Pop

Gespräch mit Charlotte Gainsbourg

„Ich bin mit keiner großen Stimme gesegnet“ Charlotte Gainsbourg fühlte lange den Schatten ihres berühmt-berüchtigten Vaters Serge. Mit ihrem neuen Album „Rest“, für das sie die Texte selbst geschrieben hat, schwimmt sie sich nun endgültig frei

WMG

Charlotte Gainsbourg wurde am 21. Juli 1971 als Charlotte Lucy Ginsburg in London geboren. Sie ist die Tochter des französischen Chansonniers Serge Gainsbourg und der britischen Schauspielerin Jane Birkin. Mit zwölf drehte die Französin 1984 ihren ersten Film „Duett zu dritt“. Im selben Jahr sang sie mit ihrem Vater das Lied „Lemon Incest“ ein, das für einen Skandal sorgte. Ihr erstes Album „Charlotte Forever“ erschien 1986. Als Schauspielerin wurde sie vor allem durch Lars-von-Trier-Filme wie „Antichrist“ ­international bekannt. Mit ihrem Lebensgefährten Yvan Atal und ihren drei Kindern lebt sie in New York, wo auch das Interview stattfand.

tip Frau Gainsbourg, Ihr neues Album „Rest“ wirkt wie ein Selbstporträt.
Charlotte Gainsbourg Alle meine Alben sind sehr persönlich. Sie reflektieren, wer ich zu einem bestimmten Zeitpunkt war.

tip In der Vergangenheit haben Sie aber nie eigene Texte geschrieben.
Charlotte Gainsbourg Manchmal habe ich es versucht und dann doch wieder einen Rückzieher gemacht. ­Irgendwie schien ich immer im Schatten ­meines Vaters Serge Gainsbourg zu stehen. Ich traute mir einfach nicht zu, mich textlich mit ihm messen zu können.

tip Warum ist das heute anders?
Charlotte Gainsbourg Der Tod meiner älteren Schwester Kate Barry hat mein Leben komplett aus den Angeln ­gehoben. Nach einer langen Phase der Trauer hatte ich plötzlich keine Scheu mehr, mich in meinen Songs auszudrücken – sei es auf Französisch oder Englisch. Ich habe mein bisheriges Leben Revue passieren lassen. Natürlich hat Kate dabei einige Geschichten inspiriert. Genau wie meine persönlichen Erfahrungen.

tip In dem Lied „I’m A Lie“ erzählen Sie von Ihrer Schüchternheit.
Charlotte Gainsbourg Ich mache mich in diesem Stück über mich selber lustig. Es gab eine Zeit, in der ich mich in vielen Situationen höchst unwohl gefühlt habe. Oft wusste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte. Wenn ich jemanden angucken musste, war ich wie erstarrt. Ich habe mit mir gehadert, ich mochte mich nicht besonders.

tip Haben Sie heute mehr Selbstbewusstsein?
Charlotte Gainsbourg Ja. Das Muttersein hat mich verändert. ­Seitdem meine Kinder auf der Welt sind, kann ich mich nicht mehr so sehr auf mich konzentrieren. Dadurch bin ich etwas lockerer geworden.

tip Auch bei einem Fotoshooting?
Charlotte Gainsbourg Inzwischen lasse ich mich sogar recht gern foto­grafieren. Das war zu Beginn meiner Karriere noch ganz anders. Da habe ich es gehasst, Make-up aufzulegen und in die Kamera zu schauen. Erst als meine Schwester Kate Fotografin wurde, überwand ich meine Scheu. Mal musste ich nackt für sie posieren, mal stark geschminkt. Diese Situationen hatten etwas Spielerisches. Es war fast wie in unserer Kindheit. Schon damals hat mich Kate gestylt und fotografiert.

tip Ihren eigenen Stil haben Sie aber erst gefunden, als Sie die Muse des Designers Nicolas Ghesquière wurden?
Charlotte Gainsbourg Ja. Dank Nicolas habe ich gelernt, mich selbst mehr zu mögen. Ihm hat alles an mir gefallen, sogar das Jungenhafte. Weil ich keine weiblichen Kurven habe, kann ich längst nicht alles anziehen. Am besten stehen mir Hosen oder ganz kurze Röcke.

tip Tragen Sie eigentlich manchmal bei einem Filmdreh Ihre eigenen Sachen?
Charlotte Gainsbourg Durchaus. Als ich „La Promesse de l’Aube“ ­gedreht habe, bin ich allerdings total in meiner Rolle aufgegangen. Da gab es dann überhaupt nichts mehr von mir. Ich musste mit einem polnischen Akzent Französisch sprechen und bin zur 70-Jährigen gealtert. Das war ungefähr so, als würde ich meine eigene Großmutter spielen.

tip Fällt es Ihnen leichter, hinter einer Figur zu verschwinden als bei einem Konzert ganz Sie selbst zu sein?
Charlotte Gainsbourg Es ist für mich in der Tat schwierig, auf der Bühne kein Schutzschild zu haben. Ich kann mich nicht hinter einem Instrument verschanzen, das ich virtuos beherrsche. Ich bin auch mit keiner besonders großen Stimme gesegnet. Insofern muss ich mich allein auf meine ­Persönlichkeit verlassen. Dummerweise ­beschleicht mich oft das Gefühl, dass das nicht reicht …

tip Offenbar sind Sie eine selbstkritische Künstlerin.
Charlotte Gainsbourg Oh ja. Ich habe meine Gesangsparts für „Rest“ immer wieder neu aufgenommen, weil ich nie wirklich zufrieden war. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich dachte: Jetzt ist meine Platte fertig.

tip Warum haben Sie Ihr Album in New York eingespielt?
Charlotte Gainsbourg Weil ich seit einiger Zeit dort lebe. Diese ­Metropole akzeptiert jede Kultur. Darum ­komme ich als Französin in New York gut ­zurecht. Das Tolle an der Stadt ist: Hier interessieren sich die Leute nicht so sehr für ­meine Eltern. Ich werde wegen meiner Arbeit respektiert. Wenn mich jemand auf der Straße ­erkennt, möchte er mit mir über meine Filme sprechen. Vor allem über die Lars-von-Trier-Filme. Oder eben über meine Musik …

tip … für die sich sogar Paul McCartney begeistert. Er hat für Sie das Stück „Songbird In A Cage“ geschrieben. Wie kam es dazu?
Charlotte Gainsbourg Ich bewundere Paul McCartney sehr. Darum wollte ich unbedingt ein Lied von ihm haben. Ich habe ihn überredet, sich mit mir zu treffen. Er lud mich zu einem Mittagessen in London ein. Obwohl ich hochschwanger war, bin ich sofort in den Eurostar gestiegen. Das hat sich gelohnt. Wir führten ein wunderbares ­Gespräch. Mal tauschten wir uns über das Leben aus, mal über Kinder. Zum Abschied versprach mir Paul, über einen Song für mich nachzudenken.

tip Wäre Ihnen ein eindeutiges Ja nicht lieber gewesen?
Charlotte Gainsbourg Zum Glück musste ich nicht lange auf die ­finale Antwort warten. Nach ein paar Wochen schickte mir Paul die „Songbird In A Cage“-Demoversion. Ich war sofort begeistert. Nur hatte ich damals kein neues Album geplant. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Titel einige Jahre beiseite zu legen. Bis ich mich dann „Rest“ widmete. Ich bat meinen Produzenten SebastiAn, „Songbird In A Cage“ zu adaptieren. Die Endfassung gefiel Paul so gut, dass er bei der Aufnahme höchstpersönlich Bass, Gitarre und Klavier spielte. Das war ein großer Tag für mich.

Columbiatheater Columbiadamm 9 – 11, Tempelhof, Do 22.3., 20 Uhr (ausverkauft)

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