Konzerte & Party

Gorillaz im Velodrom

Gorillaz

Was Damon Albarn wohl dachte, als er erfuhr, dass ihn die Leser des britischen „Q“-Magazins vor ein paar Monaten zum viertbesten Rock-Frontmann aller Zeiten gewählt hatten? Wahrscheinlich hat er nur müde gelächelt. Auf der Website des Boulevardblatts „The Sun“ war vor Kurzem zu lesen, wie er zum Persönlichkeitskult steht: „Mit der Musik wäre alles in Ordnung, wenn die Beteiligten nicht so sehr damit beschäftigt wären, prominent werden zu wollen.“ Die Zeiten, in denen er selbst auf Berühmtsein aus war, sind vorbei, seitdem er mit Blur vor kreischenden Teenagern gespielt hat. Ein Popstar, der nur der Massenbelustigung dient – nicht sein Ding. Künstlersohn Albarn will kreativ sein und neue Ideen entwickeln. Die entscheidende Wende kam Ende der Neunzigerjahre, als er mit Jamie Hewlett in einer WG lebte. Der bekannte Comic-Zeichner („Tank Girl“) erfand vier neue Figuren für eine fiktive Band. Albarn konnte im Hintergrund walten und als musikalischer Leiter die Zusammenarbeit mit wechselnden Produzenten, Sängern und Rappern koordinieren. Die Guerilla-Gruppe Gorillaz war geboren.  
Anfangs gab es noch Zweifel an der Beständigkeit und Substanz. Virtuelle Bands hat es schon früher gegeben, waren aber maximal für einen Gag gut oder kamen, wie The Archies, auf einen großen Hit und verschwanden dann. Gorillaz aber halten sich hartnäckig und verlieren nicht an Bedeutung, weil Albarn und Hewlett dieses Projekt nicht ständig melken, nur weil es erfolgreich ist. Sie beschäftigen sich zwischendurch mit genügend anderen Dingen, die ihnen in den Sinn kommen. Erst wenn ihnen danach ist, erscheinen sie mit ihren Cartoon-Charakteren wieder auf der Bildfläche. In diesem Jahr sind sie als Öko-Piraten auf der Suche nach dem „Plastic Beach“. Mit im Gepäck: Elek­tronische Sounds auf dem neuesten Stand, Hip-Hop-Einflüsse, Pop-Spielereien, dazu Gastarbeit von so unterschiedlichen Musikern wie Lou Reed, Bobby Womack, Mos Def oder Mark E. Smith. Ein beeindruckendes Projekt. Nur lässt sich so etwas heute nicht mehr durch Plattenverkäufe finanzieren. Gerade mal eine Million Exemplare hat man von dem Album offiziell verkauft, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Aus diesem Grund wagen Albarn und Hewlett den nächsten Schritt und gehen auf Weltreise.
Bei der „Escape To Plastic Beach“-Show handelt es sich um eine opulente Produktion mit 18 Musikern, zu denen sieben Streicher, zwei Schlagzeuger, mehrere Leute an den Tasten und vier Begleitsänger gehören. Visuelle Bonmots gibt es zuhauf. Nebenbei kümmert man sich auch um die Pflege der Musiktradition. Altruist Albarn konnte ja schon Bassist Paul Simonon davon überzeugen, seinen Ruhestand zu beenden. Nun stößt auch Simonons alter Weggefährte Mick Jones zur Live-Band und komplettiert eine kleine Clash-Reunion. Jones bekommt damit endlich wieder eine Bühne, die er verdient. Helferdienste für die überschätzten Libertines oder Verlegenheitslösungen wie Carbon/Silicon hatten ihn nicht ernsthaft gefordert. Gorillaz führen ihm nun vor Augen, wie sich die Zeiten geändert haben. In den Achtzigern hatte Jones viel Prügel bezogen, als er sich an der Fusion von Rock‘n‘Roll und elektronischer Musik versuchte. Die Band hieß Big Audio Dynamite. Heute sind solche Verquickungen gang und gäbe. Und für ein Riesenspektakel gut.

Text: Thomas Weiland

Gorillaz, Velodrom, So 21.11., 20 Uhr, VVK: 60 Euro

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