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Subkultur West-Berlin

„Gespräche mit Genialen Dilletanten“ – Interview mit Frieder Butzmann

„Gentrifizierung ist eine Schande für die Menschheit, nicht nur für Kreuzberg“ – Der Künstler und Komponist Frieder Butzmann spricht über erste Klangexperimente, West-Berlin in den 1980er-Jahren, Gentrifizierung und sein Verhältnis zu Kreuzberg. Das (hier gekürzte) Interview stammt aus dem soeben erschienenen Buch „Gespräche mit Genialen Dilletanten“ von tip-Redakteur Jacek Slaski

Foto: tip Archiv/ Peter Gruchot

tip Herr Butzmann, was ist Musik?
Frieder Butzmann Das wüsste ich auch gerne. Ich bin ja ein untypischer Musiker, einer, der auf der Suche ist und genau diese Frage stellt. Es gab 1959 diesen Moment als ich fünf Jahre alt war, der mein Leben verändert hat. Mein Vater hat ein Tonbandgerät gekauft. Ein unheimlich schwerer Kasten. Da ging das los.

tip Sie haben als Fünfjähriger angefangen, Musik zu machen?
Frieder Butzmann Mir ist jetzt wichtig das zu sagen, dass ich nicht an Selbstüberschätzung oder Hybris leide, aber da habe ich de facto die Musique concrète, 11 Jahre nachdem sie in Frankreich entdeckt wurde, für mich in Konstanz am Bodensee neu entwickelt. Ganz allein für mich in unserem Wohnzimmer. Der Begriff Musique concrète und die Werke waren mir natürlich völlig unbekannt. Aber die Arbeitsweise ist vergleichbar. Ich habe schnell gemerkt, dass man mit dem Mikrofon Rückkopplungen erzeugen kann, und damit konnte man helle Töne und tiefe Töne hervorbringen und wenn man es anders hielt, dann brummte es oder pfiff.

tip Wie ging das dann weiter?
Frieder Butzmann In den frühen 1970er-Jahren in Konstanz hatte ich eine Band namens Pantharmonisches Ensemble. Da habe ich nach dem Abitur im Foyer der Universität Konstanz eine Veranstaltung mit dem Titel „Fluxus Galaxis“ organisiert. Inhaltlich war das an John Cages Stück „HPSCHD“ orientiert, das er 1969 für das Cembalo und computergenerierte Tonbänder komponierte. Wir haben mit Klang, Licht und Windmaschinen ein ziemliches Spektakel veranstaltet, ohne einen Pfennig Geld zu haben.

tip Konstanz reichte Ihnen aber nicht, 1975 kamen Sie nach West-Berlin. Wegen der Wehrpflicht?
Frieder Butzmann Überhaupt nicht, zur Bundeswehr musste ich nicht. West-Berlin hat mich schon immer beeindruckt. An Berlin mochte ich die Wuselei, die Gleichzeitigkeit. Je lauter und je mehr gleichzeitig los war, desto besser gefiel es mir. Berlin war die Verwirklichung dieser Gleichzeitigkeit. Ich lebte ja in der Clayallee, dann in der Kantstraße, Yorckstraße, später am Alexanderplatz. Es war immer laut, immer voll, das hat mich geradezu beruhigt.

tip Haben Sie sich in der Polit- und die Kneipenszene bewegt?
Frieder Butzmann Eigentlich nicht. Bis heute bin ich kein Kneipenmensch, es gab aber die Zeit von 1978 bis 1983, da war ich eigentlich jeden Tag unterwegs, im SO36, Dschungel und so. In der Zeit spielte ich auch in der Band Die Nachdenklichen Wehrpflichtigen zusammen mit Diedrich Diederichsen, FM Einheit, Bettina Köster und Alber Oehlen. Ich lernte viele West-Berliner Musiker und Künstler kennen. Das kam durch Burkhard Seiler, den „Zensor“.

tip Den legendären Plattenhändler.
Frieder Butzmann Genau. Der hat vor der TU-Mensa Mitte der Siebziger gelegentlich Platten verkauft, da merkte ich, der hat ja Sachen, die ich gar nicht kenne. Dann habe ich ihn auf dem Flohmarkt wiedergesehen und sprach ihn an. Wir verstanden uns gut und es stellte sich heraus, dass wir in der gleichen Gegend wohnten. Er am Stuttgarter Platz, ich in der Kantstraße. Man sah sich aber nicht in Kneipen, sondern an Veranstaltungsorten.

tip Stellten Sie damals schon fest, dass nach Punk musikalisch etwas Neues in Berlin passiert?
Frieder Butzmann Gudrun Gut kam mir jedenfalls vor wie die modernste Frau der Welt, das habe ich ihr Jahre später auch mal gesagt und dann stellte sich heraus, dass Blixa Bargeld ihr das auch gesagt hat. Sie war anders als die Punks, bei ihr war alles weiß in der Wohnung und sie hatte eine andere Herangehensweise ans Leben. Ganz grundsätzlich war es aber so, dass es einen Treffpunkt gab für uns, also Leute wie Gudrun, Blixa, Wolfgang Müller, Alexander Hacke und für mich, und das war der Zensor-Laden. Ein Verteilerknoten für Informationen.

tip Stichwort Gentrifizierung. Sie mussten Ihr Studio in Kreuzberg verlassen. Wie gehen Sie mit den Veränderungen um?
Frieder Butzmann Als ich mein Studio am Erkelenzdamm verlassen musste, habe ich immerhin eine gute Abfindung bekommen und jetzt bin ich in Neukölln und das ist auch gut. Die Kreuzberg-Verbindung stimmt bei mir nicht ganz. Ich bin nicht aus ganzem Herzen Kreuzberger. Ich bin froh, dass es Kreuzberg gibt, aber ich habe immer woanders gewohnt und in der Anfangszeit war Schöneberg sowieso wichtiger, da haben alle gewohnt: Blixa, Gudrun, Jörg Buttgereit. Nur Wolfgang Müller war schon immer Kreuzberger. Was die Gentrifizierung angeht, da finde ich, dass es eine Schande ist und zwar nicht nur für Kreuzberg, sondern für die ganze Menschheit.

Gespräche mit Genialen Dilletanten von Jacek Slaski, Martin Schmitz Verlag, 252 S., 17.80 €

Buchpremiere: Aquarium, Skalitzer Str. 6, Kreuzberg, Mi 24.10., 19 Uhr
Performances von Klaus Beyer, Frieder Butzmann und Wolfgang Müller + Kurzfilme von Jörg Buttgereit und Diskussion

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