Konzerte & Party

Francesco Tristano im Interview

Francesco Tristiano und Sara Ott

tip Francesco, der Titel Eurer CD „Scandale“ bezieht sich auf die Uraufführung von Strawinskys „Le Sacre Printemps“, als es zu Tumulten unter den Zuschauern kam. Im Jahre 1913 gab es aber noch andere Skandale. Bei der Premiere von Alban Bergs „Lieder mit Orchester“ wurde dessen Mentor Arnold Schönberg von einem Zuschauer geohrfeigt. Warum reagierte das Publikum in der Zeit so heftig?
Francesco Tristano Schoenberg und Stravinsky waren Komponisten, die in der musikalischen „gemeinsamen“ Sprache („common practice“) eine totale Tabula Rasa geschaffen haben. Sie sind die Tür zum 20. Jahrhundert. Davor war alle Musik tonal.

tip Sind ähnliche Reaktionen auch heute noch denkbar?
Francesco Tristano Ich finde heute gar nichts mehr skandalös. Nipplegate und Pussy Riot ist anekdotisch, aber nicht skandalös. Es geht uns bei „Scandale“ nicht darum, das Publikum in die Vergangenheit zu tragen, sondern die Musik, die vor 100 Jahren  skandalös war, in die Jetzt-Zeit zu bringen. Das heißt, in einer frischen, dynamischen Performance.

tip In der Klassik scheint das Publikum zumindest mit einer sehr dezidierten Erwartungshaltung an eine Aufführung oder Inszenierung zu gehen, beispielsweise bei der „Lulu“-Premiere in der Staatsoper, als Andrea Breth ausgebuht wurde. Hast Du auch schon einmal heftige Reaktionen erlebt?
Francesco Tristano Man sollte ein Publikum ja nie unterschätzen. Schock ist auch eine Reaktion, und die muss man respektieren. Ein ausgebuhter Künstler ist heute kaum mehr denkbar, aber es kann schon sein, dass so manche Person das Konzert verlässt. Ich respektiere das aber auch. Das Peinlichste ist es doch, wenn man mit der Musik, die man spielt, gar keine Art von Reaktion erzeugt.

tip Auf „Scandale“ intoniert Ihr Komponisten, die zur Zeit eines Epochenumbruchs wirkten. Aber es gibt mit „A Soft Shell Groove“ auch eine Komposition von Dir. Würdest Du Dich auch als Künstler zu einer Zeit des Epochenumbruchs verorten?
Francesco Tristano Das mag sein. Aber nicht, weil ich mich positionieren will, sondern weil die Musik insgesamt konstant in Bewegung ist bzw. sich entwickelt. Weshalb wir die Musik immer in Schubladen einstufen wollen, weiß ich nicht. Die Musikgeschichte ist ja in dem Sinne so einzigartig, weil sie nicht nur linear ist, sondern ihre verschiedenen Abweichungen sich auch unter sich inspirieren.

tip Habt Ihr vor den Aufnahmen viel über das Stück gesprochen oder gab es von Seiten Alice Sara Otte gleich ein intuitives Verstehen?
Francesco Tristano Alice und ich sind seit Längerem miteinander befreundet, es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann wir zusammen musizieren würden. In dem Sinne gab es sofort eine Symbiose, was aber nicht heißen soll, die Vorbereitung für dieses Projekt sei leicht gewesen. Alice musste lernen zu loopen, ich musste lernen, wie man einen Wiener Walzer spielt, oder besser gesagt: dessen zynische Parodie (Ravels „La valse“).

tip Innerhalb einer Woche spielst Du in der Philharmonie und trittst vorher bei der KeplerStudios Warehouse Party auf. Wie groß ist gefühlt die Schnittmenge zwischen den Besuchern der Veranstaltungen?
Francesco Tristano Ich glaube, ziemlich groß. Es ist aber immer spannend, weil es doch selten vorhersehbar ist. Das hängt sehr von den Städten ab, wo man auftritt. Und dann gibt es immer Überraschungen. Als Alice und ich im Seoul Arts auf die Bühne getreten sind, hat uns das Publik bejubelt, bevor wir den ersten Ton gespielt haben (und der ging daneben!) Das war das erste Konzert unserer Asien-Tournee letzten Sommer. Nach so einer schönen Erfahrung kann ja eigentlich gar nichts mehr schief gehen.

tip Du bist zum Glück regelmäßig in Berlin zu Gast. Vor zwei Jahren hast Du im Interview gesagt, Du seiest am ehesten im Flieger zu Hause. Hat sich daran etwas geändert oder siehst Du Dich zumindest als Teil-Berliner?
Francesco Tristano Wie heißt es nochmal? Ich. Bin … ein Berliner. Gerne wäre ich mehr Berliner, oder auch voll Berliner. Wer weiß, vielleicht in der Zukunft. . . Fest steht, dass ich Berlin liebe, und das schon vor dem Mauerfall.

Interview: Ronald Klein

Foto: Marie Staggat / DG

Francesco Tristano, Keplerstudios Warehouse Party, Fr 10. April, 23 Uhr – Location ist noch geheim, mehr Informationen unter
http://www.residentadvisor.net/event.aspx?693885

Francesco Tristano, Philharmonie (Kammermusiksaal), Fr 17. April, 20 Uhr

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