Klassik

Gespräch mit dem Konzert-Impresario Witiko Adler

„Nicht mit mir!“ – Konzert-Impresario Witiko Adler über den privaten Konzertmarkt in Berlin – und sein Jubiläumskonzert zum 100-jährigen Bestehen der Firma

Jutta und Witiko Adler

Witiko Adler geboren 1928 in Berlin, trat nach dem Abitur in die Firma seines Vaters Hans Adler ein. Dessen Konzertdirektion besaß die Vertretungsrechte berühmter Künstler wie Ferenc Fricsay, Otto Klemperer und Alfred Cortot. Seit über 60 Jahren veranstaltet Adler Klassik-Reihen wie „Pro Musica“ in der Philharmonie. Gemeinsam mit seiner Frau Jutta Adler, die heute die Geschäfte führt, wohnt er in der Wohnung über der Firma in Berlin-Schmargendorf

tip Herr Adler, Ihre Firma, der letzte große Privatveranstalter der Klassik in Berlin, verdankt das Renommee Kunden wie Daniel Barenboim und Anne-Sophie Mutter – die aus Anlass Ihres Jubiläums am 20. September erstmals miteinander konzertieren. Waren solch prominente Namen von Anfang an wichtig?
Witiko Adler Oh ja! Als mein Vater 1918 in Berlin seine Lizenz beantragte, sagte man ihm: „Wird demnächst verstaatlicht! Das brauchen Sie gar nicht zu versuchen.“ Mein Vater erzählte das dem Komponisten Richard Strauss, den er aus Wien kannte. Der sagte: „Das wollen wir doch erst mal sehen.“ Strauss hat mitgeholfen, ich weiß nicht wie.

tip In der NS-Zeit hielt Ihr Vater treu zur halbjüdischen Gret Palucca und half jüdischen Künstler aus Polen ins Exil. Wieso wurde er nie verhaftet?
Witiko Adler Irgendwie traute man sich nicht an ihn heran. Am Tag der Machtübernahme veranstaltete mein Vater einen Tanzabend mit einem jüdischen Tänzer aus Russland. Er sagte einfach: „Es interessiert mich nicht.“

tip Nach dem Krieg war es Ihr Ehrgeiz, jüdische Künstler wie Yehudi Menuhin, Eugene Ormandy und Leopold Stokowski wieder herzuholen. Sie sind waschechtes West-Berlin?
Witiko Adler Nach Deutschland holten wir sie, darum ging es. Und nach Berlin, weil wir die Deutschland-Vertretung für die betreffenden Künstler ­hatten. Ich wollte, dass auch wir wieder ­maßgebend werden.

tip Wenn junge Künstler flügge werden, wechseln sie meist die Agentur. Müssen Sie verzeihen können?
Witiko Adler Einerseits: Ja. Der Erste ist immer der Dumme. Man macht die Kärrnerarbeit, und ist damit nie so erfolgreich wie bei einem etablierten Künstler. Das führt zum Bruch. Bei Anne-Sophie Mutter rief mich der Intendant der Berliner Philharmoniker an: Karajan habe ihn im Auto gefragt, ob die jemand kenne. Ich habe das Vorspiel arrangiert. Beim jungen Barenboim war meine Mutter noch besorgt, ob das gut geht. Er blieb bis heute. Verzeihen, wenn jemand ­weggeht, kann man. Reisende soll man nicht aufhalten.

tip Der Berliner Konzertmarkt gilt als hartes Pflaster. Verdienen Sie das Geld in Wirklichkeit mit der Künstleragentur, die Sie auch noch haben?
Witiko Adler Wir verdienen mit beidem. Grundsätzlich ist nicht das Konzert schwieriger geworden, sondern die Vermittlung. Weil viele Künstler sich heute selber vertreten. Sie brauchen keine Agenturen mehr.

tip Früher ließen sich Musiker in der Pause bar auszahlen. Und heute?
Witiko Adler Die Barauszahlung ist ausgestorben. Sie war die letzte Gelegenheit zu sehen, ob der Veranstalter überhaupt zahlungsfähig ist. Schon der russische Pianist Emil Gilels ließ sich am Tag danach auszahlen – im Hotel Kempinski. Bei David Oistrach gab es manchmal einen Pelzmantel für seine Frau. Bei Künstlern aus der DDR fertigten wir zwei Verträge an, die ganz offiziell über unsere Bücher liefen. Zuhause haben die Künstler nur einen vorgezeigt.

tip Welche von Ihren Künstlern duzen Sie?
Witiko Adler Ich habe nur Yehudi Menuhin geduzt – und Musiker, die ich von Kind auf kannte. Selbst bei Barenboim: „Daniel“ und „Sie“. Ich habe mich vor Karajan nie gefürchtet, und auch Bernstein war jemand, mit dem man ganz normal reden konnte. Große Künstler wollen als normale Menschen behandelt werden. Im Allgemeinen wird nirgendwo so viel gelogen wie Backstage. Nicht mit mir!

Philharmonie Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten, Do 20.9., 20 Uhr, Karten 40–125 €

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