Klassik

Gespräch mit dem Dirigenten und DSO-Chef Robin Ticciati

„Ich bewege mich spinnenartig durchs Repertoire“ – Der neue Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin Robin Ticciati über seine Ziele – und das Auftreten des Dirigenten

Foto: Fabian Frinzel und Ayzit Bostan

Robin Ticciati, geboren 1983 in London, wurde als Geiger, Pianist und Schlagzeuger ausgebildet. Von Colin Davis und Simon Rattle ermutigt, wandte er sich früh dem ­Dirigieren zu. 2005 war er der jüngste ­Dirigent, der jemals an der Mailänder Scala am Pult stand. 2009 wurde er Chef des Scottish Chamber Orchestra, mit dem er mehrere Alben aufgenommen hat. Seit 2014 ist er Musikdirektor beim Opernfestival von ­Glyndebourne. Beim Deutschen Symphonie-Orchester debütierte er im selben Jahr. Als Nachfolger von Tugan ­Sokhiev ist er hier der achte Chefdirigent (seit Gründungsdirigent Ferenc Fricsay). Sein Vertrag läuft über fünf Jahre.

tip Herr Ticciati, bei Ihnen klingen Orchester feinsinnig, klanglich warm und natürlich. Ist dies das Britische an Ihnen?
Robin Ticciati Ich denke eher nicht in ­Nationen. Und mein Beethoven, hoffe ich, klingt nicht fein oder warm im Klang. Ich ­liebe Struktur und finde es wichtig, dass die Musik spricht – wozu vor allem Klarheit gehört. Trotzdem gebe ich zu, dass die Idee eines ­warmen, natürlichen Klangs für mich ein ­gewisses Ideal darstellt. Wohlwollen und Menschlichkeit sollten von der Musik ­ausgehen.

tip Also ein persönlicher Stil?
Robin Ticciati Klar, ich habe nichts dagegen, solange das nicht der Musik übergestülpt wird oder der Musiker sich vor die Musik schiebt. Ich will ein Gefäß sein. Stil ist eine schöne Sache, aber man darf sich niemals darauf verlassen. Man muss neu erfinden.

tip Müssen Sie auch den Klang des Deutschen Symphonie-Orchesters neu erfinden?
Robin Ticciati Ich hätte nicht zugesagt, wenn das nötig wäre. Ich glaube, dass es immer nur darum gehen kann, zu verstehen, was da ist. Das dauert ­lange. Man animiert sich gegenseitig, um Farben zu intensivieren, die Technik zu perfektionieren und organisch einen Schritt vorwärts zu tun. In welche Richtung das geht, muss sich erst zeigen.

tip Man könnte auch sagen, dass Ihre Klangvorstellungen nicht gerade explosiv, sondern eher ausgleichend sind. Wo haben Sie Ihre italienischen Wurzeln versteckt?
Robin Ticciati Tja, wo?! Ich schätze, mein Italienertum steckt darin, dass ich Melodien liebe und das Cantabile für mich eine große Sache ist. Ich bin durchaus emotional. Man muss dafür ja nicht unbedingt gleich explodieren. Man kann auch intimer werden. Das ist eher meins.

tip Sie dirigieren fast alles von der Renaissance bis zur Gegenwart. Ist Spezialisierung nicht mehr zeitgemäß?
Robin Ticciati Stimmt, ich kann von nichts die Finger lassen! Und ich glaube auch, dass ich Bruckner besser verstehen werde, wenn ich davor Johann ­Joseph Fux und ­Giovanni Pierluigi da Palestrina aufgeführt habe. Für Olivier Messiaen gilt das Gleiche. Man bewegt sich am Besten spinnenartig durchs Repertoire – und lässt auch was aus. Ich glaube nicht, dass ich heute schon „Parsifal“ dirigieren sollte. Auch bei Händel gibt es andere, die das besser können. Ich finde es nicht nützlich, sich zu spezialisieren. Höchstens im Auslassen.

tip In der Klassik heute gibt es eine Neigung, es allen recht machen zu wollen – anstatt sich auf eine spezifische Interpretation zu konzentrieren. Ein falscher Ansatz?
Robin Ticciati Auch ich glaube, dass heutzutage niemand daran interessiert ist, zu hören, wie einseitig etwas klingen kann. Man muss sich hüten, die Organik eines Gebildes aufzuheben. Trotzdem haben Sie Recht: Wer nichts riskiert, wird auch nichts gewinnen! Wer als Musiker auf Sicherheit spielt, macht etwas falsch. Nur: Wenn ich mir vornehmen würde, auf Teufel komm raus etwas Neues oder Persönliches zu sagen, wäre es auch forciert. Dann wäre ich ganz und gar auf dem falschen Dampfer.

tip Das persönliche Auftreten ist für jeden Künstler ein wichtiger Aspekt. Wie wichtig?
Robin Ticciati Zur Klassischen Musik gehören Spannung und Stille – und vielleicht sogar eine gewisse feier­liche Atmosphäre. Um das alles herstellen zu können, muss ich mich willkommen fühlen. Ich muss die Musiker zum Spielen bringen, und um das zu können, brauche ich Bewegungsabläufe, die man ein Leben lang verfeinern muss. Man darf keine Puppe werden. Und keine Marionette der Musik.

tip Anders gesagt: Sie sind ein gutaussehender Dirigent. Ist das ein Vorteil – oder nicht?
Robin Ticciati (Fassungslos) Das ist das erste Mal, dass ich das höre! Ich meine, es wäre schlimm, wenn das Aussehen wirklich wichtig wäre. Das sind ­Kriterien einer Celebrity-Welt, bei denen ich nicht scharf darauf bin, dass sie auf Klassische Musik übertragen werden. Sprechen wir nicht mehr davon als nötig! Nächste Frage?

tip Als Dirigent gehört es für Sie dazu, dem Publikum den Rücken zuzukehren. Ist das unangenehm?
Robin Ticciati Im Gegenteil. Ich fühle mich dem Publikum näher, wenn ich dieselbe Blickrichtung eingenommen habe wie die – meisten – Zuhörer. Ich muss sagen, dass ich mich immer stark und wohl fühle, wenn ich vor einem Orchester stehe. Das habe ich schon mit 14 oder 15 Jahren gemerkt, als ich es zum ersten Mal tat. Manche Menschen fühlen sich im Wasser am wohlsten, andere auf dem Pilotensitz eines Flugzeugs oder auf einem Pferd. Mir geht es so, wenn ich dirigiere.

tip
Unlängst mussten Sie etliche Vorstellungen absagen wegen einer Bandscheiben­operation. Sind Rückenprobleme typisch für Dirigenten?
Robin Ticciati Kaum typischer als für Taxifahrer oder Büroangestellte, glaube ich. Bei dem Beruf, den ich ausübe, muss ich sechs Stunden hintereinander die Arme schwenken. Machen Sie das einmal! Seit der Operation beschränken sich meine sportlichen Aktivitäten weitgehend auf ­Laufen und Wandern. Ich tröste mich, indem ich mir sage, dass wir Dirigenten, wenn wir nur auf dem Podium stehen, Teilzeit-Athleten sind. Es ist ein wunderbar verrückter Job, das stimmt auf jeden Fall.

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