mich wohler, wenn ich vor dem Auftritt weiß, wie das Stück anfängt und wie es endet. Ich finde auch, das Splitter Orchester würde sich erst dann vollkommen von Dogmen lösen, wenn die Musiker auch mal ganz klare Akkorde spielen oder einen Rhythmus durchhalten würden.

tip Seit wann interessieren Sie sich eigentlich für Krach und Störgeräusche?
Felix Kubin Ich habe schon früh die Einstürzenden Neubauten oder Die Tödliche Doris gehört und dystopischen Krautrock der 70er-Jahre. Anfang der 90er habe ich in Hamburg den Plattenladen „Unterm Durchschnitt“ entdeckt, der nur atonale Musik im Sortiment hatte. Das war eine ganz wichtige Begegnung für mich. Da habe ich begonnen, unharmonische Sachen zu hören, die gleichzeitig auch gegen die akademische Wichtigtuerei gerichtet waren.

tip Sie sind ja immer wieder als Dadaist bezeichnet worden. Und irgendwie scheint das eine ganz passende Art zu sein, mit der heutigen Welt umzugehen. Ist Dada wieder da?
Felix Kubin Ich beziehe mich gerne auf die Künstler der 20er-Jahre, auf die Surrealisten und Dadaisten und ihren Protest gegen Sinn und die vergeistigte Kunstszene. Diesen Impuls fand ich immer schon toll. Die Leute müssen verwirrt werden! Man muss ihnen Stolpersteine in den Weg werfen. Damit meine ich aber nicht Wirrköpfe wie Trump. In der Politik ist das hochgefährlich, da gehören Pragmatiker hin. Deshalb kann ich nicht in die Politik, auch wenn ich eine politische Haltung habe. Meine Wirrnis ist ja auch nicht komplett richtungslos.

tip Ach nein?
Felix Kubin Nein, sie dient dazu, Routinen zu unterbrechen. Ich sehe mich als Erwachsenen mit kindlichem Bewusstsein und gehe davon aus, dass meine Zuhörer nicht belehrt werden wollen. Ich erkläre ihnen nicht die Welt, sondern schlage ihnen nur meine Lesart vor. Im Idealfall bringe ich sie auf eigene Ideen. Auch auf den Verwaltungsbeamten sollte ein Funke überspringen, sonst geht er nach Hause und denkt sich nur: Die spinnen doch! Das ist die einzige Möglichkeit, wie Künstler die Welt verändern können.

Heimathafen Neukölln Karl-Marx-Str. 141, Fr 31.8., 20 Uhr, VVK 13/ erm. 9 €

Monat der zeit­genössischen Musik

Felix Kubins Konzert mit dem Splitter Orchester ist der Auftakt zum Monat der zeitgenössischen Musik, der rund 1.500 Musikerinnen und Musiker bei weit über 100 Veranstaltungen umfasst. Darunter fallen auch Festivals wie das Musikfest der Berliner Festspiele oder BAM! – Berliner Festival für Aktuelles Musiktheater. Im Mittelpunkt des Eröffnungskonzerts steht das 24-köpfige Splitter Orchester als wichtigster Vertreter der Berliner Echtzeitmusikszene. Uraufgeführt wird dabei auch das Werk „Nilreb Variations“ des Berliner Komponisten und Turntable-Künstlers Ignaz Schick. Infos & Programm: www.inm-berlin.de

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