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Gespräch mit Joe Mount, Chef des Indie-Pop-Electro-Projekts Metronomy

Joe Mount, Chef des Indie-Pop-Electro-Projekts Metronomy, über die Suche nach dem verlorenen Aufbruchsgefühl, Hörer, die erst noch erzogen werden müssen, und was Gartenarbeit mit Musik gemein hat

Joseph Mount (Mitte), Jahrgang 1982, hat sich seit Mitte des letzten Jahrzehnts mit wechselnden Bandkollegen unter dem Projektnamen Metronomy den Ruf als euphorischer Indietronics- und Electro-Pop-Melancholiker erspielt. Alben wie „The English Riviera“ von 2011 denken Disco, hippen Nu-Rave und Fleetwood Mac zu einem ganz eigenen, höchst tanzbaren Sound zusammen. Das neue Album des Briten trägt den Titel „Forever“. Foto: Because

Mr. Mount, Ihr letztes Album handelte davon, die Jugend zu vermissen. Jetzt arbeiten Sie mit „Forever“ an der Ewigkeit.

Für mich symbolisierte das letzte Album „Summer 08“ einen Bruch. Ich wollte eine Ära abschließen: Seit dem Jahr 2008 waren wir immer unterwegs. „Forever“ ist das erste Album einer neuen Phase. Ich veröffentliche seit 13 Jahren Musik, und ich habe Zeit gebraucht, zu verstehen, wo mein Platz ist – in der Musik, in der Musikgeschichte, in der Welt. Man fängt naiv und jung an, und dann geht man auf diese Reise aus Touren und Alben – und alles, was du lernst, ist, dass es besser war, als du noch naiv und jung warst. Das ist alles, was man versucht, wieder und wieder aufzufangen – das, was du sowieso hattest, bevor du wusstest, wie wertvoll das ist.

Ist das ein Gefühl, dass Sie eher als Künstler oder als Mensch haben?

Das Ding mit Musik ist, dass alles aufgebaut ist auf die Geschichte des Künstlers. Das Publikum genießt es, romantische Mythen aufzubauen um die Musiker, um Alben. Das ist, warum ich mich überhaupt in Musik verliebt habe. Aber je tiefer du drin steckst, desto mehr merkst du, dass das einfach auch nur ein Job ist. Du bist trotzdem ein Elterteil, zum Beispiel. Und dann ist es egal, ob du Musiker bist, Verkäufer oder Wissenschaftler. Du machst dir vor, die Welt der Musik wäre ganz besonders und irgendwie magisch. Aber eigentlich ist sie das nicht. Und eigentlich ist genau dieses menschliche Element ja auch, was Musik gut macht und die Leute anspricht.

Merken Sie, wenn Sie die Songs produzieren, wann und wie genau diese Verbindung zwischen Ihnen und dem Publikum entsteht?

Gar nicht. Die erfolgreichsten Metronomy-Songs waren nie die, die ich besonders poppig machen wollten. Das ist alles demokratisch. Du machst Musik, du willst dich damit wohlfühlen, du willst, dass die Leute es lieben. Aber die entscheiden am Schluss ganz allein. Das ist größer als das, was du tust. Und wenn du alle diese Momente nimmst, in denen sich Musik und Menschen connecten, landest du bei einem Mixtape – oder in der Playlist eines Radios.

Ich finde witzig, dass Radio die Assoziation ist, die Sie den Menschen mit auf den Weg geben bei einem neuen Album. Das klingt sehr anachronistisch, als wenn Sie tatsächlich noch im Album-Format denken würden. Dabei machen Sie doch eigentlich nichts anderes als Billie Eilish, die mit der Spotify-Playlist assoziiert und damit als peak-postmodern wahrgenommen wird.

Zugegeben, so höre ich auch Musik. Ich höre Playlists, die Algorithmen gemacht haben. Und ich wollte ein Album machen, das versucht, dieses Gefühl abzubilden. Formate sind Möglichkeiten für Künstler. Das Vinyl hat Künstlern die Chance gegeben, 40 Minuten Musik zu machen. Die CD stellte 80 Minuten zu Verfügung. Aber Streaming haben wir noch gar nicht richtig erkundet. Machen Menschen jetzt Playlists, die drei Stunden dauern? Muss man Musik eher als Abonnement verstehen statt als ein geschlossenes Werk? Der Wert des einzelnen Albums muss völlig neu definiert werden. Es stimmt schon: Es wertet das Produkt ab, ökonomisch gedacht. Aber es hilft auch, sich zu entspannen. Früher musste ich lange nachdenken, welche Songs auf das Album kommen, ob ich vielleicht einen Hit aufhebe. Mit Streaming ist es eher so: Je mehr draußen ist, desto mehr wird gehört. Ich will das nicht schönreden, Geld ist ein riesiges Problem, vor allem für junge Künstler. Für mich als Künstler mit einem großen Publikum ist es aber eine tolle Chance.

In gewisser Weise kehrt Pop damit zurück zu seinen Wurzeln. Die Beatles machten ursprünglich Singles, keine Alben.

Das ist die Ironie, die niemand sieht: Nichts hat sich verändert. Die Single ist die Basis. Dann machten die Bands Alben, aber die meisten machten schlechte Alben. Leute haben immer ihre Lieblingslieder gesucht und zusammengestellt. Genau wie heute in den Playlists.

Allerdings lässt sich Ihre Musik doch noch immer Zeit, Metronomy-Songs sind noch nicht fürs Streaming optimiert, da kommt nicht die Hook nach zwei Sekunden.

Ja, das ist meine Botschaft an die jungen Leute. Ich möchte nicht Menschen dafür belohnen, dass sie ungeduldig sind. Das ist nicht cool. Das ist wie beim Kinder erziehen. Wenn du unendlich Zeit online bist, dann kannst du auch 20 Sekunden warten, bis der Song richtig anfängt.

Welche Themen sind es, die Sie beschäftigen auf dem Album?

Musik machen in der Mitte einer Karriere. Wenn du jung bist und dein Publikum aus Teenagern besteht, hat Musik das Potenzial, wirklich kraftvoll zu wirken. Für Leute, die 16, 17 Jahre alt waren, als mein zweites Album „Nights Out“ herauskam, war das ein super einflussreiches Album. Heute sind die 26, 27, Jahre alt und Musik ist für sie und für mich weniger wichtig. Es geht ums Älterwerden und Glücklichsein und Sachen leichter zu nehmen. Ein egozentrisches Album, eigentlich.

Andererseits sind Sie nicht nur Vater geworden seit damals, sondern betätigen sich seit neuestem auch als Gärtner. Das bringt doch sicher einige Grundsensibilitäten gegenüber dem Leben mit.

Meine Freundin ist die Gärtnerin, ich mache die Jobs für die Ungeschickten, ich mache die zerstörerische Arbeit: rausreißen, umgraben. Aber im Grunde ist es genauso wie ein Album machen: Der Akt, etwas aus dem Nichts heraus zu erschaffen. Nicht das Produkt ist das tollste, sondern die fortlaufende Arbeit daran.

Columbiahalle Columbiadamm 13-21, Tempelhof, Do 24.10., 20 Uhr, VVK 39 € zzgl. Gebühren

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