Konzerte & Party

The Gaslight Anthem in der C-Halle

Gaslight Anthem

Was Brian Fallon genau an Thanksgiving 2009 gemacht oder gegessen hat, ist nicht näher bekannt. Doch am folgenden Tag, so erinnert sich der Sänger von The Gaslight Anthem genau, sei er endlich seine Schreibblockade los gewesen. Die hatte den Songwriter den ganzen Sommer über geplagt und seine drei Mitmusiker zu relativer Tatenlosigkeit verdammt. Die New Yorker Band mit Wurzeln in New Jersey war da meist emsig auf Tour, konnte im Laufe des Sommers von der Bühne aus mitverfolgen, wie die Publikumsmengen langsam anwuchsen, die Chöre ihrer rauen Hymnen textsicherer wurden.
Dass The Gaslight Anthem zu dem Zeitpunkt schon herausgewachsen waren aus ihrem ursprünglichen Stammplatz in schwitzigen kleinen Punkläden in New Yorks Vorort New Brunswick, zeichnete sich da schon ab. Dabei gilt das zugehörige Album „The ’59 Sound“ mit rund 100?000 verkauften Exemplaren nicht gerade als Chartknüller. Die drängelnden Melodien, die hart peitschenden Drumtakte und das nostalgische Rebellengefühl in Fallons rauer Kehle aber zogen auch so ihre Kreise. Ein Ritterschlag schließlich, als Bruce Springsteen eines Tages auf die Bühne des Glastonbury-Festivals kletterte und mit der Band zusammen deren Ohrwurm „’59 Sound“ anstimmte. Die Ähnlichkeiten mit der Rock-Ikone aus der Heimatstadt liegen ohnehin auf der Hand, besonders ohrenfällig im leidenschaftsprallen Gesangsstil Fallons. „Es gibt sehr viel, was ich an Bruce Springsteen bewundere“, bestätigt der 30-Jährige, „Er kommt aus einer Gegend, die wir auch sehr gut kennen. Aber dennoch gibt es für uns so viel mehr Einflüsse als nur mit diesem einzigen Mann.“
Gaslight AnthemDas dritte Album „American Slang“ wirkt nun wie ein kräftiger Schritt heraus aus dem großen Schatten. Das Atemlose, Kerzengerade der früheren Songs weicht einer spielerischen Genauigkeit, der dynamische Bogen der Platte ist spannender geknüpft. Man merkt dem Quartett den Ehrgeiz an, ein Album im klassischen Sinne zu komponieren. Den großen Bogen der Stücke habe man schon festgelegt, bevor diese überhaupt geschrieben waren, berichtet die Band. Das elegische „The Queen Of Lower Chelsea“ etwa müsse man sich als Aufmacher der „B-Seite“ vorstellen. Die imaginäre Vinylscheibe habe sich so Song um Song gefüllt, bis nur noch wenige Leerstellen übrig blieben, die schließlich mit passgenau geschriebenen Songs gefüllt wurden. Nach bierseligen Aufnahme-Sessions in der Probengarage irgendwo in New Jersey klingt das nicht gerade. Es erzählt hingegen einiges über die Präzision, mit der die großen Refrains der Band einschlagen.
Textlich gibt sich Brian Fallon ebenfalls nur mit zeitlosem Stoff ab, mit Vätern, Söhnen, Tod und Vergänglichkeit – kurz: dem bitteren Abschied von der kindlichen Gutgläubigkeit, dem Erwachen aus dem amerikanischen Traum. „When it was over, I woke up alone“, singt Fallon romantisch düster in „American Slang“, „I called for my father but my father had died, while you told me fortunes in American Slang. Look at the damage. The fortunes came for the richer men, while we‘re left with gallows.“ Jugendliche Galgenstimmung, die Fallons eigene Bandmitglieder mitunter mulmig stimmt. Als er den Zeilen des Frontmannes erstmals genauer gelauscht habe, so Schlagzeuger Benny Horowitz, habe er sich am Kopf gekratzt und beschlossen: „Man, I should call Brian more.“ Der trotzige Gestus des Underdogs, jener großen Figur des amerikanischen Rocksongs, passt Brian Fallon derzeit wie eine zweite Haut.

Text: Ulrike Rechel

The Gaslight Anthem, C-Halle, Fr 5.11., 20 Uhr, VVK: 27 Euro

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