Konzerte & Party

George Clinton und die Red Hot Chili Peppers in Berlin

George Clinton

Viele machen es sich einfach und ignorieren, was vor „Blood Sugar Sex Magik“ war. Das kann man durchaus verstehen. Mit ihrem nach wie vor besten Album hatten die Red Hot Chili Peppers ihren Funk-Rock 1991 popgerecht umfrisiert und sich ein Grundmuster zugelegt, das ihnen bis heute Halt und Orientierung gibt. Aber man sollte sich trotzdem die Zeit nehmen und sich genauer mit der Findungsphase und da besonders mit der zweiten Platte „Freaky Styley“ aus dem Jahr 1985 beschäftigen. Die Chili Peppers hatten damals gerade eine unerquickliche Zusammenarbeit mit Andy Gill von Gang Of Four hinter sich, der ihre Songs zu hölzern klingen ließ. Um sich davon zu erholen, suchte das verunsicherte Quartett einen Produzenten, der besser zu ihm passt. Die Wahl fiel auf P-Funk-Großmeister George Clinton, der gleich ein paar Leute aus seinem Parliament/Funkadelic-Clan und die Bläsergruppe um Fred Wesley und Maceo Parker mitbrachte. Es entstand das schwärzeste Chili-Peppers-Album aller Zeiten mit Musik von den Meters und Sly & The Family Stone und passablem Eigenmaterial. Flea hatte den Bass schon ordentlich im Griff, und der Groove stand mehr im Mittelpunkt als harte Riffs oder das Shouting von Anthony Kiedis.  
Clinton kam so eine Kollaboration gerade recht. Sie fiel in eine Zeitenwende, die auch an ihm nicht spurlos vorüberging. Die Siebziger waren das Jahrzehnt opulent besetzter Funkbands gewesen. Zum Teil spielte ein ganzes Dutzend Musiker in einer einzigen Formation. Die Achtziger brachten dann die elektronische Revolution. Sie zwang schwarze Bandleader zur Abspeckung und zum Umgang mit Maschinen. Clinton hatte das sehr früh erkannt. Er löste Parliament und Funkadelic bis 1981 auf und machte alleine weiter. Für diesen Mut wurde er belohnt, der Erfolg konnte sich zunächst sehen lassen. Sein Solo-Debüt „Computer Games“ gehört zu den besten Electro-Funk-Arbeiten der frühen Achtziger. Danach aber verließen Clinton nach und nach die schöpferischen Kräfte. Das änderte aber nichts an der Strahlkraft, die vom Werk dieser Legende bis heute ausgeht. Sonst hätten HipHop-Produzenten an der amerikanischen Westküste seinen Sound in jüngerer Vergangenheit wohl kaum so inflationär für ihre Zwecke genutzt.
Auch die Red Hot Chili Peppers haben ihren einstigen Aufbauhelfer nicht vergessen und sich vor drei Jahren bereitwillig als Band für seine Version von Shirley & Lees Oldie „Let The Good Times Roll“ zur Verfügung gestellt. Es war gleichzeitig die letzte Aufnahme mit John Frusciante, für den nun Josh Klinghoffer Gitarre spielt. Wie erwartet funktioniert der Übergang nicht so reibungslos, wie man es gerne gehabt hätte. Frusciante war der kreative Geist und begabteste Musiker der Chili Peppers. Ohne seinen Input fehlt dem neuen Album „I’m With You“ das gewisse Etwas. Der Personalwechsel ändert aber nichts daran, dass die Kalifornier noch immer einen wilden Mann vor dem Herrn machen können. Dasselbe gilt für Clinton, der im Alter von 70 Jahren mit neu besetzter Band noch einmal in den Ring steigt, um seine Karriere Revue passieren zu lassen. Dafür muss man ihm unbedingt dankbar sein. Mit seiner Mischung aus Rhythmus und Rock, kosmischen Kicks, schrill-bunter Optik und eigenen Sprachschöpfungen („Supergroovalisticprosifunkstication“) garantiert er galaktisch gute Unterhaltung.

Text: Thomas Weiland

Foto Red Hot Chili Peppers: Clara Balzary

George Clinton & Parliament, Astra Kulturhaus, Do 24.11., 20 Uhr, VVK: 35 Euro

Red Hot Chili Peppers, O2 World, So 4.12., 20 Uhr, VVK: 69–81 Euro

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