Konzerte & Party

Ginger Baker im Kesselhaus

Ginger Baker 1980

Ginger Baker ist sich ein Leben lang treu geblieben. Der Mann mit dem einst roten Krauskopf, stechenden Blick, auffälligen Gebiss und der kantigen Silhouette war schon immer ein Trommler der anderen Art. Der ewig Unberechenbare hat einen einzigartigen Erfahrungsschatz im Tornister, doch wenn er heute vor sein Publikum tritt, muss der 75-Jährige nicht die Heldentaten seiner Jugend auspacken. Es gibt kaum einen musikalischen Acker, den Ginger Baker nicht früher oder später bestellt hätte. 1955 fing er bei Mr. Acker Bilk mit Dixieland an, Anfang der 60er-Jahre kam er durch Alexis Korner zum Blues-Rock, kurze Zeit später gehörte er als Mitbegründer der Graham Bond Organiza-tion zu den Erfindern des Jazz-Rock. In Bands wie Cream und Blind Faith knüppelte er den bis dahin kleinformatigen Rock in Richtung Improvisation. All das passierte vor 1970. Danach verblasste sein Stern ein wenig bei Air Force und der Baker Gurvitz Army. Nebenbei züchtete er Pferde und spielte Polo. Was ein standesbewusster Brite eben so tut.
Seine wahre Liebe gehörte jedoch immer den afrikanischen Rhythmen und dem Jazz. Bakers Schlagzeug war von Anfang an größer als die Schießbuden seiner Kollegen, er popularisierte die doppelte Bassdrum, erkannte als einer der Ersten das Potenzial der Kuhglocke und richtete sich eine Trommelgeografie mit unendlichen Bewegungsräumen ein. Seine Jobbeschreibung mag wohl immer Trommler gewesen sein, tief in seinem Herzen war und ist er jedoch Perkussionist.
Ginger BakerLetztes Jahr hat er sich nach 15-jähriger Pause mit einem neuen Album als Leader zurückgemeldet. Seine aktuelle Band Ginger Baker’s Jazz Confusion hat nichts mit Cream oder Blind Faith gemein. Es ist ein Jazzquartett, das mit Saxofon, Bass und afri-kanischer Percussion zunächst eher konventionell erscheint.  
Die Zeiten, in denen er mit jedem Statement eine Revolution auslösen wollte, liegen lange zurück. Zwar hat Baker nach 1985 eine Reihe spektakulärer Alben mit alten und neuen Jazzavantgardisten wie Peter Brötzmann, Sonny Sharrock, Charlie Haden, Bill Laswell oder Bill Frisell eingespielt, doch mit der Jazz Confusion bricht er kaum noch aus dem tradierten Jazz-Rahmen aus. Muss er auch nicht, denn was die Band so besonders macht, ist weniger das Konzept als vielmehr seine Persönlichkeit. Jene einzigartigen Grooves, die Baker mit einer Lässigkeit und Nonchalance ausrollt, als wäre es das Leichteste der Welt. Dieser Mann spielt nicht Rhythmus, er ist Rhythmus. Anders als Normalsterbliche scheint er über ein ganzes Netzwerk von Bewegungszentren zu verfügen, von denen aus er synchron die unterschiedlichsten, teils gegenläufigen Grooves steuern und den Hörer gleichzeitig ins Mississippi-Delta, nach Nordafrika und an den Amazonas mitnehmen kann. Zur Seite stehen ihm der ghanaische Power-Perkussionist Abass Dodoo, Saxofonist Pee Wee Ellis, der seine Funk-Salven viele Jahre lang für James Brown und Van -Morrison abfeuerte, und am Bass Routinier Alec Dankworth.
In Jazzkreisen wird Ginger Baker zuweilen misstrauisch beäugt, ja geradezu verlacht. Der Quereinsteiger, der sich so wenig aus dem Kanon macht und sich angeblich mit purer Effekthascherei zufriedengibt. Der Drummer begegnet derartigen Attesten mit buddhistischer Gelassenheit. Unterschätzt zu werden verschafft ihm den Vorteil der absoluten Freiheit im Spiel. Ginger Baker muss schon lange nichts mehr beweisen. Im Gegenteil, früher als maßlos verschrien, hat er sich auf seine alten Tage zum Meister des lakonischen Understatements gemausert. Der Titel seines aktuellen Albums ist symptomatisch für einen alten Grantler, der bereits alle Antworten auf die Fragen des Lebens kennt. Er beschränkt sich auf ein einziges Wort: „Why?“

Text: Wolf Kampmann

Foto oben: Zoran Veselinovic / Wikimedia Commons / CC-BY-SA

Foto unten: Alexis Maryon

Ginger Baker’s Jazz Confusion, Kulturbrauerei/Kesselhaus, Knaackstraße 97, Prenzlauer Berg, Mi 27.5., ?20 Uhr, VVK: 25 Euro, erm. 20 Euro zzgl. Gebühr

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