Festival

Fête de la Musique 2017

Stephen Bruner aka Thundercat ist der Bass-Superheld im ­US-Hip-Hop – nun spielt er auf einer von 100 Gratis-­Bühnen im Rahmen des jährlichen Megafestivals Fête de la Musique

Sein spaciger, leicht derangierter Fusion-Stil hinterließ schon in der Musik von Megastars wie dem Jazz-affinen Hip-Hopper Kendrick Lamar und dem Weltklasse-Tenor-Saxofonisten Kamasi Washington seine Spuren: Beide unterstützte er als Co-Produzent und Bassist. Doch der Sohn des langjährigen Temptations-Drummers Ronald Brumer hat sich mit drei von der Kritik gefeierten Alben auch selbst einen Namen als Produzent gemacht. Seine aktuelle Platte „Drunk“ verbindet Anflüge von Fusion-Jazz, Westcoast-Rock und Hip-Hop zu einem losen Autorenalbum, das Genrezuschreibungen hinter sich gelassen hat.

tip Thundercat, Sie waren an zwei der wichtigsten Alben der letzten Jahre beteiligt: „To Pimp a Butterfly“ von Kendrick Lamar und „The Epic“ von Kamasi Washington. War Ihnen zum Zeitpunkt der Produktion bewusst, wie sehr man diese Alben auch als Statements begreifen würde?
Thundercat Mir war nicht klar, wie epochal „To Pimp a Butterfly“ werden würde, aber ich hab schon während der Arbeit gespürt, dass Kendrick bei den Aufnahmen emotional sehr involviert war. Die Energie war unfassbar. Es fühlte sich an, als würde man blind in ein Meer springen, ohne sich um die Konsequenzen sorgen zu müssen. Doch Kendricks Anweisungen waren eher vage. Das hat mich besonders gereizt.

tip Beide Alben sind in einer afroamerikanischen Musiktradition verwurzelt, die nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Bewegung  Black Lives Matter hochaktuell ist. War dieser Zusammenhang beabsichtigt?
Thundercat Die Frage ist schwer zu beantworten. Wenn wir es geschafft haben, an eine Tradition anzuknüpfen oder ein kollektives Wissen freizulegen, war es ein unbewusster Prozess. Wir haben zunächst nur versucht, Grenzen auszuloten. Musikalisch. Im Alltag ist die Erfahrung von Rassismus natürlich immer präsent. Als Schwarzer wächst man mit dem Gefühl der Ausgrenzung auf. Man braucht keine Musik, um diese Erfahrung auszudrücken. Andererseits ist Musik immer auch der Soundtrack zum Leben.

tip Schon Ihr Vater war ein berühmter Musiker. Wurde Ihnen die Musik in die Wiege gelegt?
Thundercat Musik zu machen, war in meinem Fall eine natürliche Entscheidung. Mein Elterm haben mich von klein auf unterstützt, und irgendwie bin ich beim Bass gelandet. Für eine kurze Zeit habe ich mich auch auf der Violine versucht.

tip Gibt es Bassisten, die Sie besonders ­beeinflusst haben?
Thundercat Ja, tonnenweise. Stanley Clarke und Jaco Pastorius, zum Beispiel. Und Flea. Ganz am Anfang war auch Jason Newsted von Metallica ein wichtiger Einfluss. Ich habe mich immer schon für die Stile anderer Bassisten interessiert.

tip Unterschiedliche Einflüsse kann man auf Ihrem aktuellen Album „Drunk“ heraushören. Wann kamen Sie überhaupt auf die Idee, auch selbst zu singen?
Thundercat Flying Lotus brachte mich dazu. Er hat mich von Anfang an ermutigt, mit meiner Stimme zu arbeiten. Er meinte, es sei wichtig für meine persönliche Entwicklung. Ich bin ihm erstmals beim Festival South by Southwest begegnet, das war ein prägender Moment für uns, weil wir beide augenblicklich verstanden, dass wir zusammenarbeiten müssen.

tip Sie haben sich in Texas kennengelernt, obwohl Sie beide in Los Angeles leben? Ich dachte, die Szene in Kalifornien wäre so eng vernetzt. Wie muss man sich diese Clique um Flying Lotus vorstellen?
Thundercat Steven (Ellison alias Flying Lotus, Anm. d. Red.) wohnte damals nur einen Block von mir entfernt, aber wir sind uns vorher nie begegnet. Die Szene um sein Label Brainfeeder ist musikalisch sehr divers, aber wir sind alle miteinander befreundet, wir arbeiten zusammen, tauschen uns aus, zocken manchmal Videospiele. Mit Flying Lotus ist es aber noch was anderes. Ich erinnere mich, wie ich eines Tages mit meinem Vater in einer Wäscherei stand. Auf einem Fernsehen lief der Cartoonkanal Adult Swim, und plötzlich hörte ich in der Werbepause einen Jingle, der mich wieder auf den Boden der Realität zurückholte. Es ging mir damals ziemlich dreckig, und dieser Beat
beamte mich zurück auf die Erde. Es stellte sich heraus, dass Flying Lotus den Beat produziert hatte. Diesen Moment werde ich nie vergessen.

tip Sie haben mit ganz unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern gearbeitet. Sehen Sie sich in solchen Projekten als Zulieferer oder als Partner?
Thundercat Es ist immer ein Drahtseilakt. Manchmal bin ich einfach nur Zulieferer, ohne meinen ganzen Bullshit mit einzubringen. Es reicht mir manchmal schon, wenn ich helfen kann, Dingen eine Form zu geben.

tip Und welche Eigenschaften sind für Sie wichtig, damit die Chemie stimmt?
Thundercat Ich würde sagen: Leidenschaft, Hingabe, Neugier. Ich fühle mich inspiriert, wenn Menschen nicht genau beschreiben können, wonach sie eigentlich suchen. Wenn sie ihre Komfortzone verlassen möchten, aber noch nicht sagen können, wohin ihre Reise führt. In solchen Momenten bin ich zur Stelle, hundert Prozent. An meiner eigenen Musik arbeite ich ganz ähnlich. Ich muss immer versuchen, etwas Neues auszuprobieren und dann langsam die Kontrolle über den Pozess zu gewinnen.

tip In Berlin spielen Sie mit der Brainfeeder-Crew im Rahmen der Fête de la Musique. Was wissen Sie über die Fête?
Thundercat Ich hab noch nie davon gehört.
tip Es ist ein Open-Air-Festival, das am 21. Juni weltweit stattfindet. Die Konzerte sind umsonst und über die ganze Stadt verteilt. Es geht um ein Gemeinschaftsgefühl, Community, Musik, Austausch.
Thundercat Ich kenne das Festival zwar nicht, aber ich spiele zuhause in Los Angeles oft Konzerte in meiner Community. Scheint, als müsste ich mich mal näher mit diesem Festival und seiner Geschichte befassen. Die Idee klingt gut. Ich freue mich schon darauf, mit den Jungs in Berlin zu spielen.

Red Bull Music Academy Stage Mauerpark, Prenzlauer Berg, Mi 21.6., 19.40 Uhr

Highlights auf der fête de la ­musiqe am Mi, 21.6.

Else An den Treptowers 10, Treptow, 16 – 22 Uhr (Future Bass Trap, Electromechanica, Indie-Blues)

Kesselhaus Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg, 22.30 – 1 Uhr (French Electro-Pop & Folk)

Musik & Frieden Falckensteinstr. 48, Kreuzberg, ab 22 Uhr (Psychedelic Rock, Hip-Hop, Postpunk, Garage, Funk)

Wabe Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg, 22 – 1 Uhr (Alternative- & Electro-Rock)

Yaam An der Schillingbrücke 3, Friedrichshain, 16 – 22 Uhr Open-Air, danach drinnen (Afrobeats, Reggae, Brass Band, Hip-Hop)

ZK/U & Kallasch Siemensstr. 27 bzw. Unionstr. 2, Moabit, 17 – 22 Uhr (Avantgarde Dance, Electronic Jazz, Nu Soul, Synth)

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