Open Airs

Corona und Musik: Was passiert mit den Festivals? Wir haben uns bei den Machern umgehört

Immerhin dem Immergut geht es – den Umständen entsprechend – gut. Die Macher des beliebten Festivals in Neustrelitz glauben, dass die Indie-Sause vom 3. bis 5. September stattfinden kann. Immergut-Fans stutzen, denn eigentlich findet ihr Lieblings-Festival im Frühjahr statt, aber die Veranstalter hatten schnell auf die Corona-Pandemie reagiert und bereits im März eine Verlegung organisiert. Wir sind „guter Dinge“, so formuliert es Stefanie Rogoll, „dass das Immergut im September stattfinden kann“. 

Die Open-Air-Saison ist gefährdet - Corona und Musik: Was passiert mit den Festivals? Wir haben uns bei den Machern umgehört
Große Open-Air-Festivals werden wegen Corona im Sommer 2020 ausfallen, vielleicht gibt es noch Hoffnung für einige kleinere Formate. Foto: Imago/Ina Peek

5000 Menschen, zusammen gesperrt auf einem Gelände, während ein potentiell tödlicher Virus grassiert? Unter den aktuellen Umständen wird das Immergut – so wie viele andere – nicht stattfinden können, das wissen auch Rogoll und die anderen, die ehrenamtlich in ihrer Freizeit das Festival organisieren. „Momentan kann man sich das nicht vorstellen“, gibt Rogoll zu, „aber wir hoffen darauf, dass sich die Lage bis zum Herbst entspannt.“ 

Die meisten Festivals werden wegen Corona ausfallen

Ein Zweckoptimismus, den nicht jeder teilt. Die allermeisten Festivals sind betroffen von den verlängerten Maßnahmen gegen die Pandemie. Bund und Länder haben sich geeinigt, bis zum 31. August Großveranstaltungen nicht zu erlauben. Ein Beschluss, der nicht viele Branchen mit solcher Wucht trifft wie die Open-Air-Festivals, die das sommerliche Musikgeschäft bestimmen. Tatsächlich besteht die Gefahr, sagt Alexander Dettke, „dass eine ganze Sparte ausgelöscht wird“. 

Dettke ist Leiter des Arbeitskreis Festivals der Berliner Clubcommission, er kennt die Nöte der Festivalmacher aber auch aus eigener Anschauung. Mit seinem Team organisiert er seit sieben Jahren die kleine, aber sehr feine Wilde Möhre in der Niederlausitz. Das Festival, zu dem ab 6. August ungefähr 7.000 Besucher erwartet worden wären, wird ebensowenig stattfinden wie der Branchenriese Lollapalooza mit einem gut zehn Mal so großen Publikum. Das Festival sollte das Olympiastadion zwar erst am 5. und 6. September füllen, aber den Organisatoren war das Risiko zu groß, sie haben die Veranstaltung am Dienstag abgesagt. 

Lollapalooza plant schon für 2021

Während das Lollapalooza schon für 2021 plant, hat die Wilde Möhre noch Hoffnung, vielleicht in abgespeckter Variante, in anderer Form und mit weniger Publikum im Spätsommer oder Herbst stattfinden zu können. Möhren-Macher Dettke kritisiert auch die bisherigen Entscheidungen. Das beginnt damit, dass es keine verbindliche Definition gibt, was eine Großveranstaltung überhaupt ist. Reden wir von mehr als 100 Besuchern? Oder erst ab 10.000? Das, sagt der Bund, sollen die Länder regeln. Manche Länder tun das, andere nicht, die Zahlen sind unterschiedlich – und die Folge ein Flickenteppich, der die Veranstalter weiter verunsichert. 

Zum Festival Wilde Möhre nahe Drebkau (Spree-Neiße) kamen 2019 mehr als 5.000 Besucher.
Zum Festival Wilde Möhre nahe Drebkau (Spree-Neiße) kamen 2019 mehr als 5.000 Besucher. Foto: Imago/ Rainer Weisflog

Verfrüht finden die Wilde-Möhre-Veranstalter auch das Verbot bis 31. August: „Ich wundere mich schon, dass die Politik, die sonst bei Corona eher auf Sicht fährt, jetzt schon vier Monate voraus blickt.“ Man könne doch heute noch gar nicht wissen, so Dettke, ob im Sommer die Gefährdungslage noch gegeben ist, womöglich ein Schnelltest zur Verfügung steht und Veranstaltungen unter bestimmten Auflagen möglich sein könnten.

„Wir wollen ein schönes Erlebnis für Menschen organisieren, wir haben überhaupt kein Interesse ein Festival zu machen, wenn es gefährlich wäre“, sagt Dettke, „aber wenn man solche Entscheidungen trifft, dann muss man als Gesellschaft auch die Verantwortung übernehmen.“ An der Wilden Möhre hängen 20 Arbeitsplätze, die durch die Absage des Festivals in Gefahr sind – wie viele andere in der Branche. Dettke fordert deshalb differenzierte, nachvollziehbare Entscheidungen und bei Absagen dann auch finanzielle Unterstützung: „Kredite nützen uns nichts, die können wir niemals zurückzahlen. Die fehlenden Einnahmen kommen ja nicht zurück.“ 

Ein Tenor, den die meisten im Festival-Geschäft teilen. Auch Ran Huber, mit seiner Agentur AmStart einer der umtriebigsten Veranstalter für kleine, innovative Konzerte in Berlin, musste sein Festival Down By The River absagen. Er hofft, die Veranstaltung, die traditionell im Garten des About Blank stattfindet und diesmal für den 29. Mai geplant war, vielleicht doch noch in veränderter Form später nachholen zu können.

Die Corona-Krise ist wie ein Brennglas

Ansonsten dann halt auf ein Neues im nächsten Jahr, „wenn es uns alle dann noch gibt“, so Huber sarkastisch. Denn die Probleme sind strukturell bedingt: „Die Politik, gerade die Berliner, bestätigt der Musikszene zwar immer, dass sie wichtig sei, aber richtig gepflegt wird sie dann doch nicht. Die Corona-Krise ist wie ein Brennglas, das die strukturellen Missstände in dem Geschäft unübersehbar macht.“ 

Wegen dieser strukturellen Defizite sind die allermeisten in der  Branche gefährdet, vor allem die mittleren und kleinen Clubs und Festivals, die schon vor Corona finanziell auf Kante genäht waren oder sogar idealistische Projekte sind, die niemals einen Gewinn abwerfen sollten. So wie Musik & Sterne: Das Liedermacher-Festival im Oderbruch sollte in diesem Jahr zum ersten Mal stattfinden und war wohl das erste Opfer der Corona-Krise. Fünf Tage vor dem geplanten Beginn im März kam das Veranstaltungsverbot.

Veranstalter Götz Rausch hat alles umorganisiert: Nun soll die Premiere im März 2021 stattfinden, alle vorgesehenen Künstler von Alin Coen bis Niels Frevert wollen auch im kommenden Jahr dabei sein. Genauso wie der Großteil des Publikums: Nur sehr wenige Ticketkäufer haben ihr Geld zurückverlangt, bereits erworbene Eintrittskarten gelten nun für 2021.  „Ich gehe davon aus, dass wir nächstes Jahr unsere Premiere feiern können“, sagt Rausch, „das wird ja wohl nicht Jahre dauern.“ 

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