Konzerte & Party

Glasvegas im Magnet Club

glasvegasDass ausgerechnet der Drummer von Travis behauptet haben soll, die Band Glasvegas würde bereits nach einem Jahr wieder verschwunden sein, nagt an James Allan. Ausgerechnet die Band, deren Ehrencodex mit Ehrlichkeit anfängt und mit Ehrlichkeit aufhört und der sie sich besonders verbunden fühlen, hatte Zweifel. 2006, als die vier Schotten die Debütsingle „Go Square Go“ veröffentlichten, hätte er vielleicht noch zugestimmt, auch als mit Single Nr.2 „Daddy’s Gone“ ein für Indiekreise ohrenbetäubender Jubel ausbrach, eingeweihte Journalisten gemeinsam mit Pop-Oberguru und Oasis-Entdecker Alan McGee Gänsehaut bekamen und die Rettung des Rock’n’Roll verkündeten, war James Allan immer noch nicht sicher, ob sie gekommen waren, um zu bleiben. Dann aber kam der heiß ersehnte Plattenvertrag, das Debütalbum stürmte die Charts, Geldsorgen waren getilgt, Allan hatte ein Dach über dem Kopf, und für seine Songs fand er endlich ein großes Publikum. Und was für Songs. „Ich überlasse es nicht gerne dem Schicksal, ob ich meine Gefühle kommuniziere oder nicht. Ich mag es nun mal, anderen Menschen mitzuteilen, was sie für mich bedeuten.“ Nichtsdestotrotz verbirgt der Joe-Strummer-Lookalike (und natürlich unbedingte Fan) beim Interview die Augen konsequent hinter der Sonnenbrille, und sein gnadenloser, durch keine verständnisvolle Höflichkeit abgefederter Akzent lässt am Ende doch viele Fragen offen, auch wenn es an Sympathie und Einverständnis grundsätzlich nicht mangelt.

Sein Sprachrohr sind nun mal die schockierend direkten Songs, und da gibt es kein Entrinnen, kein Drumherum: Du bist mein Held, sang er in „Daddy’s Gone“, vergiss Deinen Dad, er ist fort. He’s gone, he’s gone, schallte es wie ein kollektiver Befreiungsschlag im vieltausendfachen Chor durch die Tourneehallen der Welt. Und die dicken Tränen sind noch lange nicht versiegt: You don’t need me as much as I need you, heißt es nun in „The World Is Yours“ vom mit Spannung erwarteten zweiten Album. If I’m your world, then the world is yours. Euphorie und Herzensbruch sind tatsächlich die treibenden Energien auf „Euphoric /// Heartbreak“, und der durchaus stadiontaugliche Phil-Spector-Jesus-and-Mary-Chain-Breitwand-Bombast fällt noch üppiger aus als beim Vorgänger, hier und da zudem elektronisch aufgekesselt. Die sympathische Ungeschliffenheit der ersten Stunde ist Geschichte. Produzent Flood (U2, Depeche Mode, The Killers) versteht genau darin sein Geschäft, brachte aber laut Allan eher ein menschliches Element in die Aufnahmesession ein: „Bei den Demos waren wir noch viel elektronischer, Flood agierte eher als Gegenteil von dem, was man von ihm kennt. Er gab uns den Glauben an uns zurück.“ In ihren Anfangstagen hielt man Glasvegas noch für einen Scherz. In einer Zeit, in der alle Bands unbedingt wie Arctic Monkeys klingen wollten, mit unwiderstehlicher Cool-as-Fuck-Attitüde, konnte man die tagebuchehrlichen Texte von James Allan kaum glauben. Manch einer war gar peinlich berührt von der zur Schau getragenen Verletzlichkeit. Von Daddy, Mummy, Sister und Brother zu singen – das geht doch gar nicht. Sich nahezu wehr- und machtlos als Opfer von Messerattacken zu sehen, sich in eine Sozialarbeiterin namens Geraldine zu verlieben und das Ganze mit einer kitschig-pompösen Weihnachtsplatte zu krönen – verdammt gewagte Perspektiven in einer Pop-Nation, in der Zugehörigkeit zu Styles über Wohl und Weh entscheidet.

GlasvegasUnd so ist es kein Zufall, dass ihr Publikum vornehmlich männlich ist und entweder ganz jung oder schon ergraut, also mit Pop als Lifestyle aufgewachsen. Heute, fast fünf Jahre nach ihrer Gründung, setzen Glasvegas sogar noch einen drauf und thematisieren nach tiefenpsychologischer Selbstreflexion nun die andere große Peinlichkeit, das andere große Tabu des Jungseins: Homosexualität. Genau das wurde James Allan mit seinem aufgeladenen Emotionspop ja flux unterstellt, denn wer so dick aufträgt, der kann nur schwul sein. I feel wrong, heißt es nun und Selbstmordgeschichten bestimmen das Bild. James Allan spannt sogar seine eigene Mutter als Sprecherin ein, am Anfang des Albums noch geheimnisvoll auf Französisch und am Ende dann, sollte bis dahin jemand noch immer nicht geweint haben, hört man sie ergreifend im charmantesten Schottisch über bedingungslose Liebe sprechen. Drummerin Caroline McKay, deren Begeisterung für Girlgroups und den Soul und R&B der Sixties Glasvegas nicht unwesentlich zu ihrem Sound verhalf, hat die Band nach endlosem Touren inzwischen verlassen, steht vielleicht wieder in ihrem Vintage-Klamottenladen in Glasgow. Neu dazugekommen ist Jonna Löfgren, gecastet mit dem Wunschprofil „schwedisch, weiblich“. Die Band hat Glück gehabt mit ihr, die nach Abschluss der Musikhochschule, Schlagzeug als Fach, bisher lediglich in unbekannten schwedischen Bands spielte. Sie sagen sogar, sie sei die weltbeste Drummerin, „besser noch als der von U2“, womit klar sein dürfte, was sie von ihr, was sie von der Zukunft überhaupt erwarten. Ihr enormer Schlag ist jedenfalls unüberhörbar. Während Gitarrist und Cousin Rab Allan im Herzen ein ehrlicher Rock’n’Roller ist, träumt Frontmann James davon, die Band wie ein ganzes Orchester klingen zu lassen. Live taucht er sie in dicken Nebel und denkt vielleicht an jenen Moment, als er, der bis zum Alter von 17 Jahren Musik und besonders Musikfans herzhaft hasste, Ian McCulloch von Echo and the Bunnymen sah. Der beeindruckte ihn so sehr, dass er seine Einstellung komplett revidierte. Und immerhin – die Bunnymen blieben ja eine ganze Weile und haben durchaus Geschichte gemacht.

Text: Christine Heise

Foto: Tommy Ga-Ken Wan

Glasvegas
Magnet Club, Do 10.3., 21 Uhr (ausverkauft)

Mehr über Cookies erfahren