Konzerte & Party

Grimes im Astra

Grimes im Astra

Man hatte sich schon gefragt, wo sie abgeblieben ist, die Angewohnheit der Medien, sich immer wieder neue Namen für Musikrichtungen zu überlegen. Vor fünf Jahren war es im Norden Amerikas dann mal wieder soweit. Anlass war das Aufkommen von auffällig vielen Klängen aus düsteren Sphären. Zu hören waren unter anderem mutierte HipHop-Beats, dichte elektronische Schwaden, Schlagwerk aus der Industrial-Kammer und nervöse House-Sounds. Gespielt wurde das von gemischten Gruppen (Salem, Bruxa), Noch-Nicht-Erwachsenen (Balam Acab), Schon-Erwachsenen (oOoOO) und Frauen mit russisch-lettischen Wurzeln (Zola Jesus, Austra). Als Namen kamen verschiedene Varianten auf, angefangen von Gothtronica, Grave Wave, Haunted House und, man mag es kaum glauben, Rape Gaze (starrer Vergewaltigungsblick). Am meisten setzte sich der Begriff Witch House durch. Hier wurde auch die Kanadierin Claire Boucher einsortiert, die unter dem Namen Grimes veröffentlicht. Passte das auch wirklich?
Auf dem Cover ihres Albums „Visions“ aus dem Jahr 2012 sieht man Herzen und Zöpfe, aber auch Höllenhunde, von Säure befallene Skelettköpfe und russische und chinesische Hieroglyphen. Privat machte Grimes mehr den Eindruck einer bunten und lebhaften Figur, was sich auch bei ihrem Konzert wenige Monate nach Veröffentlichung im Berliner Berghain zeigte. Die untergehende Sonne strahlte noch ins Gemäuer, da hüpfte Grimes unbekümmert herum. Sie zeigte ein Outfit, das wie der Puppenstube entnommen schien. Zudem bediente sie alle elektronischen Instrumente. Vorher hatte Grimes betont, dass sie beim Musikmachen die Erfahrungen ihres Lebens verarbeite. „Vor ein paar Jahren durchlief ich eine Phase, in der ich von Drogen wirklich abhängig war. Zwei meiner besten Freunde sind gestorben, ich musste diesen wirklich kaputten körperlichen Angriff durch eine andere Person über mich ergehen lassen und es ging bei mir in Beziehungen ständig hin und her. Ich musste mir klar machen, dass ich durch Musik die Wurzeln der Themen erreichen konnte, die mich jahrelang geplagt hatten.“
Als sie zu dieser Einsicht kam, hatte ­Grimes bereits einige Entwicklungsschritte hinter sich. Sie war von Vancouver nach Montreal umgezogen, wo sie zunächst Kurse in russischer Literatur und dann Neurowissenschaft besucht hat. Große Faszination auf sie übten aber auch die Kunstprojekte des Kollektivs La Brique aus. In den Gebäuden einer ehemaligen Textilfabrik versammelten sich Vertreter des künstlerischen Untergrunds. Dort gliederte sie sich ohne Probleme in die Umgebung ein und konnte durchstarten. „Ich mochte die Songs auf ,Visions‘, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass ich noch Verstecken spiele. Auf dem nächsten Album wollte ich richtig direkt werden.“
Zwischen der Veröffentlichung des Vorgängers und dem Nachfolger „Art Angels“ vergingen am Ende dreieinhalb Jahre. In dieser Zeit ist sie wieder umgezogen, dieses Mal in die weniger verhexte Umgebung von Los Angeles. Dort hat sie Hunderte von neuen Stücken geschrieben und sich Musik angehört, die sie vorher nicht genau kannte, wie Dolly Partons Country, Bollywood-Soundtracks oder die Aufnahmen legendärer Industrial-Bands, darunter ihre Landsleute Skinny Puppy. Ein neues Album soll sie schon 2014 fertig aufgenommen, aber nicht veröffentlicht haben.
Jetzt beginnt die 28-Jährige mit Impressionen, die an osteuropäische Chöre erinnern, an denen ihre Plattenfirma 4AD schon in den Achtzigern großes Interesse zeigte. Sie demonstriert auch, was sie inzwischen am Piano gelernt hat. „Ich hatte im Vergleich zu früher Zugriff zu einer komplett anderen Klangpalette. Vorher war alles in Schwarz und Weiß gehalten, jetzt erstrahlt es in voller Farbe“, fasst sie den Prozess zusammen. Beeindruckend ist der Song „Scream“, in dem sich die taiwanesische Rapperin Aristophanes gegen ­Gitarren behauptet, die volle wutschnaubende Energie zum Ausdruck bringen. ­Weltklasse ist „Fresh Without Blood“, ein tanzbarer Song mit massiver Basswucht.
Das Album läuft immer auf diesem hohen Niveau weiter, im späteren Verlauf gastiert auch die Erzandroidin Janelle Monбe in „Venus Fly“. Grimes geht ohne Kompromisse, dafür mit umso mehr Fantasie vor und bleibt für genügend Leute verständlich. Jetzt, da der Pop nicht nur dem Namen nach wieder einen neuen Kick braucht, hat sie einen Ansatz geliefert, aus dem etwas werden kann.

Text: Thomas Weiland

Foto: Rankin

Astra Revaler Straße 99, Friedrichshain, Mi 17.2., 20 Uhr, ausverkauft

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