Konzerte & Party

Godspeed You! Black Emperor im Astra

godspeed-you-black-emperorDer Wagen steht in Flammen, und kein Fahrer sitzt am Steuer. Die Abwasserkanäle sind überschwemmt mit 1000 einsamen Selbstmorden. Ein dunkler Wind weht. Die Regierung ist korrupt, und wir sind auf so vielen Drogen, hinter zugezogenen Vorhängen läuft das Radio. Wir sind gefangen im Bauch dieser schrecklichen Maschine, und die Maschine ist am Verbluten. Das Debütalbum des kanadischen Postrock-Ensembles Godspeed You! Black Emperor beginnt mit einem düsteren Monolog, der die letzten Tage unserer Zivilisation heraufbeschwört. Dann setzen Streicher ein, deren Klang an einen Regen aus Asche erinnert – einen Regen, der sich allmählich, aber unausweichlich zu einem Orkan verdichtet, der jede Gewissheit und jede Sicherheit verschlingt. Das Album, das den kryptischen Titel „f#a#?“ trägt, wurde 1997 in einer Mischung aus Wohngemeinschaft, Partykeller und Tonstudio in Montreals Mile End District eingespielt und auf dem örtlichen Kleinstlabel Constellation in einer Auflage von zunächst 500 von Hand verpackten Exemplaren veröffentlicht. Seine ursprüngliche Fassung besteht aus zwei epischen, langsam anschwellenden Instrumentalstücken, die jeweils in mehrere Kapitel unterteilt sind. 15 Musiker waren an den Aufnahmen beteiligt. Im November 1998 kam eine neunköpfige Besetzung von Godspeed You! Black Emperor nach Berlin und gab ein überwältigendes Konzert in der Maria am Ostbahnhof, die damals noch in einem ungenutzten Postgebäude aus DDR-Zeiten untergebracht war, das inzwischen längst der Abrissbirne weichen musste.

Die Bühne in der Maria war zu klein für Godspeed You! Black Emperor und die Urgewalt ihrer Musik. Einzelne Mitglieder der Band standen mitten im Publikum. Aus nächster Nähe konnte man mit ansehen, mit welcher Andacht und mit was für einem Körpereinsatz sie sich verausgabten, während sie lauter und lauter und wieder leiser und wieder lauter wurden wie eine Reihe von Explosionen in Superzeitlupe. Es war ein großer, ein kräftezehrender, ein reinigender Abend. Die Qualitäten der Musiker, die diesen Abend wahr gemacht hatten, sprachen sich schnell herum: Ende der 90er Jahre galten Godspeed You! Black Emperor als Band der Stunde, der britische „New Musical Express“ bezeichnete sie sogar als die „letzte große Band des 20. Jahrhunderts“. Im Crescendo ihrer Weltuntergangsymphonien spiegelten sich die diffusen Ängste und die allgemeine innere Anspannung, die mit dem bevorstehenden Millenniumswechsel verbunden war; zugleich machte ihr Ansatz, als Kollektiv ohne Frontmann oder Führungspersönlichkeit in Erscheinung zu treten, in ihrem kanadischen Umfeld Schule und inspirierte Bands wie Broken Social Scene, The Hidden Cameras und The Stars. Drei Jahre, zwei Doppelalben und etliche Konzerte später gaben sie bekannt, eine Pause von unbestimmter Dauer einlegen zu wollen. Die Bandmitglieder bekamen Kinder, legten sich Hunde zu, betrieben Ackerbau und Gemüsezucht, widmeten sich der Akupunktur, eröffneten eine Konzerthalle und ein Restaurant oder gingen mit anderen Bandprojekten auf Tour.

godspeedDoch genauso plötzlich, wie sie verschwanden, sind Godspeed You! Black Emperor nun wieder da, und ihre Musik klingt zeitgemäßer als je zuvor. Die Welt zwar ist nicht untergegangen, aber sie hat sich weiter auf den Abgrund zubewegt. Die Erde bebt, die Flüsse treten über die Ufer, die Städte werden unter Schlammlawinen begraben, und die Vögel fallen tot vom Himmel. Vielleicht ist die Apokalypse schon in vollem Gange, und wir haben es nur noch nicht bemerkt. Über die Hintergründe des Comebacks ist wenig bekannt. Es gibt keine Interviews, keine Presse-Infos, keine Promo-Fotos, nur ein Kommuniquй, das eine Handvoll Konzerte in Europa und Amerika ankündigt. Die Band hegt ein tiefes Misstrauen gegenüber Medien, die selbst Bierwerbung als etwas künstlerisch Wertvolles betrachten. Sie befürchtet, dass die Reduktion von Komplexität, der mit der journalistischen Praxis einhergeht, ihr eigentliches Anliegen bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und banalisiert. Die Vereinnahmung von Punk und Hardcore durch die Lifestyle-Industrie hat sie gelehrt, vorsichtig zu sein. Ende der 90er Jahre reagierte die Band auf eine Interview-Anfrage aus England mit einer langen, manifestartigen E-Mail, in der sie sich vom „schrecklichen Spektakel des Indierock“ distanziert, dabei ihre antikapitalistische und antikonsumistische Haltung betont und zugleich die eigene Verwicklung innerhalb der Kulturindustrie reflektiert: „Wir wissen, dass wir nur die kleinste purpurne Feder in einer wirklich obszönen Hundefick-Burlesque-Show sind; wir möchten uns nur ein kleines bisschen über Architektur unterhalten, während der fette männliche Stripper Colaflaschen aus seinem Arschloch schießt … ist das etwa so falsch?“

Zwölf Jahre später sieht es aus, als hätte die Welt tatsächlich auf ein paar Anarcho-Hippies aus Quйbec gewartet. Im Dezember war ihre Tour durch England und Schottland ganz ohne die übliche Promotion nahezu komplett ausverkauft, und für das Konzert in Berlin gab es schon im November keine Karten mehr. Dass Godspeed You! Black Emperor eine so triumphale Rückkehr gelungen ist, mag damit zusammenhängen, dass das Ende der Welt, wie wir sie kennen, etwas geradezu Tröstliches hat, wenn es von einer so erhabenen Musik wie dieser begleitet wird. Es gibt ein Wort, das in den Zeichnungen, die ihren Platten beiliegen, und in Video-Projektionen, die sie bei ihren Konzerten zeigen, immer wieder auftaucht, und dieses Wort heißt Hoffnung. Bei Godspeed You! Black Emperor ist Hoffnung jedoch keine Gabe des Himmels, sondern ein Zustand, den man der Welt erst abringen muss.

Text: Heiko Zwirner

Godspeed You! Black Emperor
Astra, Do 20.1., 21 Uhr (ausverkauft)

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