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Gossip

Vor sechs Jahren war alles anders. Da traf man Beth Ditto und ihre Band Gossip im Transit Loft, einem Jugendhotel in der Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg. Die Sängerin redete und redete. Über ihre Kindheit im intoleranten Arkansas. Über ihren festen Willen, sich als übergewichtige Lesbe nicht unterkriegen zu lassen. Über die White Stripes und ähnliche Bands, die mit ihren Garagenrock-Updates viel mehr Erfolg hatten als Gossip mit ihren, was nach Dittos Empfinden total ungerecht war. Trotzdem machte man weiter. In Berlin stellten Gossip ihr Album „Standing In The Way Of Control“ vor, das Guy Picciotto von Fugazi produziert hatte. Am Abend spielte die Band im Knaack.

Auf der Bühne redete Ditto weiter ohne Punkt und Komma und wies zur allgemeinen Erheiterung auf ihre unangenehm riechenden Achselhöhlen hin. Stimmlich gab sie alles – eine neue Königin des Soul-Punk.
Danach ging alles ganz schnell. Der Titelsong des Albums entwickelte sich zur Hymne und geisterte in der Soulwax-Version durch alle Clubs. Inhaltlich ging es um das von der damaligen Bush-Administration beschlossene Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe.

Gossip
Foto: Rankin

Ein US-Thema eigentlich, aber es waren die Briten, die wegen Gossip und vor allem Ditto völlig aus dem Häuschen gerieten. Sie liebten den Song und sahen in der furchtlosen Sängerin ein erfrischendes Gegenbild zum Magermodel-Wahn und bejubelten sie dafür, wo sie nur konnten. Im „NME“ wurde sie Ende 2006 zur coolsten Person im Rock gekürt, im seriösen „Guardian“ beriet Ditto Frauen in einer Kolumne bei Problemen mit dem gleichgeschlechtlichen Coming-out. Die Wuchtbrumme war keine Untergrundkämpferin für eine Minderheit mehr. Sie war plötzlich ein Star, an den man sich vertrauensvoll wenden konnte.

Bei uns dauerte es länger, bis eine ähnliche Euphorie entstand. Erst seit „Heavy Cross“ aus dem Album „Music For Men“ sind Gossip auch in Deutschland ein Begriff. Geholfen hat eine musikalische Veränderung. Die Band ist nicht mehr dieselbe, die um das Jahr 2000 herum im amerikanischen Bundesstaat Washington primitiven Punk mit Riot-Grrrl-Mentalität machte. Gossip sind heute ein ausgelassenes und positiv gestimmtes Disco-Rock-Trio. Passend dazu heißt das neue Album „A Joyful Noise“. Produziert wurde es nicht von Guy Picciotto oder Rick Rubin, der für „Music For Men“ zuständig war.

Dieses Mal haben Gossip mit Brian Higgins vom Produzententeam Xenomania gearbeitet, das man von seiner Zusammenarbeit mit Kylie Minogue, Girls Aloud oder Sugababes kennt. Dafür kann man der Band wirklich nicht böse sein. Higgins ist kein Fließbandproduzent, der seinen Kunden austauschbare Ware anbietet. Dieser Mann sorgt dafür, dass immer wieder andere Nuancen betont werden. In „Melody Emergency“ darf Gitarrist Nathan Howdeshell Hardrock-Riffs beisteuern. „Into The Wild“ hört sich wie ein Song aus den frühen Jahren von Madonna an. „Horns“ ist ein sensationell zupackender Disco-Funk-Track mit Kuhglockengeläut. Davon wird man noch länger hören. Man wird Ditto aber auch oft zu sehen bekommen. Als Model kennt man sie schon, Gaultier und Lagerfeld lieben sie. Jetzt hat sie für MAC Cosmetics eine eigene Make-up-Kollektion entworfen. Die Dame achtet mehr auf sich. Jetzt, wo alle gucken.

Text: Thomas Weiland

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Gossip

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