Konzerte & Party

Funny van Dannen im Astra

Funny van Dannen

tip Auf Ihrer neuen Platte singen Sie über Butterbrote, Pudding, Spaghetti…
Funny van Dannen Und Fischsuppe. Stimmt, vielleicht ist das meine Lebensmittel-CD.

tip Dafür ist sie vielleicht zu politisch. In „Einkaufszentren entstehen“ reihen Sie Phänomene des Turbokapitalismus aneinander. Finden Sie, gesellschaftliche Krankheitsbilder haben sich zuletzt verstärkt?
Funny van Dannen
Ich weiß nicht, ob verstärkt. Das Hauptübel ist jedenfalls nach wie vor nicht beseitigt: was die Finanzmärkte veranstalten. Man hat es dieser Tage wieder sehen können, dass in Brüssel eine Besteuerung gegen die Lobbyisten – die echt mickrig gewesen wäre –, dass nicht mal das durchgesetzt werden konnte. Solang da nicht mal etwas geregelt wird, ist die Bedrohung durch einen Wirtschaftszusammenbruch nach wie vor vorhanden. Und das kann sich verheerend auf die Realwirtschaft auswirken, wenn man ein paar Fachleuten mal glauben darf. Da kommt schon eine gewisse Unruhe ins Spiel, worum es ja auch in dem Lied „Unruhe“ geht. Es herrscht eine trügerische Ruhe. Und es müsste viel mehr getan werden.

Funny van Dannentip Wo ist Ihrer Meinung nach Land in Sicht?
Funny van Dannen
Ich denke, dass die Leute von Occupy genau richtigliegen und dass die viel mehr Unterstützung bräuchten in ihrem Protest. Dass das Verlangen nach Handlung endgültig Gestalt annehmen müsste. Aber die meisten Leute sind zu lethargisch oder sehen die Gefahr nicht; wollen sie nicht sehen. Es sieht wirklich so aus, dass nichts passiert – bis zum nächsten Crash. Ich finde die Situation sehr bedrohlich. Und dafür ist es eigentlich sehr ruhig im Land.

tip Sie haben vier Söhne, interessieren die sich denn für politische Bewegungen wie Occupy?
Funny van Dannen
Die interessiert das. Die sind schon grundsätzlich vernünftig. Ich hab auch festgestellt, dass die Jugend eigentlich einen ganz guten Instinkt hat fürs Vernünftige und fürs Gute. Es gibt immer Ausschläge nach unten, klar , aber ich glaube, dass viele Menschen schon wissen, was eigentlich richtig ist. Vielen fehlt nur der Mut, sich auf die innere Stimme auch zu verlassen. Vielleicht weil es als esoterisch gilt, sich aufs Gefühl zu verlassen.

tip In einem Ihrer älteren Lieder kam mal Guido Westerwelle vor. Auf Ihrem neuen Album nennen Sie dagegen Ross und Reiter nicht beim Namen. Warum nicht?
Funny van Dannen
Westerwelle… Das hat mir im Grunde danach leidgetan. Denn ich möchte in meinen Liedern keine Pfeifen festhalten. Solche Leute sollte man nicht noch vervielfältigen. Das würde ich nicht noch mal machen. Ich finde zum Beispiel auch schade, dass wie zuletzt eine Frau wie Maggie Thatcher in einem Film vorkommt. Die Olle hat doch nun wirklich genug Unheil angerichtet. Manche Leute sollten spurlos verschwinden. Ich fände es besser, wenn gute Leute propagiert würden und nicht die miesen Figuren der Geschichte immer wieder reproduziert würden.

tip Neben Kapitalismuskritik singen Sie über Alltäglich-Großstädtisches wie in „Der Fahrradfahrer“, wo es um eine Enthauptungsszene zwischen einem Fußgänger und einem militanten Radler geht. Wie politisch ist so was?
Funny van Dannen
Das ist schon im größeren Zusammenhang zu sehen: im Fall vom „Fahrradfahrer“ in Verbindung mit Fundamentalismus, Terrorismus – und was es an Extremwahnsinnigem auf der Welt gibt. Es erzählt davon, dass vielleicht auch irrationale Ängste im Alltag auftauchen können, die zu solchen Fantasien führen können, wie die, von einem Radfahrer von hinten enthauptet zu werden. Man begegnet ja manchmal Menschen, bei denen man das Gefühl hat: Wenn die könnten, dann würden sie vielleicht…

Funny van Dannentip … einen anderen Verkehrsteilnehmer meucheln?
Funny van Dannen
So ein Gefühl hat man doch manchmal, nicht? Dass man einen Blick auf sich zieht, wo man denkt, vielleicht wäre man schon eliminiert, wenn das über Augen gehen würde. Ich denke, dass das eine mit dem anderen zu tun hat. Auch, dass so ein Verhalten zugenommen hat, der Wahnsinn zunimmt. Das hat auch mit Vereinzelung zu tun, der Individualisierung der Gesellschaft. Im Sinne der Produktivitätssteigerung mag’s ja günstig sein, wenn die Leute nur noch auf ihre Arbeit konzentriert sind und die gesellschaftlichen Bindungen vernachlässigen. Aber für den Menschen selbst ist es schlecht.

tip In Ihren Liedern beziehen Sie sehr klar eine linke Stellung. Verschließt Ihnen das auch mal Türen?
Funny van Dannen Schon, aber im Mainstream anzukommen war ja nie meine Absicht. Meine Art ist es, politisch Flagge zu zeigen. Das gehört zu mir, das war in der Schule nie anders, auch in anderen Bereichen. Gegenwind, das muss man natürlich in Kauf nehmen. Ich meine, dass ich nicht im Radio vorkomme, ist klar. Ich bedauer das natürlich, weil ich, glaube ich, genug Lieder habe, die sehr wohl im Radio stattfinden könnten, auch ohne dass darin eine politische Meinung durchscheint, die vielleicht unliebsam ist.

tip Lieder über Lebensmittel beispielsweise. In einem beschreiben Sie den Versuch, mit Spaghetti Mikado zu spielen.
Funny van Dannen
Das ist so ein kleines, krankes Lied. Da sind mir einfach mal Spaghetti aus der Packung auf den Boden gefallen, und ich dachte, sieht aus wie Mikado.

Interview: Ulrike Rechel

Fotos: Carla Meurer

Funny van Dannen, Astra, Mi 4.4., 20 Uhr (ausverkauft), Sa 13.10., 20 Uhr (Zusatztermin), VVK: 21 Euro

Funny Facts
Funny van Dannen kam 1958 in den Niederlanden zur Welt und zog 1978 eigentlich nach Berlin, um Kunstmaler zu werden. 1988 war er Mitbegründer der Lassie Singers, die er jedoch bald wieder verließ, um künftig solo aufzutreten. Van Dannens erste Solo-Platte „Clubsongs“ erschien 1995, seither hat er ein Dutzend weitere Alben aufgenommen, zuletzt erschien „Fischsuppe“ bei JKP, dem Label der Toten Hosen, für die der Liedermacher bereits zahlreiche Songs geschrieben hat. Darüber hinaus betätigt sich Van Dannen auch als Buchautor („Neues von Gott“, „Zurück im Paradies“) und nach wie vor als Maler.

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