Konzerte & Party

„Get Wavey“ im Magnet Club

Footwork

Ein properer Typ mit protzigem lila Overall betritt den kleinen freien Kreis in der Mitte des ansonsten von Menschen verstopften Raumes. Mit einer Mischung aus Stolz und Erstaunen zählt er das Bündel Geldscheine in seiner Hand. Ungefähr 400 $ haben die Besucher hier auf die beiden rivalisierenden Gruppen ­gesetzt, die in wenigen Augenblicken gegeneinander antreten werden. Das besondere ist, dass die Kämpfe im „Battle Groundz“ nicht mit Fäusten, sondern mit Tanzschritten ausgetragen werden. Wir befinden uns im „Low End“, dem vergessenen Elendsviertel im Süden Chicagos, einem urbanen Albtraum, der auch mit dem Begriff der „Hypersegregation“ umschrieben wird. Es ist kein Zufall, dass sich gerade hier vor knapp 20 Jahren eine eigentümliche Subkultur herausgebildet hat – „Juke“ oder auch „Footwork“ genannt, ein unglaublich aggressiver Hybride aus Ghetto House und Hip Hop. „Es dauert eine Weile bis sich dein Gehirn daran gewöhnt hat, aber es lohnt sich“, beschreibt Mike Paradinas, Labelchef von Planet Mu Records diesen Stil. Und tatsächlich, Juke ist keine leicht zugängliche Musik, vielmehr verstört sie den Zuhörer mit sperrigen, oft über Minuten wiederholten Wortfetzen und einem höllischen Tempo von durchschnittlich 160 Bpm. „Die besten Tänzer“ schreibt der Guardian, „vermögen es, die Stücke wie eine Landkarte zu lesen“. AG und Litebulb, zwei Abgesandte der gegnerischen Crews sind solche Meister ihrer Disziplin. AG hat seinen Kontrahenten gerade mit einer vernichtenden Routine in seine Schranken verwiesen und das Publikum rastet buchstäblich aus, Freudenschreie vermischen sich mit den brodelnden Beats. „Footwork ist nicht einfach nur ein Tanz“, sagt Celes Williams, ein Stammgast hier im Battle Groundz, „Footwork ist eine Kunstform“. Jeder Tänzer hat seinen eigenen Stil. Manche wie der schlaksige Litebulb beeindrucken die Zuschauer mit comic-artigen Verrenkungen, andere wiederum wie der muskulöse AG bestreiten die Kämpfe mit aberwitzig schnellen Schrittabfolgen. Der einzig rote Faden, scheinen die rasanten Schritte der Tänzer und ihr verhältnismäßig ruhig bleibender Oberkörper zu sein.
FootworkJörg Finckobot ist einer der Veranstalter von „Get Wavey“, einer Partyreihe im Berliner Magnet-Club. Ende Oktober hat er DJ Spinn nach Berlin eingeladen, eine der Schlüsselfiguren im Footwork, und er war etwas ratlos, nachdem nur eine Hand voll Besucher gekommen war. „Footwork ist dem Standard-Sound in Berlin einfach diametral entgegengesetzt, in Großbritannien hingegen kam es super an“, sagt er.  Dennoch, „ich glaube, dass Footwork hier noch einmal eine Chance bekommen wird, die Einflüsse sind wie beispielsweise in Addison Grooves ‚Footcrab‘ schon hörbar“.
Footwork und Juke reflektieren die Frustration und den Kampf, den die Menschen in den Slums von Chicago täglich durchmachen. „Wir führen hier ein Leben am Abgrund“, sagt DJ Roc, der im Oktober sein Album „The Crack Capone“ auf Planet Mu herausgebracht hat. Gerade er versteht sich bestens darauf, die Soundtracks für den Krieg zu schreiben, den die Tänzer hier jeden Sonntag im Battle Groundz austragen. Umso beeindruckender ist es, dass gerade diese Musik ein friedliches Miteinander der Menschen ermöglicht. „Footwork und Juke halten die Leute davon ab, Schlimmes zu tun, die Leute kommen für etwas Positives hierher“, sagt er. Der in lila gekleidete Typ betritt wieder die Szene. Der Kampf ist vorbei und die Gewinner bekommen ihren Einsatz. Nächste Woche werden die Karten wieder neu gemischt, wenn es wieder einen Kampf im Battle Groundz gibt.

Text: Lucas Negroni

Get Wavey, Magnet Club, jeden Mittwoch, 0 Uhr

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