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Frankreichs Enfant terrible: Benjamin Biolay

Benjamin_Biolay_c_Claude_CassianAls er nach dem Interview-Marathon noch mit seiner Entourage ins Sale e Tabacchi essen geht, zückt Benjamin Biolay plötzlich euphorisch die Kamera, um ein Filmfoto abzulichten, das dort an der Wand angebracht ist: „Das muss ich meiner Tochter zeigen, dass ihr Opa in einem Berliner Restaurant hängt“, freut er sich. Ihr Opa? Es handelt sich um Marcello Mastroianni.

Benjamin Biolay aus Villefranche-sur-Saфne, einem Vorort von Lyon, hat bereits vor rund 20 Jahren seine Heimat in Richtung Paris verlassen. Damals wurde dem Musiker, der das Musikkonservatorium besuchte und in Rockbands mit eher regionalem Radius spielte, unmissverständlich klar, dass eine Karriere im zentralistischen Frankreich nur über die Hauptstadt laufen würde. Und seit er in der Seine-Metropole lebt, hat Biolay auch wirklich einen enormen Aufstieg erlebt. In der Musik, aber auch im gesellschaftlichen Leben. Zunächst einmal wirkte er als Autor und Produzent für andere, bald konnte er gar nicht mehr damit aufhören, Songs zu schreiben.

Nach seinem Debüt „Rose Kennedy“, das 2001 noch sehr am französischen Liedgut hing, überraschte Biolay zunehmend mit anglophilem Rock-Einschlag, der vor drei Jahren im Meisterwerk „La Superbe“ kulminierte – seine Songs mischten sich mit Elektronik und einem HipHop-Feeling, das der Sänger sich noch aus Lyon bewahrt hatte. So ist Benjamin Biolay zum ersten Musiker seines Landes avanciert. Man zieht unweigerlich Vergleiche mit Serge Gainsbourg, was Biolay eher stört: „Das ist nicht legitim. Er war Gainsbourg. Ein Unikat. Ein Mann mit Charisma, einem ereignisreichen Leben; einer, der polarisierte. Ich habe noch einige Platten zu machen, noch einiges zu beweisen, um mit solch einem Mann verglichen zu werden.“ Die Bescheidenheit ehrt ihn, aber auch Biolay hat ein erkleckliches Њuvre, produziert Kollegen ohne Ende, spielte neben seinen eigenen Alben auch eins mit seiner damaligen Frau Chiara Mastroianni ein, komponierte Soundtracks und zwei Platten für die Schwester Coralie Clйment und findet auch noch Zeit, sich als Schauspieler zu profilieren („Stella“, „Pourquoi tu pleures?“) und eine Rockoper mit Carl Barвt von den Libertines zu produzieren.

Kein Wunder, dass sich dies auch in der Gästeliste von „Vengeance“ niedergeschlagen hat, seinem nunmehr siebten Studioalbum. Hier hat man es gleich mit sechs Duettpartnern zu tun, darunter der eben erwähnte Barвt, Julia Stone und Vanessa Paradis. Ein Feature-Reigen wie auf HipHop-Platten. „Ja, da ist was dran. Aber so läuft nun mal mein Leben: Ich produziere eine Menge Alben auch für andere Leute, und wenn die dann zu meiner eigenen Musik passen, ist das ein ganz natürlicher Vorgang, sie zu fragen, ob sie nicht auch auf meiner Platte dabei sein wollen“, konstatiert Biolay. Mit Vanessa Paradis hatte er zuletzt auch gearbeitet, dabei entstand das Duett „Profite“. Keine unverfängliche Angelegenheit, lebte die Diva da doch gerade frisch getrennt von Johnny Depp. „Wir hatten schon lange begonnen, an ihrem Album zu arbeiten, ehe sich die Klatschpresse massiv in ihr Leben eingemischt hat“, erinnert sich Biolay, „sodass wir uns ständig bei der Arbeit verstecken mussten. Denn wenn wir nach den Aufnahmen zusammen essen gegangen und dabei fotografiert worden wären, hätte es sofort wieder geheißen: ‚Oh, sie sind ein Paar!‘ Schwierig, so zu arbeiten.“

Geklappt hat es trotzdem. Das Paradis-Album ist zwar noch unter Verschluss, aber „Profite“ ist eins dieser klassischen französischen Duette geworden, mit Gefühl, Charme und Gänsehaut. Hier, wie meist bei Biolay-Songs, läuft die Liebe selten reibungslos, bekommt sie einen melancholischen Unterton, bleibt dabei aber immer unbedingt erstrebenswert. Ach ja, und da war dann noch das Erlebnis bei einem Biolay-Konzert im Januar 2009. Fast schon im Herausgehen spreche ich ihn auf meine bizarre Beobachtung im Casino de Paris an. „In was für einem Film bin ich denn hier gelandet?“, dachte ich, als sich auf dem besten Platz der Empore plötzlich Catherine Deneuve niederließ. „Ja klar, die Oma meiner Tochter“, antwortet Benjamin Biolay lakonisch, „das ist kein Film, das ist mein Leben.“

Text: Hagen Liebing

Foto: Claude Cassian

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