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12 Festival-Charaktere: Von Super-Fans bis Drogenopfer

Egal ob Melt, Fusion, Splash oder Immergut: Die typischen Festival-Charaktere trefft ihr garantiert auf jedem Campingplatz, vor jeder Konzertbühnen – und hin und wieder auch im Moshpit. Auch wenn sie manchmal nerven können, gehören sie einfach dazu. Vom Merchandise-Maskottchen zum Moshpit-Maniac: Hier sind 12 Festival-Charaktere, die nicht zu übersehen sind.


Festival-Charaktere: Super-Fans

Die Super-Fans bringen Fan-Utensilien mit und warten Stunden lang auf ihren Lieblingsstar. Foto: Imago/Gonzales Photo/Tord Litleskare

Super-Fans haben eine Lebensaufgabe: Sie unterstützen ihre Stars mit voller Leidenschaft. Ihr Kleiderschrank besteht zu 99 Prozent aus Merchandise. An ihren Wänden hängen Riesenposter, auf dem Fußboden steht ein Pappaufsteller in Lebensgröße. Ein Festivalbesuch ist für sie wie eine Pilgerfahrt. Mit Liebesbekundungen auf selbstgebastelten Herzschildern und einer kompromisslosen Textsicherheit verteidigen die Super-Fans die erste Reihe. Wenn ein Plektrum in die Menge fliegt, gibt es keine Freunde mehr, der vorher gefangene Drumstick dient zur Not als Waffe. Wenn sie einen Handschlag von ihren Stars ergattern, waschen sie sich nie wieder.


A+R-Manager:innen

Brian Epstein hatte das richtige Gespür für die wichtigste Band aller Zeiten. Die A+R-Manager:innen wären gerne so wie er. Foto: Imago/Zuma/Keystone/ZUMAk09

A+R-Manager:innen stehen wie Brian Epstein im Hollywood Bowl – nun ja, versuchen sie zumindest – und beobachten ihre Schützlinge. Arme verschränkt, Augenbrauen hochgezogen, Stirn gerunzelt. Hier wird nicht zugehört, sondern verstanden. Möchtegern-Manager:innen kennen die Trends, wissen genau, was die Leute brauchen. Ihren Festivalplan haben sie über Wochen perfektioniert. Große Acts werden aus Prinzip nicht beachtet – „uninteressant“. Spielt eine Band keine neuen Songs, ist sie „uninspiriert und nicht zukunftsfähig.“ A+R-Manager:innen verstehen ihr Handwerk. Auch ohne Anstellung.


Trinksportler:innen

Die Trinksportler:innen sind Meister aller Klassen. Solange sie mit Alkohol zu tun haben. Foto: Imago/Zuma Press/ZUMAt14

Trinksportler:innen interessieren sich nicht sonderlich für Musik. Eher wird der Festival-Zeltplatz zum Spielplatz für alkoholische Eskapaden. Das Gepäck dieser oftmals nervigen Festival-Charaktere ist mit professionellem Trinkequipment gefüllt. Beer-Pong-Tisch, Trichter, Kühltruhen, geschmuggelte Messer zum Dosenstechen. Die Trinksportler:innen exen kopfüber, vernichten ihren Gerstensaft beim ersten Bierball-Treffer und das Gegnerteam sowieso. Vom Festival selbst bekommen sie nicht viel mit, bis auf den Bierstand und vielleicht das BHZ-Konzert – aber nur wenn sie „Bier“ spielen und es eine ordentliche Hopfendusche gibt.


Festival-Charaktere: Merch-Maskottchen

Der Merchandise-Stand ist ein Paradies für Merch-Maskottchen. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Die Merch-Maskottchen scheinen vom Festival gesponsert zu sein. Fischerhut, T-Shirt, Hoodie, Schlüsselbund, Sonnenbrille, 20 Bändchen am Arm: Und alles mit Splash-, Lolla- oder Melt-Aufdruck. Wenn sie sich das Festival-Line-Up anschauen wollen, müssen sie sich nur schnell den Pullover ausziehen und den Rückenflock lesen. Ein Festivalbesuch ohne offiziellen Merch ist eine Schande für die Maskottchen. Wenn die Festivals ihre unstillbare Kaufsucht wirklich sponsern würden, wäre das Budget schnell aufgebraucht.


Dauercamper:innen

Die Dauercamper:innen schaffen ihr eigenes Zeltkönigreich mit Spanferkel. The Sky is the limit. Foto: Imago/Pop-Eye/Ben Kriemann

Die Lieblingsbühne der Dauercamper:innen ist der Zeltplatz. Hier erschaffen sie ihr eigenes Königreich aus Campingstühlen, Pavillons, Tipis, Kühltruhen, Gaskochern, Feldbetten, 14-Personen-Armee-Zelt und sogar einer selbstentworfenen Flagge, die ihre Campingplatz-Herrschaft feierlich in die Welt trägt. Bei den Dauercamper:innen wird frisch gekocht, ihre Kühltruhen sind gefüllter als viertürige Familienkühlschränke.

Die Konzerte genießen sie lieber in ihren Campingstühlen. Wenn die Bühne zu weit weg ist, wird die mobile Fritzbox rausgeholt und der Auftritt per Livestream auf Mitnehmleinwand oder Bluetooth-HiFi-Anlage genossen. Manchmal kann man auf diese übertreibenden Festival-Charaktere schon etwas neidisch sein. Besonders, wenn man mit seinem Billigzelt im Schlamm versinkt, während die Dauercamper:innen Spanferkel grillen.


Drogenquelle

Die Drogenquelle versorgt die anderen Festival-Charaktere mit unendlichem Nachschub. Foto: Imago/Geisser

Die Drogenquelle trocknet nie aus, sondern sprudelt verlässlich und konstant Rauschmittel an die Oberfläche. Die Brusttasche ist gefüllt mit „vielen, vielen bunten Smarties, ein bisschen was zum Ziehen, Schnellem und Entspanntem und richtig abgedrehtem Zeug.“ Auf das Drogenarsenal ist Verlass. Die Geschäfte laufen reibungslos und professionell. Wenn die Connection stimmt, gibt es sogar mal was zum Probieren. „Hmmmm, lecker.“


Festival-Charaktere: Die Komatösen

Vom Konsum umgehauen. Komatöse gehören zu den Festival-Charakteren, die man häufiger sieht. Foto: Imago/snapshot/Volkmer

„Vielleicht ist auf die Drogenquelle doch nicht immer Verlass. Irgendwas war komisch mit dem Zeug oder einfach zu viel? Und der Wettkampf mit den Trinksportler:innen hätte echt nicht sein müssen, vor allem nicht bei 40 Grad und Sonne. Wie überleben die das bloß? Fuck, muss mich mal eben hinlegen, alles dreht sich. Erstmal Ankern. Mann, ist mir übel. Tag gelaufen, ich leg mich unter’n Baum und akzeptiere mein Schicksal. Hat sich trotzdem gelohnt und morgen geht’s weiter.“


Food-Truck-Gourmets

Die Food-Truck-Gourmets lassen es sich kulinarisch gutgehen. Auch schon im Kindesalter. Foto: Imago/Zoonar/RM

Food-Truck-Gourmets geben sich nicht wie andere Festival-Besucher:innen mit Dosenravioli und Pommes Schranke zufrieden. Um ihre trainierten Feinschmeckergaumen zu befriedigen, müssen exotische Speisen aus gastronomischen Einrichtungen, die selbstverständlich das Wort „Manufaktur“ in ihrem Namen tragen, aufgetischt werden. Die Food-Truck-Gourmets trinken nicht aus Plastikbechern, sie sommelieren mit Stil. Dazu gibt es vegane Papaya-Bowls, Raclette-Schnitten und gefüllte Auberginen. Die Weingärten und Food-Courts wurden für sie erfunden. Wenn ein Festival keine Jakobsmuscheln anbietet, hagelt es böse Kommentare auf Yelp.


Festival-Charaktere: Coachella-Influencer:innen

Kein Event ohne Influencer und Selfies. Foto: Imago/Westend61

Die Influencer:innen sehen die Welt durch ihre iPhone-Linsen und messen ihre Beliebtheit in Likes und Followern. Festivals sind kein Vergnügen sondern potenzielle Social-Media-Trends. Auf dem Zeltplatz gibt es keine freistehenden Badewannen und Whirlpools, Kosmetikstudios und Massageliegen. Zum Glück sponsern Nivea und Co elegante Sternehotels in der Nähe und versorgen die Influencer:innen mit den passenden Modekollektionen, übergroßen Sonnenbrillen, Filzhüten und Conditioner. Leider gibt es in Berlin kein Coachella, dann muss halt das Lollapalooza genügen. Mit ordentlich Glitzer und den richtigen Filtern kann man aber auch hier ein schönes Tiktok zaubern. Auf diese Festival-Charaktere könnte man wohl noch am ehesten verzichten. Die Werbefirmen allerdings nicht.


Schlager-Heinis

Die Schlager-Heinis halten sich für wahre Stimmungskanonen und schrecken auch vor „lustigen“ Outfits nicht zurück. Foto: Imago/Manngold

„Wie heißt die Mutter von Niki Lauda?“, schreien die Schlager-Heinis bei jeder Gelegenheit. „Ma’ma lauda“ hallt es voller Inbrunst zurück. „Saufen, morgens, mittags, abends, ich will saufen, schalalalalaaa“, manche Hits werden nie alt. In den richtigen Kreisen versteht sich jeder Mensch als Stimmungskanone. Und wer nicht mitsingt, hat halt keine Lust und erst Recht keinen Spaß. Schamgefühl ist was für Weicheier. Schlager ist geil, für die Schlager-Heinis auch ganz ohne Ironie.


Festival-Charaktere: Moshpit-Maniacs

Der Pogo ist ihr Leben: Die Moshpit-Maniacs gehören zu den bekanntesten Festival-Charakteren. Foto: Imago/Pop-Eye/Ben Kriemann

Die Moshpit-Maniacs nutzen wirklich jede Gelegenheit für wilde Pogos. Selbst bei Klavierballaden und emotionalem Folk muss früher oder später ein Abgeh-Part kommen, oder etwa nicht? Skandal. Die Moshpit-Maniacs lieben Schweiß, freie Oberkörper und Deutsch-Punk. Im Pogo passt man aufeinander auf. Wer hinfällt, wird gerettet, wenn etwas runterfällt, sind hundert helfende Hände am Start.


Ahnungslosen

„Hey, könnt ihr mir sagen, was hier abgeht?“: Die Ahnungslosen haben keinen Plan. Foto: Imago/Manngold

Die Ahnungslosen haben eigentlich überhaupt keinen Plan, wo sie sind, wer spielt, wo es Snacks und Drinks gibt und warum sie überhaupt mitgekommen sind. Verzweifelt versuchen sie, irgendwie Anschluss zu finden. Doch das ist gar nicht so leicht:

Die A+Rs reden nicht mit unqualifizierten Leuten, die Super-Fans bemalen ihre Schilder und stechen Konkurrenz aus, um bei den Trinksportler:innen mitzuhalten, muss man gut trainiert oder völlig kaputt sein, um von den Merch-Maskottchen aufgenommen zu werden, muss man mindestens zwei Festival-Utensilien besitzen, die Dauercamper:innen hängen in ihrer Zeltburg ab, die Drogenquelle vertraut keinen Fremden, die Komatösen sind eh nicht mehr zu gebrauchen, die Food-Truck-Gourmets machen Weinprobe im V.I.P.-Bereich, die Coachella-Influencer lassen nur Leute mit trendigen Sonnenbrillen in ihre Insta-Story, die Schlager-Heinis erwarten Textsicherheit und die Moshpit-Maniacs haben sich gerade die Nasen gebrochen.


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