1920er-Jahre

Das große tip-Gespräch mit Max Raabe

Vor 30 Jahren gründete Max Raabe sein Palast Orchester. Heute ist er eine Berliner Institution. Ein Gespräch über gute Musik, schlecht ­gekleidete Zeitgenossen und die lehrreichen 20er Jahre

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Es ist laut in Clärchens Ballhaus. Aber das liegt nicht an den Gästen. Gerade erst haben die Türen geöffnet, nur ein paar Touristen suchen nach mittäglicher Berlin­authentizität. Die Szenerie beherrschen stattdessen zwei Getränkelieferanten, die den Saal mit einem lärmenden Ballett aus Sackkarren, Paletten und Bierkästen füllen. Max Raabe zieht die Augenbrauen nach oben, der gepflegte Herr hebt nicht gern unnötig die Stimme. Wir wechseln den Tisch, aber es bleibt laut.

Raabe ist auch abends gern hier, wenn allein die Musik laut ist. Er schwingt, sagt der mittlerweile 53-Jährige, dann sogar manchmal das Tanzbein. Gewöhnlich allerdings bringen er und das von ihm 1986 gegründete Palast Orchester eher andere zum Tanzen. Dita von Teese und Marilyn Manson zum Beispiel, bei deren Hochzeit sie vor elf Jahren aufspielten in Gottfried Helnweins Schloß in Irland. Das Schloss war grauenhaft kalt, erinnert sich Raabe, zu Mansons Tanzkünsten will er sich lieber nicht äußern.
Aber nicht nur Promis wissen Raabes Interpretationen von Liedern aus den 20er und 30er Jahren zu schätzen. Der studierte Sänger, im westfälischen Lünen groß geworden, wurde in Berlin zu einer Institution, die auch im Ausland große Hallen füllt. Als Pionier, der mit seinem zwölfköpfigen Orchester auf Flohmärkten entdeckte Liedperlen aufpoliert und vor dem Vergessen bewahrt, könnte man ihn auch für den einen oder anderen rückwärtsgewandten Trend verantwortlich machen, aber wenn Raabe etwas hasst, dann ist es das Wort „retro“.

Zurückgeblickt hat das Palastorchester anlässlich des 30-Jährigen trotzdem – und die Fans abstimmen lassen über ihre Lieblingslieder aus den vergangenen drei Dekaden. Diese basisdemokratische Auswahl wird nun zur Aufführung kommen bei der großen Tournee, die im Februar beginnt. In deren Rahmen werden Max Raabe & Palast Orchester vom 28. Februar an gleich 18 Mal im Admiralspalast auftreten. Dann wird es elegant, gediegen und, ja auch das, laut werden. Aber sicherlich nicht zu sehr.

tip Herr Raabe, sind Sie eigentlich schon im Frack auf die Welt gekommen?
Max Raabe Nein, jedenfalls soweit ich mich erinnern kann. Aber meine Mutter hat meinen Bruder und mich zumindest an Sonntagen ganz schön ausstaffiert. Und meinen Kommunionsanzug habe ich so lange getragen, bis mir die Ärmel irgendwann nur noch bis zu den Ellbogen reichten. Der Schritt zum Frack ist da nicht mehr so weit.

tip Als Zwölfjähriger haben Sie schon gerne Anzug getragen?
Max Raabe Ja, das gibt es manchmal. Aber mein Bruder hat bei gleicher Erziehung stilistisch einen ganz normalen Weg zur Jeans eingeschlagen. Meinen Eltern kann man also nur bedingt die Schuld geben.

tip Woher kam dieses kindliche Interesse an stilvollen Klamotten?
Max Raabe Ich bin ja in Lünen aufgewachsen, am Rande des Ruhrgebiets, es hat mich immer sehr beeindruckt, wenn am Sonntag mein Vater und die ganzen Onkels mit ihren Westen und Uhrketten um den Tisch saßen, aber dabei extrem lustiges und mitunter auch ziemlich wildes Zeug erzählt haben. Das waren alles Landwirte, aber sie haben auf ihr Äußeres geachtet. Diese trockenen Witze habe ich allerdings meist erst einen Tag später verstanden. Diese Diskrepanz zwischen dem würdevollen Auftreten und den schrägen Sachen, die sie erzählt haben, die hat mich fasziniert.

tip Kann man das womöglich so sehen: Sie feiern diese Diskrepanz noch heute jeden Abend auf der Bühne, indem Sie sich würdevoll anziehen, aber extrem schräge Sachen singen?
Max Raabe Wenn man will, kann man das so sehen. Ich weiß aber nicht, ob ich das so sehen will. Wer lässt sich schon gern darauf reduzieren, dass er mit 54 Jahren immer noch damit beschäftigt ist, Kindheitserlebnisse zu verarbeiten.

tip Haben Sie sich als Kind auch schon für die 20er Jahre interessiert?
Max Raabe Das kam relativ früh, da war ich vielleicht zwölf Jahre alt, als ich über die einzige Schellack-Platte, die bei uns im Musikschrank stand, dieses Jahrzehnt entdeckt habe. Das war ein Instrumentalstück, ein lustiger, schneller Foxtrott, der trotzdem etwas Wehmütiges hatte, das mich sehr berührt hat. Daraufhin habe ich begonnen, in Münster auf dem Flohmarkt Schellack-Platten zu kaufen, und bei bunten Abenden in der Gemeinde habe ich dann mit einem Messdienerkollegen am Klavier 20er-Jahre-Lieder wie „Mein Papagei frisst keine harten Eier“ vorgetragen.

tip Hat man sich den jugendlichen Max Raabe als Außenseiter vorzustellen?
Max Raabe Ich war ja kein Freak, der mit Melone und Fliege in die Schule gegangen ist. Aber in meinem Freundeskreis war es ganz normal, ein Cord-Sakko zu tragen und Jeans nicht so toll zu finden. Und es war auch nicht außergewöhnlich, einen ungewöhnlichen Musikgeschmack zu haben. Freunde von mir haben Al Jarreau oder Bigband-Musik gehört. Wir fanden Dean Martin cooler als The Sweet. Aber zu meiner Ehrenrettung: Mein Bruder hat solche Sachen wie Birth Control oder Kraftwerk gehört – und das fand ich auch gut.

tip War denn diese Liebe zu den 20er Jahren der Grund, Mitte der 80er nach Berlin zu gehen?
Max Raabe Es gab viele Gründe, nach Berlin zu gehen. Ich wollte vor allem raus aus der Provinz und Berlin war auch damals schon die aufregendste Stadt, in die man ziehen konnte. Außerdem war ich zu dem Zeitpunkt ja auch im wehrfähigen Alter und konnte mich auf diese Art und Weise vor meiner vaterländischen Pflicht drücken. Da kam viel zusammen, die 20er Jahre waren nur einer der Gründe. Tatsächlich habe ich hier in Berlin die 20er Jahre auch erst einmal gar nicht gesucht. Ich bin nicht die alten Orte abgeklappert, so verbissen war ich nicht. Ich hatte ja auch anderes zu tun, denn das was ich hier vorgefunden habe, war eh alles wilder und spannender als das, was ich vorher kannte. Aber irgendwann habe ich mich schon darüber gewundert, dass es in Berlin keine Ballsäle oder Tanzlokale mehr gab, und ich fand es komisch, dass so gar niemand mehr diese Musik machte. Das gärte dann eine Weile in mir, und ja offensichtlich nicht nur in mir, denn schließlich haben wir ja das Palast Orchester gegründet.

tip Das war 1986. Und wieder waren Sie der Außenseiter.
Max Raabe So sehe ich das nicht, und habe es auch damals, als wir das Orchester gegründet haben, nicht so gesehen. Mir war schon immer klar, dass man die alten Zeiten nicht wieder herstellen kann. Ich mag das Wort Nostalgie überhaupt nicht. Früher war eben nicht alles besser, sondern das meiste sogar schlimmer. Aber die Musik, die war nun mal großartig. Ich möchte das Zeitlose in dieser Musik hervorheben. Aber alles hat seine Zeit und wir versuchen, den alten Liedern eine heutige, eine aktuelle Dimension zu verschaffen. Eine Stadt wie Berlin lebt doch auch nicht davon, dass sie zurückblickt. In Wien mag das anders sein, aber wenn man in so einer Stadt wie Berlin lebt, dann muss man sich mitreißen lassen von dem, was gerade passiert, und damit kommt man dem Geist der 20er Jahre auch viel näher, als wenn man Kränze an den Orten niederlegt, an denen irgendwann einmal dieses oder jenes Orchester gespielt hat. Ich bin nicht rückwärtsgewandt, ich sehe mich als Zeitgenosse. Ich lebe im Hier und Jetzt.

tip Sie stellen die alten Zeiten vielleicht nicht wieder her, aber Sie beschwören Sie herauf. Wie verträgt sich das damit, Zeitgenosse zu sein?
Max Raabe Diese Frage würden Sie mir nicht stellen, wenn ich Rockmusiker wäre. Oder ein Freund der historischen Aufführungspraxis von mittelalterlicher Lautenmusik. Wenn ich jetzt der Welt führender Mozart-Interpret wäre, dann würden Sie sich auch nicht wundern, dass ich nicht mit Kniebundhose und Puderperücke vor ihnen sitze. Klar, die 20er Jahre waren eine aufregende Zeit, da ist wahnsinnig viel passiert in Film oder im Theater, aber ich persönlich lebe nicht in Art-Deco-Möbeln oder sehe in meiner Freizeit ausschließlich Filme von Friedrich Wilhelm Murnau. Tatsächlich höre ich nicht einmal ausschließlich Musik aus dieser Zeit, sondern auch gern einmal eine Bach-Kantate oder eine Cello-Sonate. Meine Begeisterung für diese Zeit hat wirklich vor allem etwas mit der Musik zu tun und mit dem Humor und der Haltung, die darin zu erkennen ist. Ich liebe diese Lieder und ich freue mich bei jedem Auftritt, dass ich den besten Platz im Orchester habe, dass ich da an den Flügel gelehnt stehen und den großen Luxus genießen darf, einfach zuzuhören. Diese Musik ist für mich ein Schatz, den ich hebe und pflege wie ein Sammler von Märklin-Eisenbahnen, der auch immer wieder etwas ausgräbt und an seiner Eisenbahn herum bastelt. Und nebenbei sammele ich eben auch noch Briefmarken.

tip Sie sammeln Briefmarken?
Max Raabe Nein.

tip Wo finden Sie die Songs, suchen Sie immer noch auf Flohmärkten nach alten Schellack-Platten?
Max Raabe Das hat sich sehr verändert. Früher war ich tatsächlich viel auf Flohmärkten und in Archiven unterwegs. Aber inzwischen kenne ich so viele Sammler, dass die mich auch auf Sachen aufmerksam machen. Und wenn man im Internet erst mal anfängt zu suchen, dann wird man ja immer weiter geschubst auf Dinge, auf die man auf Flohmärkten nie gestoßen wäre.

tip Aber Sie haben doch, haben sie jedenfalls mal behauptet, gar keinen Computer.
Max Raabe Das hab ich wahrscheinlich zu einer Zeit behauptet, als es auch noch so war. Aber vor drei Jahren habe ich mir tatsächlich einen ganz privaten Zugang zum Internet beschafft. Vorher bin ich immer mit dem Fahrrad ins Büro gefahren, weil es dort einen Zugang gibt. Ich besitze mittlerweile sogar ein Smartphone, beschränke mich aber aufs Telefonieren. Obwohl, das stimmt: Ich benutze das Mobiltelefon auch als Kamera. Man kann wirklich picobello Fotos damit machen. Sogar bei schlechtem Licht, das finde ich faszinierend.

tip Was denken Sie, fasziniert nicht nur Sie, sondern auch viele andere Menschen so an den 20er Jahren?
Max Raabe Ich denke, es ist ein gewisses Stilempfinden. Und vor allem die Vorstellung, jeden Abend elegant auszugehen und wilde Musik zu hören. Dass das damals nicht der Alltag war, das muss einem natürlich klar sein. Wir haben ein idealisiertes Bild von dieser Zeit: Wenn wir uns vorstellen, wir hätten in den 20ern gelebt, dann sehen wir uns alle natürlich in eleganten Autos und mit Zylinder auf dem Kopf, aber das konnte sich ja kaum jemand leisten. Wir wären wahrscheinlich arbeitslos gewesen, hätten auf jeden Fall eine Ofenheizung und müssten jeden Tag die Kohlen aus dem Keller holen. Als ich in den 80ern nach Berlin kam, musste ich auch noch Kohlen schleppen. Ich muss zugeben, ich bin ein Freund von Zentralheizungen und finde es auch gar nicht schlecht, dass ich mir Mangos und Avocados leisten kann. Ich kann schon sehr schätzen, was ich heute hier habe, und ich habe trotzdem das ganze Kaleidoskop der Musik aus der alten Zeit vor mir.

tip Wenn man vielleicht auch nicht in den 20er Jahren, würde leben wollen – kann man etwas von dieser Zeit lernen?
Max Raabe Ja, zumindest den Stil. Davon kann man sich schon etwas abgucken. Ich finde es ganz traurig, dass man heutzutage über die Friedrichstraße oder den Kurfürstendamm läuft und aussieht, als wäre man auf dem Weg zum Sessellift. Ein bisschen mehr ästhetisches Empfinden und Rücksichtnahme wäre schon wünschenswert. Die ganzen nackten Beine, die kurzen Hosen und die T-Shirts, das ist doch alles nicht schön. Andererseits: Ich glaube, das Deodorant ist erst in den 50er-Jahren erfunden worden. Also, man muss das gegeneinander abwägen.

tip Ist Berlin eine stillose Stadt?
Max Raabe Nein, gar nicht.

tip Auch nicht im Vergleich zu Paris oder Mailand, selbst zu München oder Hamburg?
Max Raabe Ja, das stimmt schon. Paris ist natürlich schöner. Aber ich lebe lieber in Berlin, wo es vielleicht etwas rumpeliger, aber dafür auch spannender ist. Hier hat man ein viel lustigeres Alltagsleben. Stil ist ja auch nicht alles. Was nutzt einem eine geschmackvolle Garderobe, wenn der Mensch nicht den Anstand hat, einer Frau mit Kinderwagen die Tür aufzuhalten. Stil ist für mich nicht so sehr, ob die Hose sitzt, sondern ein freundlicher Umgang im Alltag.

tip In dieser Beziehung ist Berlin ja nun erst recht berüchtigt.
Max Raabe Nein, das finde ich ja nicht. Ich kenne das Klischee vom unfreundlichen Berliner, aber meine Erfahrungen sind ganz andere. Rücksichtnahme ist hier gerade unter Menschen, die jünger sind als ich, sehr verbreitet.

tip Inwiefern erinnert Sie das heutige Berlin an die 20er Jahre?
Max Raabe Ich war ja nicht dabei damals, deswegen kann ich nur spekulieren. Aber ich habe das Gefühl, das jetzige Berlin ist wieder genauso aufgekratzt wie damals. Ich bin auch außerordentlich fasziniert davon, wie schnell das Tempo in dieser Stadt ist, dass plötzlich irgendwelche Läden, von denen ich noch nie gehört habe, angesagt sind. Und tatsächlich: So stelle ich mir die 20er auch ein bisschen vor. Aber wahrscheinlich wäre ich auch damals eher der Typ gewesen, der nicht immer genau weiß, was gerade „in“ ist.

tip Und wo findet man Sie nachts?
Max Raabe Da und dort. Ich gehe tatsächlich ab und zu auch mal ganz gerne tanzen, aber ich muss zugeben: Am liebsten gehe ich in Läden, in denen gar keine Musik läuft.

tip Die Menschen feierten in den 20er Jahren auch die Freiheiten, die ihnen die Weimarer Republik bot. Feiern Max Raabe & das Palast Orchester, indem sie die Musik aus dieser Zeit bewahren, auch die erste Demokratie auf deutschem Boden?
Max Raabe Ja, in gewisser Weise schon. Es war zwar in erster Linie Unterhaltungsmusik, die wir da spielen, aber das schwingt schon immer mit. Ich sage ja eigentlich nichts zur Geschichte auf der Bühne, weil ich den Leuten nicht auf die Nerven gehen will. Ich will die Musik in den Vordergrund stellen. Wenn ich dran bin, dann singe ich. Und wenn ich nicht dran bin, gehe ich weg. Aber ich habe mir angewöhnt, die Jahreszahlen der Lieder anzusagen, um den Zuhörern klar zu machen, dass das Ende der Weimarer Republik oft nur wenige Jahre weg ist. Ich will da nicht den Zeigefinger heben, aber schon den Kontext klar machen, in dem diese Lieder entstanden sind. Ein Lied von 1935 hat vielleicht dieselbe musikalische Qualität, hat auch einen schönen Text, ist aber ironiefreier. Es ist ja nicht so, dass alles, was nach 1933 entstand, nationalsozialistisches Kulturgut war. Aber die Texter waren weg, das waren fast alles Juden, die einen ganz eigenen Humor hatten. Der Verlust ist schmerzlich und klar, darauf weise ich mit der Nennung der Jahreszahlen hin. Wenn man will kann man das interpretieren als Hinweis darauf, wie leicht man etwas verliert, was man vielleicht lieber bewahrt hätte.

tip Ist das Palast Orchester auch deshalb erfolgreich, weil wir wieder in ähnlich unsicheren, bewegten Zeiten leben wie damals in den 20er Jahren?
Max Raabe Ich glaube nicht, dass man die Zeiten damals und die heute miteinander vergleichen kann. Ich will die Armut, die es heute gibt, nicht verharmlosen, aber damals hatten sehr viele Menschen nichts zu essen, die haben gehungert und in Kellern gewohnt, die Kinder sind auch im Winter ohne Schuhe herumgelaufen und an Schwindsucht gestorben. Aber ich kenne das, diese Erklärungsversuche. Das ging ja schon los, kurz nachdem wir in den 80er-Jahren mit dem Palast Orchester angefangen haben. Auch da wurden schon gesellschaftliche Parallelen zu den 20er Jahren gesucht. Und das wiederholte sich dann zu Beginn der 90er Jahre, als wir mit „Kein Schwein ruft mich an“ überregional bekannt wurden. Das sind Gedankenspiele, vielleicht sogar interessante, aber unseren Erfolg kann man, glaube ich, so nicht erklären.

tip Wie kann man ihn dann erklären, Ihren Erfolg?
Max Raabe Ein ganz unverfrorener Gedanke: Vielleicht liegt es ja einfach nur an der Musik. Dass diese Musik schön ist, dass sie lustig ist, und dass sie, wenn man sich nicht blöd anstellt und sie einigermaßen ordentlich vorträgt, den Leuten gefällt. Natürlich ist diese Musik, wie die Revuen und die Filme damals auch, vor allem gemacht worden, um Menschen aus der Wirklichkeit zu reißen und sie in eine vermeintlich humorvollere Welt zu holen – und das funktioniert nach wie vor. Und das bleibt eben gleich, egal in welcher Ära: Die Menschen wollen immer mal gerne raus aus der Realität, egal ob sie Frack tragen oder Jeans.

tip Ihre Musik mag zeitlos sein, aber sie steht für die vermeintlich gute alte Zeit – gab es schon Vereinnahmungsversuche aus der rechtspopulistischen Ecke?
Max Raabe Generell gilt natürlich: Man kann sich sein Publikum nicht aussuchen. Aber Anfang der 90er-Jahre, als die Republikaner ein Thema waren, haben wir keine Stücke mehr aufgeführt, die nach 1933 entstanden waren. Man sieht also: Die Sorge hatte ich immer. Aber die Sorge war immer unbegründet. Nein, es gab nie irgendwelche Annäherungsversuche aus dieser Ecke. Ironie und Rechts gehen einfach nicht zusammen. Außerdem mache ich meine Haltung auch immer klar. Nicht auf Konzerten, da hat das nichts zu suchen, aber in Interviews oder bei Talkshows erzähle ich, wer diese Lieder geschrieben hat, dass das nämlich oft jüdische Komponisten und Texter waren, und dass es ein große Verlust war, dass diese Menschen umgebracht oder vertrieben wurden.

tip Sie und das Palast Orchester sind in der ganzen Welt unterwegs, Sie haben schon in China und Japan, immer wieder in den USA gespielt. Müssen Sie sich im Ausland ausführlicher erklären?
Max Raabe Wir sind im Ausland zum Glück noch nie missverstanden worden. Ich habe, gerade wenn wir in den USA unterwegs waren, immer mit großer Aufmerksamkeit die Besprechungen in den örtlichen Zeitungen studiert: Da gelten wir als Repräsentanten der Weimarer Republik, als Vertreter des guten Berlin, bevor Deutschland in der Barbarei versunken ist.

tip Und dann stehen Sie stocksteif auf der Bühne, gucken blasiert ins Publikum und da wundert sich niemand in China?
Max Raabe Ach, ich wippe doch innerlich mit. Aber ja, früher gab es das durchaus, einen ersten Moment der Irritation. Man hat gemerkt, wenn wir das erste Mal in einem anderen Land spielten, da konnte man sehen, wie sich die Leute im Publikum erst einmal fragten: Wie ist der denn drauf? Meinen die das ernst? Aber nach zehn Minuten haben dann eigentlich alle verstanden, dass diese Lieder vor allem sehr witzig sind. Ich bin selbstironisch und das merkt man auch. Ich mache nicht den Springclown, nehme mich aber auch nicht sonderlich ernst.

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