Konzerte & Party

Grace Jones im Tempodrom

Grace JonesSie modelte, sang, schauspielerte, war Andy Warhols Muse. In den letzten Jahren jedoch zeigte sich Grace Jones jedoch kaum in der Öffentlichkeit. Mit ihrem zehnten Album, dem ersten seit zwanzig Jahren, legte die Sängerin ein furioses Comeback hin.

tip Sie scheinen nicht eben die Fleißigste zu sein, Mrs. Jones …
Grace Jones Nur weil ich mir 20 Jahre mit meinem Album Zeit gelassen habe, heißt das ja nicht, dass ich keine Musik gemacht habe. Ich trat in Clubs auf, schrieb Songs, widmete mich kleinen Projekten mit Luciano Pavarotti, Lil’ Kim oder Salif Keпta.

tip Weil Sie genug von großen Plattenfirmen hatten?
Jones Allerdings. Mein altes Label behandelte mich wie eine Sklavin. Es zwang mir Lieder auf, mit denen ich mich überhaupt nicht identi-
fizieren konnte. Deswegen rechne ich in dem Song „Corporate Cannibal“ mit all diesen Konzernen ab, die Kreativität schon im Keim ersticken. Für mich sind das echte Menschenfresser!

tip Wieso haben Sie trotzdem ein Comeback gewagt?
Jones Mein Produzent Ivor Guest behauptete, ich sei die perfekte Sängerin für seine Band. Wir spielten also den Song „Devil In My
Life“ ein. Leider löste sich die Gruppe dann auf. Aber ich fand es plötzlich wieder total spannend, im Studio zu sein. Wahrscheinlich war das Schicksal.

tip Welche Vision hatten Sie denn für Ihr Album „Hurricane“?
Jones Ich wollte eine Symbiose aus Reggae und Pop. Als diese Idee Gestalt annahm, da habe ich mir gedacht: Sly & Robbie wären die Richtigen für dieses Projekt. Wir drei sind ja Jamaikaner, wir kennen uns ewig und haben bereits gemeinsam Platten gemacht, das vereinfacht die Zusammenarbeit ungemein.

tip Dabei gelten Sie doch als schwierig, Sie haben das Image einer wilden Raubkatze.
Jones Das liegt in meinen Genen. Mein Großvater kämpfte als Soldat im Ersten Weltkrieg. Er war streng, ein furchteinflößender Mann. Sein Geist, glaube ich, ergreift manchmal Besitz von mir. Weil ich diese Momente öffentlich auslebe, wirke ich wohl recht dominant.

tip Und wie ist die private Grace?
Jones Verletzlich. Wer sie kennenlernen will, der sollte sich den Dokumentarfilm ansehen, an dem Sophie Fiennes gerade arbeitet. Da zeige ich mein wahres Ich.

tip Sind Sie jemand, der stets nach dem Lustprinzip lebt?
Jones Ich amüsiere mich einfach gern. Leider hat heutzutage kaum noch jemand diese Gabe. Das war in den 80er Jahren ganz anders. Damals haben wir jeden Tag in vollen Zügen genossen, wir hatten Visionen, waren kreativ. Kunst war für uns der Spiegel unseres Lebens.

tip Sehnen Sie sich oft nach dieser Dekade zurück?
Jones Oh Gott – nein! Ich bin keine Nostalgikerin, die bloß in der Vergangenheit lebt. Die Gegenwart ist mir wirklich wichtiger.

tip Ihr Faible für extravagante Mode haben Sie sich aber bewahrt.
Jones Einige Designer sind für mich weit mehr als Modeschöpfer, ich empfinde sie als echte Künstler. Philip Tracey zum Beispiel macht keine gewöhnlichen Hüte, seine Kreationen sind eher wie Skulpturen. Sie erlauben es mir, meine Individualität zu unterstreichen.

tip Tragen Sie sie auch im Alltag?
Jones Selten. Jenseits des Rampenlichts mag ich nicht auffallen. Ich bin jemand, der gern für sich ist. Es gibt Phasen, da verlasse ich meine Wohnung wochenlang nicht. Wenn ich danach wieder öffentlich auftreten muss, fürchte ich mich sogar ein bisschen davor.

tip Und wie bekämpfen Sie diese Angst?
Jones Ich maskiere mich. Mein wahres Ich halte ich hinter einer Verkleidung versteckt. Die Menschen müssen sich einfach damit abfinden, dass ich sie verwirre. Mit Absicht!

Interview: Dagmar Leischow

Lesen Sie hier: Die CD-Kritik zur Grace-Jones-CD „Hurricane“

Grace Jones, Tempodrom, Di 17.3., 20 Uhr, VVK: ab 50 Euro

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