Konzerte & Party

Foreign Affairs im Haus der Berliner Festspiele

Martin Hossbach

tip Was hat Sie dazu gebracht, das Musikprogramm für ein Festival im Haus der Berliner Festspiele zu kuratieren, wo dort bislang eher Tanz und Schauspiel dominierten?
Martin Hossbach?Ich war früher Assistent des Berliner Dirigenten Christian von Borries, er hat mich 2002 zum Festival MaerzMusik mitgenommen. Dabei habe ich mich in das Haus verliebt und mich gefragt, warum hier keine Popmusik stattfindet. Grundsätzlich fühle ich mich im West Germany oder bei Möbel Olfe zu Hause, aber auch in der Philharmonie oder im Haus der Berliner Festspiele. Das ist keine Strategie. Im Alter von zehn Jahren hatte ich mich in die Pet Shop Boys verliebt, gleichzeitig war ich beim Klavierunterricht. Bei mir lief beides immer parallel ab, Hochkultur und Popkultur.

tip Sie wissen seit Ihrer Zeit im Berghain, wie man Künstler bucht. Anders als dort werden die Berliner Festspiele aber mit Bundesmitteln finanziert. Wie ändert sich mit dem Gefühl eines sicheren Budgets im Rücken die Einstellung beim Zusammenstellen eines Programms?
Martin Hossbach Ich suche mir Leute aus, bei denen ich einen tollen Entwurf entdecke. Oder es sind solche, die noch klein, unsicher oder unbekannt sind. Die brauchen ein bisschen Geld, man könnte es als Stipendium bezeichnen. Gleichzeitig werde ich schon dazu angehalten, dass sich alles rechnet. Ich muss mich gegenüber Matthias von Hartz (Kurator für die Gesamtveranstaltung Foreign Affairs, d. Red.) rechtfertigen. Ich mache einen Vorschlag. Wenn er sagt, dass da niemand kommt und wir Geld verlieren, muss ich ihn vom Gegenteil überzeugen. Wenn er fragt, was es kostet, muss ich meine Excel-Tabellen bemühen und ihm das vorrechnen.

tip Trotzdem scheint es so, dass man als Musikkurator ein Traumlos gezogen hat. Fragen Sie mal die anderen Veranstalter auf dem freien Markt. Haben Sie jetzt eine Aufgabe für den Rest Ihres Lebens gefunden?
Martin Hossbach Gar nicht, mein Vertrag endet am 15. Juli. Ich glaube, so etwas nennt man eine prekäre Anstellung, oder? (lacht) Mehr Geld verdiene ich bei der Telekom, für die ich gerade die ­Depeche-Mode-Fan-Exhibition kuratiert habe.

tip Sie treffen eine spezielle Auswahl und bitten die Zuhörer zum Teil um 23 Uhr ins Theater, um sich mit Musik jenseits des Mainstreams auseinanderzusetzen. Wie überzeugen Sie die Leute, dass Foreign Affairs die richtige Veranstaltung für sie ist?
Martin Hossbach Ich gehe jetzt mal von meinem Freundeskreis aus. Neunzig Prozent waren noch nie im Haus der Berliner Festspiele. Das sind meistens an Popkultur interessierte Leute. Ich sage ihnen: Dieses Haus macht was mit einem und auch mit der Musik. Auch das viel beschworene West-Berlin macht was mit einem. Wenn man es da mal hingeschafft hat, stellt man fest, dass der Westen eine ganz andere Stadt ist. Es ändert sich in einem die Haltung, wie man Kultur und Musik rezipiert. Für Foreign Affairs wünschen wir uns ein Publikum, das sich für Tanz, Theater und Musik gleichzeitig interessiert. Eine Brücke baut jetzt zum Beispiel Anne Teresa De Keersmaeker. Ich kannte sie vorher nicht. Dann zeigte mir Matthias von Hartz ein Video, für das Beyoncй ohne Einwilligung Tanzchoreografien von De Keersmaeker benutzt hat („Countdown“, d. Red.). Da werden dann auch Beyoncй-Fans hellhörig.

tip Die Künstler Apparat und The Notwist kommen aus Deutschland. Emika, Anika und Heatsick stammen alle aus England, leben aber schon länger in Berlin. Könnte es beim Obertitel Foreign Affairs nicht etwas internationaler zugehen?
Martin Hossbach The Notwist sind eine Art deutsche New Order. Sie waren die ersten Musiker, die Rock und Maschinenmusik verbunden haben. Sie haben auswärtige Angelegenheiten in die eigene Musik geholt. Wenn es um Apparat geht, können viele englische Bekannte nicht glauben, dass das ein Deutscher ist. Sie vergleichen ihn mit Sigur Rуs. Von den anderen genannten Künstlern möchte ich wissen, wie sie Berlin sehen, da sie ja schon länger in dieser Stadt wohnen. Es stimmt schon, vollkommen „foreign“ ist das nicht. Aber das wird nächstes Jahr schon noch konzeptionell strenger werden.

tip Wenn Ihr Vertrag verlängert wird…
Martin Hossbach
Da bin ich mal ganz optimistisch.

tip Immer mehr Berliner Theaterhäuser bieten heute ein Musikprogramm an. Wie wird sich das, was jetzt im Haus der Berliner Festspiele stattfinden wird, von Vergleichbarem in der Volksbühne, im HAU oder im Haus der Kulturen der Welt abheben?
Martin Hossbach Wir befinden uns noch in einem Prozess der Entwicklung. In diesem Jahr findet das Musikprogramm im kleinen Raum statt. Mein Ziel ist es, dass wir das nächste Mal den großen nehmen. Wir haben 1.000 Plätze, die modernste Bühne der Stadt, sind ganz toll ausgestattet und verfügen über großartige Akustik. Im nächsten Jahr möchte ich dort Uraufführungen mit zum Teil sehr namhaften Künstlern sehen. Andererseits sollen sich unbekannte Künstler mit Kollegen aus anderen Kunstgenres zusammentun. Die wenigsten Musiker erhalten die Gelegenheit, abseits der Routine Ideen zu verwirklichen. In der Regel nehmen sie ein Album auf und spielen das dann längere Zeit herunter. Mir ist an Einmaligkeit gelegen.

Interview: Thomas Weiland

Foto: Daniel Miller

Foreign Affairs mit The Notwist, Apparat, Emika u.a., Haus der Berliner Festspiele, noch bis 14.7., 23 Uhr

Termine und Tickets siehe www.berlinerfestspiele.de

Lesen Sie hier:

Anika auf dem Festival Foreign Affairs

Emika auf dem Festival Foreign Affairs

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