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Asynchron. Dokumentar- und ?Experimentalfilme zum Holocaust

In der Filmgeschichte des Holocaust gibt es ein paar Eckpunkte, die auch in das populäre Gedächtnis eingegangen sind: die vierteilige Fernsehserie etwa, die auch das Wort „Holocaust“ erst so richtig in Umlauf brachte; Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ natürlich, der häufig im Schulunterricht verwendet wird und dort nicht selten „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais abgelöst hat, welcher lange Zeit als erster Zugang zu diesem komplexen Thema dienen musste. Und dann ist da noch Claude Lanzmanns „Shoah“, ein großer, schwieriger Film, der inzwischen vermutlich eher aufgrund seiner Reputation bekannt ist, als dass ihn viele Menschen wirklich vollständig gesehen hätten. Alle diese Filme haben gemeinsam, dass sie nachträglich entstanden sind, dass sie sich mit einem Thema beschäftigen, das sich der filmischen Aufzeichnung entzog, einem Verbrechen, bei dem die ­Urheber sorgsam darauf bedacht waren, dass es möglichst wenige Bilder davon gab.
Holocaustfilme kommen also in gewisser Weise immer zu spät, so wie die Zeugenschaft bei einem Verbrechen nun einmal darauf beruht, dass es geschehen ist. Diese kon­stitutive Verspätung ist nun wohl auch ein Aspekt, auf den das Arsenal mit einer Filmreihe unter dem Titel ­Asynchron anspielt. Sie versammelt „Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust. Aus der Sammlung des Arsenal“. Eine ungleich differenziertere Sicht wird hier entwickelt, zum Teil in Ergänzung der (teils höchst umstrittenen) Leuchttürme, zum Teil in methodischer wie inhaltlicher Korrektur. Häufig sind es Menschen der sogenannten zweiten Generation, also der Kinder von Überlebenden, die hier zu forschen beginnen und davon filmisch Zeugnis ablegen, wie Angelika Levi in „Mein Leben Teil 2“. Häufig spielen dabei Medien eine Rolle, Notizen, Aufnahmen, Fotografien, sodass diese Filme in ihrer Rekonstruktionsarbeit wie von selbst einen experimentellen Charakter bekommen.
Eröffnet wird mit Erwin Leisers „Die Feuerprobe – Novem­berpogrom 1938“ (1988), in dem Archivmaterial und Zeugenaussagen so kombiniert werden, wie das später im Zeitgeschichtsfernsehen schnell zu einer billigen Konvention wurde. Leiser aber war ein Montagearbeiter der Vergangenheitsbewältigung, der wusste, dass die Geschichte in so einem Film niemals vollständig aufgehen darf, sondern dass sie ihren uneinholbaren Charakter behalten muss. Von diesem Wissen legen die Filme in der Reihe Asynchron auf vielfache Weise Zeugnis ab.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Abbey Jack Neidik

Asynchron. Dokumentar- und Experimentalfilme zum Holocaust. Arsenal, Potsdamer Platz, 27.1. bis 4.2.? www.arsenal-berlin.de

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