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Flying Lotus im Gretchen

Flying Lotus

Man braucht nicht lange, um zu verstehen, dass dieser Steven Ellison ein eigenes Verständnis von Musik hat. In „Putty Boy Strut“ breitet sich der Sound von lebhaft piepsendem elektronischen Spielzeug auf einem sanft tapsenden Beat aus. Im Titelsong des aktuellen Albums „Until The Quiet Comes“ kommen ein Kontrabass-Groove, das Tackern eines Stepptänzers und Gesang mit spacigem Easy-Listening-Effekt zusammen. Unter dem Namen Flying Lotus findet Ellison immer wieder Wege, die Dinge anders aufzuziehen. Er nimmt sich dafür alle Freiheiten der Welt. „Wer schreibt eigentlich vor, dass man herkömmliche Instrumente oder alte Platten benutzen muss, um einen Sound zu kreieren? Für mich kann es schon ausreichen, wenn ich Stifte auf den Tisch fallen lasse. Ich nehme das Geräusch auf und bearbeite es so, dass daraus ein schräger und interessanter Rhythmus entsteht. Die Liste für solche Beispiele ist endlos“, weiß er. Zur Beschreibung seiner Musik hat sich das Wort wonky eingeprägt. Gemeint ist etwas, das wackelig oder in Schräglage geraten ist. Das trifft schon den Punkt, aber es geht nie so weit, dass alles aus der Balance gerät. Es kommt bei Flying Lotus schon vor, dass ein Beat punktgenau produziert klingt. Aber dann liegt mindestens noch ein Effekt drüber, der alles verschwommener oder verzerrter klingen lässt. Oder man hört Nebengeräusche, ein Rascheln, Blubbern von Wasser, typische Töne aus der Tierwelt. Kommt eine Stimme wie die von Laura Darlington hinzu, denkt man gleich an Karen Carpenter. Wenn man will, kann man sich zu all dem gemütlich bewegen oder mit dem Kopf nicken. In allererster Linie lädt diese Musik jedoch dazu ein, sich den Kopfhörer aufzusetzen und Träumen hinzugeben.
Angefangen hat alles im ruhigen Vorort Winnetka, wo sich Kids auf Sportanlagen treffen und an ihren athletischen Fähigkeiten arbeiten. Für Ellison war das nichts, er blieb lieber zu Hause und beschäftigte sich mit Computerspielen. Musik spielte in seiner Familie auch eine entscheidende Rolle, seine Großtante ist die vor fünf Jahren verstorbene Pianistin Alice Coltrane und sein Cousin Saxofonist Ravi Col­trane. Zu ihrem Jazz fühlte sich der junge Ellison anfangs nicht hingezogen. HipHop war viel mehr sein Ding, vor allem der verschlafene Sound eines J Dilla. Erste Tracks in dieser Art spielte er mit Gleichgesinnten auf Parkplätzen von Nachtclubs in der Innenstadt von Los Angeles vor. Später verlegte man das Ganze nach innen und machte daraus die Clubnacht Low End Theory, die inzwischen als Schaufenster für die elektronische Szene von L.A. gilt. Dort hatten neben lokalen Helden auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Musiker geheime Auftritte, darunter Thom Yorke von Radiohead und Soulsängerin Erykah Badu, die mit Gastauftritten jetzt auch „Until The Quiet Comes“ veredeln.
Vor sechs Jahren, als alles noch ganz neu war, veröffentlichte Ellison sein Debüt „1983“ auf dem Nischenlabel Plug Research. Mit dem Nachfolger „Los Angeles“ landete er bei Warp Records in London, wo man traditionell eine Schwäche für experimentelle Elektroniksounds hat, nicht erst seit Aphex Twin oder Squarepusher. Ellison ist aber nicht auf akademischen Art-Terror aus. Er vermeidet jeden Hauch von Aggression und konzentriert sich lieber auf das Ausloten von Gefühlen. Über deren Dauer hat er genaue Vorstellungen: „Ein angenehmes Gefühl möchte man so lange wie möglich spüren. Aber man muss auch aufpassen. Alles hat seine Grenzen. Ein Orgasmus hält auch nicht ewig an, und das aus gutem Grund.“ Von Ellisons Hang zu Spontaneität konnte man sich schon vor zwei Jahren in Berlin ein Bild machen. Bei einem Live-Konzert in der Maria hielt er sich nicht verkrampft an ein durch zuvor veröffentlichte Tracks vorgegebenes Klangskript oder irgendwelche Publikumserwartungen. Es ging so weit, dass er sich zwischendurch mit verschmitztem Lächeln in die Niederungen der 4/4-Beats begab, weil auch er weiß: That’s entertainment.
Zeit, zu sehr in sich selbst und sein Ego zu versinken, hat Ellison nicht. Als Altruist sieht er sich in einer Gesamtverantwortung für die Szene in Los Angeles. Er will verhindern, dass alles, was man sich dort aufgebaut hat, schnell wieder zusammenbricht und in Vergessenheit gerät. „Ich weiß, dass das, was ich und meine Weggenossen auf die Beine stellen, wirklich wichtig ist. Ich spüre, dass unsere Musik eine neue Generation anspricht. Deshalb ist es unsere Aufgabe, die Entwicklung, die wir in Gang gesetzt haben, zu hegen und zu pflegen“, sagt er. Parallel zu dem ganzen Zirkus, der um „Until The Quiet Comes“ veranstaltet wird, wirft Ellison stets auch einen Blick auf die Aktivitäten des von ihm gegründeten Labels Brainfeeder, das mit Veröffentlichungen von Samiyam, Martyn, Jeremiah Jae und The Gaslamp Killer in den letzten Monaten großartige Anregungen für die Weiterführung von instrumentalem HipHop und Electronica gegeben hat. Damit ist man erst mal gut versorgt, nicht nur in Los Angeles.

Text: Thomas Weiland

Foto: Red Bull Music Academy

Flying Lotus, Gretchen, Do 8.11., 22.30 Uhr, VVK: 18 Euro zzgl. Gebühr

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