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Green Music Festival – Initiativen für umweltfreundliche Festivals

Die Organisatoren des Melt-Festivals haben sich für diesen Sommer etwas Neues überlegt: einen Hotelzug, in dem rund 600 Leute während des Festivals einen Schlafplatz im Trockenen haben. Donnerstagabend geht es in Köln los, Freitagmorgen, bevor abends die ersten Konzerte beginnen, kommen die Besucher ausgeruht in Ferropolis auf dem Festival-Gelände an. Keine Staus, keine Schlepperei, kein Zelt aufbauen. Und das Beste: Auch den Stress beim Bändchen abholen können sich die Hotelgäste sparen. Die bekommt man persönlich im Zug vorbeigebracht. Geschlafen wird in Schlafwagenabteilen, gebucht werden können Einzelbetten oder Sechs-Personen-Abteile. Nach vier Nächten im Zug geht es am Sonntag nach dem letzten Konzert wieder zurück.

Die Sorge um die Bequemlichkeit der Festival-Besucher spielte bei dieser Idee nur eine untergeordnete Rolle. Komplett durchnässte Kleidung und weggeflogene Zelte, wie in den vergangenen beiden Jahren, sind nicht der einzige Preis, den man, ob man nun zu den Besuchern des Melt, der Fusion, des Wacken Open Air oder des Splash gehört, bezahlt. Open Air Festivals haben den CO2-Fußabdruck einer Kleinstadt. Laut einer britischen Studie – die bisher einzige Studie zum Einfluss der Musikindustrie auf Umwelt und Klima – verursacht jedes Festival mit mehr als 40.000 Gästen über 2.000 Tonnen Kohlenstoffdioxid. Zum Melt kamen letztes Jahr insgesamt rund 160.000 Leute. Das größte Problem ist die An- und Abreise mit dem Auto, das macht etwa 40 Prozent der Emissionen aus.
Deswegen hat das Melt jetzt einen Hotelzug und ein neues Motto: Melt goes green. „Wir wollen was tun!“, sagt Finja Götz, die Projektleiterin. Abgesehen von dem Zug wird in diesem Jahr Müllpfand eingeführt und im Gastronomie-Bereich will man verstärkt mit regio-nalen Anbietern zusammenarbeiten.

Hinter diesem Bestreben hin zum klimaverträglichen Festival stehen nicht das Melt und seine Veranstalter alleine, sondern die „Green Music Initiative“, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Leuten aus der Musikbranche, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Musikindustrie grüner zu machen. Denn nicht nur Festivals jagen Unmengen Treibhausgase in die Luft. Gleiches gilt für Clubs und Konzerthallen. Der Strom- und Energieverbrauch ist um ein vielfaches höher als in einem Privathaushalt. Und wieder ist die Anreise der Gäste und der Künstler – die ja meistens mit dem Flugzeug kommen – für den größten Teil der Emissionen verantwortlich. Aber auch andere Bereiche der Musikindustrie sind schlecht für Klima und Umwelt. So verursacht allein die Herstellung einer CD etwa ein Kilogramm CO2.
„Wir wollen zeigen, wie es gehen kann und was möglich ist. Aber wir wollen den Leuten dabei nicht sagen, was sie nicht dürfen. Wir wollen ihnen praktikable Alternativen an die Hand geben“, sagt Jacob Bilabel. Er hat die Green Music Initiative vor etwa einem Jahr nach dem Vorbild von Julie’s Bicycle gegründet. Das britische Unternehmen hilft seit 2001 Künstlern, Veranstaltern, Labels und Clubbetreibern, umweltfreundlicher zu arbeiten. Vor drei Jahren hatte das Unternehmen die Studie über die CO2-Emissionen der Musikindustrie in Auftrag gegeben. Die Zahlen sind erschreckend: Pro Jahr beläuft sich der CO2-Ausstoß der gesamten britischen Branche auf 540.000 Tonnen, das entspricht dem jährlichen CO2-Ausstoß von 180.000 Autos. In Deutschland dürften die Ergebnisse ähnlich ausfallen.

Die Zusammenarbeit mit dem Melt-Team ist nicht das einzige Projekt von Bilabel. Gezielt geht er auf Betreiber von Clubs, Konzerthallen und Labels zu, unterstützt sie beim Wechsel zu Grünstromanbietern und gibt ihnen Tipps, wie sie Energie sparen können. Bereits 25 Berliner Clubs sind dabei, unter anderem auch der Tresor und das Berghain. Das Spandauer Citadel Music Spandau Festival und die Berlin Music Week wollen gemeinsam mit der Green Music Initiative nach umweltfreundlicheren Lösungen suchen. Wie Susa Treubrodt aus dem Programmteam des Veranstalters Trinity Concerts, der für das Festival in Spandau verantwortlich ist, bestätigt, hat es erste Vorgespräche mit Bilabel gegeben. „Wir erhoffen uns Anregungen von der Initiative. Zum Beispiel Fahrradstellplätze oder Tipps zur Müllvermeidung“, sagt Susa Treubrodt, die außerdem im Vorstand der Berliner Club Commission ist. Sogar die Gothic Szene, eigentlich eher bekannt für dramatische Weltuntergangsszenarien, hatte bereits 2009 eine eigene Initiative, die Goth for Earth Initiative, gegründet, um ihre Anhänger zum Nachdenken über grüne Zukunftsvisionen zu bringen. Auch sie arbeiten jetzt mit Bilabel zusammen.
Die Bereitschaft zum Mitmachen ist von allen Seiten da. Mit den diesjährigen, sehr vorsichtigen und behutsamen grünen Neuerungen auf dem Melt-Festival wollen die Veranstalter zunächst testen, wie gut klimabewusstes Feiern überhaupt ankommt. Wie überall, brauchen auch die Leute in der Musik- und Partybranche Anreize. Umweltschutz muss erst einmal angenehm und bequem sein, sonst hat keiner Lust. „Wir wollen niemanden umerziehen. Jeder soll selbst entscheiden, was er von unseren Angeboten annimmt und was nicht“, sagt Thies Schröder, der Geschäftsführer des Melt-Veranstaltungsortes Ferropolis.

Was noch alles möglich ist, machen vor allem die Engländer vor: Dort werden die grünen Projekte der Musikindustrie staatlich gefördert, in Deutschland bisher nicht. Auf dem Glastonbury Festival gibt es kompostierbare Zelt-Heringe, das Handy lädt man mit der eigenen Muskelkraft an Fahrrad-Ladestationen auf. Die Band Radiohead sagte ein Konzert in New York mit der Begründung ab, dass die Umweltschäden durch ihre Anreise mit dem Flugzeug zu groß seien. Jack Johnson tritt nur dort auf, wo ihm eine klimaneutrale Veranstaltung garantiert wird. Festivals in Spanien und Kalifornien nutzen Solarenergie. In Deutschland ist der Melt-Hotelzug schon ein erster wichtiger Schritt. Wer einmal ein Festival im Dauerregen verbracht hat, wird davon begeistert sein. Umso besser, wenn man dabei auch noch das Klima schützt. Innovationen wie dieser Zug sind Alternativen, die die Musikindustrie im 21. Jahrhundert braucht. „Der kulturelle Sektor muss seine Rolle als Innovationsführer in Anspruch nehmen“, sagt Jacob Bilabel. „Das, was Woodstock in Bezug auf freie Liebe ausgelöst hat, das können Festivals heute in anderen Bereichen auch auslösen. Auch beim Umweltschutz kann die Musikindustrie eine wichtige und einflussreiche Vorbildfunktion einnehmen.“

 

Text: Katharina Wagner
Foto: Blickwinkel/ K. Thomas

 

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