Konzerte & Party

Genetikk in der Columbiahalle

Genetikk

Manchmal lohnt es sich, wenn man die Dinge selbst in die Hand nimmt. Wie gut es dann gehen kann, haben Rapper Karuzo und Produzent Sikk von Genetikk vorgemacht. Angefangen hat es bei ihnen 2010 mit dem Album „Foetus“, das sie in Eigenregie als kostenlosen Download veröffentlicht haben. Es war auch in anderer Hinsicht eine ambitionierte Unternehmung. Das aus Saarbrücken stammende Duo hatte keine Lust auf einheimische Studios, sondern hielt es für besser, für die Aufnahmen nach Paris zu gehen. Heute braucht man für die Reise nur knapp zwei Stunden und die Hip-Hop-Szene in Frankreich ist schon seit langem für ihre Qualität bekannt. „Ähnlich wie die Amerikaner lassen Franzosen Fehler zu. Bei deutschen Beats denkt man immer, dass die Produzenten nach Regeln arbeiten. Man muss ja nicht bewusst Fehler machen, aber man kann auch mal auf sein Bauchgefühl hören“, hat Sikk gegenüber dem Hip-Hop-Magazin „Juice“ erklärt. Ein bisschen Untergrundtaktik steckte auch hinter dem Ortswechsel. Schon zu Beginn ihrer Karriere haben Genetikk gegen den Personenkult rebelliert. GenetiikkSie sind mit Masken und Bemalung im Gesicht aufgetreten, in der Hoffnung, dass die Leute sich nur um die Musik kümmern. Das ist bis heute so geblieben. Eigentlich ist  das erstaunlich, wenn man bedenkt, wie öffentlich heute viele Leute Kult mit ihren Selfies machen. Genetikk gehen da nicht mit. Sie lassen Fotografen mit ihren versteckten Kameras keine Chance und verhindern unnötige Klatschgeschichten.
Der Trend hin zur Maskerade ist ein fester Bestandteil im deutschsprachigen Hip-Hop unserer Zeit. Man denkt sofort an Cro, den Rapper mit der Pandakopf-Verkleidung und dem geschmeidig-poppigen Sound. Genetikk dagegen tragen Masken, die nach Skeletten und Voodoo-Zauber aussehen. Die Tatsache, dass es sich bei ihnen düster und geheimnisvoll anfühlt, erinnert an den Wu-Tang Clan. Aus dieser Verbindung machen Genetikk auch keinen Hehl. Sie haben einen Track namens „Inkubation“ im Programm, der Samples von Wu-Rappern enthält. Produzent RZA hat sich für den Respekt schon bedankt, er gehört zu den wenigen Gästen in den Genetikk-Tracks, in diesem Fall in „Packets in den Boots“. Karuzo steht sehr auf den entspannten Flow eines Method Man. Bei Konzerten von Genius/GZA waren Genetikk auch schon Vorgruppe gewesen. Einheimische Kollegen dagegen sind bei den beiden nicht so gefragt. Genetikk haben sich sogar schon mal ein internes Deutschrap-Verbot erteilt, damit sich von dort nicht so viele Einflüsse einschleichen. Eine Ausnahme hat es trotzdem gegeben. Karuzo und Sikk geben zu, dass sie von dem Underground-Vibe von Aggro Berlin und Westberlin Maskulin geflasht waren. Dort haben sie eine Rauheit entdeckt, die in Produktionen aus diesem Land nicht die Regel ist.
GenetikkMit ihrem individuellen Rüstzeug haben es Genetikk in den letzten fünf Jahren weit gebracht. Ihre letzten beiden Alben „D.N.A.“ (steht für „Da Neckbreaker Aliens“), das im Sommer 2013 erschien, und „Achter Tag“ aus diesem Jahr standen auf der Spitzenposition der Charts. Dieser Erfolg ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass zu keiner Zeit die üblichen Wege der Musikindustrie in Anspruch genommen worden sind. Fester Partner ist die Düsseldorfer Indie-Firma Selfmade Records, bei der auch Kollegah, Favorite, 257ers und Karate Andi veröffentlichen. Das Label feiert in diesem Herbst sein zehnjähriges Bestehen, im Oktober erscheint begleitend dazu die Compilation „Chronik III“. Am 11. Dezember werden die genannten Acts in der Max-Schmeling-Halle zusammen auftreten.
Zuerst aber kommen Genetikk alleine in die Stadt und werden „Achter Tag“ live vorstellen. Dieses Album überzeugt zunächst einmal aus musikalischen Gründen. Sikk sorgt mit Latin-Elementen, asiatischen Sounds, Klavier- und Orgeleinsatz und raffiniert produzierten Mädchenchören immer wieder für Überraschungsmomente. Auch die Ansprache ist positiv zu bewerten. Genetikk machen kein massives Macho-Fass auf. Sie reden nicht wie andere Rapper davon, wie überragend sie sind, was sie besitzen und wie groß ihr Frauenanhang ist. Sie feiern sich nicht permanent protzend selbst ab, sondern weisen auch darauf hin, wie schnell Glückssträhnen enden können. „Du wärst gerne Rap-Superstar mit viel Schmuck und viel Barem, ’ner Jacht im Hafen und schnellem Wagen, ’ner Riesen-Villa mit viel zu viel Zimmern, aber denk‘ dran, all das ist nicht für immer“, warnt Karuzo in einem Hook. Angesichts solcher Worte muss man sich um den Zustand des Hip-Hop keine Sorgen machen. Genetikk halten das Niveau hoch.

Text: Thomas Weiland

Foto: Hell

Genetikk, Columbiahalle, Columbiadamm 13-21, Tempelhof, Sa, 26.9., 20 Uhr, Tickets 25 Euro zzgl. Gebühr

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