Konzerte & Party

G.I. Disco in der Bar Tausend

G.I. Disco

In ihren Clubs herrschte verkehrte Welt. Zwischen verspiegelten Wänden trafen sich die amerikanischen Soldaten im Halbdunkel, ein Großteil von ihnen schwarz, und tanzten eng umschlungen mit den Berliner Frauen zu ihrer Musik: Soul und Funk, der – es waren die frühen 80er-Jahre – erstmals mit Synthesizern gemischt wurde. Weiße Jungs wie Kalle Kuts, die sich in diese Clubs schlichen, weil sie sich in die Musik verliebt hatten, waren hier plötzlich Außenseiter, standen zwischen Gastarbeiter-Kids und Afro-Deutschen schüchtern an der Tanzfläche, fühlten sich ein wenig unwohl und gleichzeitig glückselig, wenn „Freak-a-zoid“ von Midnight Star aus den Boxen schepperte. Die Musik, die in den Berliner G.I.-Clubs gespielt wurde, kletterte die US-Charts rauf und runter – hier war sie jedoch weitgehend unbekannt und lief nur dort, wo G.I.s stationiert waren, in Frankfurt, München und vor allem in Berlin. Zu Unrecht, wie Kalle Kuts bis heute findet. Seit Jahren legt er diese vergessene Musik auf, zusammen mit seinem Freund Daniel W. Best seit Februar auch auf einer eigenen Party-Reihe. „G.I. Disco“ nannten sie die. Und als sie zur ersten Party gleich auch einen Mix online stellten, um den Gästen eine Idee von der Musik zu geben, merkten sie: Das kommt an. So entstand die Idee, eine Compilation herauszubringen. Auf dem Cover prangen die Soldatenportraits von Frank Thiel, die man auch im Großformat am Checkpoint Charlie sehen kann.
G.I. DiscoDie Compilation ist ganz bewusst als kulturhistorisches Archiv gestaltet. Kalle Kuts begann in den 80er-Jahren auszugehen. Die Clubs der G.I.s, die ihn anzogen, seit er auf dem Soldatensender AFN zum ersten Mal diese Musik gehört hatte, hießen „Sugar Shack“ oder „Early Bird“. Und während Kuts mit der Musik im Ohr in der Berliner U-Bahn saß, stöpselte sich Daniel Best in einem Schulbus in Washington D.C. seinen Walkman ein und hörte das Gleiche. Bis er 14 Jahre alt war, lebte Best in Amerika, danach wurde die Musik in Deutschland ein Stück Zuhause für ihn. Die beiden sollten sich erst Jahre später kennenlernen, arbeiteten beide schließlich in der Musikbranche und stellten irgendwann auf einer Konferenz in Miami fest, dass sie die gleichen Platten liebten, Kuts wegen der Moll-Harmonien und Blue-Notes, Best, weil ihm das Progressive an der Musik gefiel.
Die dazugehörigen Clubs verschwanden mit dem Abzug der Alliierten Streitkräfte, der wohl bekannteste, das „La Belle“, wurde bereits 1986 nach einem Bombenattentat geschlossen. Die Musik jedoch blieb, heute, über 20 Jahre später, ist sie sogar präsenter denn je. Der Hamburger Tensnake bedient sich bei Gwen Guthries „Ain’t Nothing Going On But The Rent“, auch Chromeo oder Dam Funk arbeiten sich an den frühen 80ern ab. Gerade verschwindet der Minimal immer mehr aus Berlins Elektro-Szene, die Vocals der Soul-Stücke tauchen reduziert in neuen House-Tracks auf. HipHopper zählen den frühen R’n’B ganz selbstverständlich zu ihren Wurzeln. Auch zum frühen Detroit House ist es nicht weit.
Wer es heute schafft, darüber hinwegzusehen, dass vieles schlecht produziert und trashig klingt, entdeckt Songs jenseits des abgegriffenen Pop-R’n’Bs der 90er-Jahre. Kuts’ und Bests „G.I. Disco“ trifft zudem einen Zeitgeist, der nun wieder nach unpolitischer Musik mit ihren Texten über Frauen, Tanzen und Liebe lechzt. Mit der Partyreihe im Tausend versuchen die beiden ein Stück dieser Vibes aus den Westberliner Soldatenclubs wiederzubeleben. Und an der Tür steht Smily, der selbst einst als G.I. nach Berlin kam.

Text: Anne Lena Mösken

G.I. Disco Record Release Party, Bar Tausend, Sa. 9.10., 22 Uhr, AK: 10 Euro

www.gidisco.de

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