Konzerte & Party

Gute Gründe auch 2010 an Pop zu glauben

Pop2010_Laurence_EllisEin Jahrzehnt ist vorbei, das nächste beginnt und damit auch eine neue musikalische Zeitrechnung. So war es bisher immer. Wenn es nach deutschen Feuilletonisten geht, ist jetzt Schluss damit. Die Zeit des Pop sei abgelaufen, so der Grundtenor. Höhepunkt der kulturpes­simistischen Winterdepression: Eine ganze Magazinbeilage der „SZ“ zu diesem Thema. Auf dem Titel das berühmte Cover von Andy Warhol für The Velvet Underground mit fauler Banane. Drinnen eine Aufsatzsammlung, die sich wie eine Moritat liest: Michael Jackson ist tot, die Musikindustrie sowieso, dem Ami geht die Luft aus, der Chinese übernimmt das Ruder, und der Turbokapitalismus meuchelt die Kunst. Puh! Wer dagegen Publikationen aus dem britischen Raum studiert, hat das Gefühl, die Insel liege in einem Paralleluniversum. Keine Spur von Welt­untergangsstimmung oder tiefgreifenden Einschnitten. Stattdessen sagt man auch für 2010 wieder eine Pop-Sausse voraus.

Die ersten Signale sind ermutigend, nicht zuletzt wegen „Wonderful Life“ von Hurts. Hier wird die zunächst düster anmutende Geschichte von einem Mann erzählt, der im Begriff ist, von der Brücke zu springen. Im letzten Moment hält ihn zum Glück eine Frau auf und überzeugt ihn von den schönen Seiten des Daseins. „Es geht darum, Menschen aus den Klauen der Verzweiflung zu befreien und ihnen Hoffnung zu geben. Das ist für mich der zentrale Aspekt von Popmusik“, sagt Sänger Theo Hutchcraft. Er, der elegante Dandy, und Keyboarder Adam Anderson, sein Gegenpart aus dem Darkroom, erinnern vom Erscheinungsbild her an die männlichen Synthesizer-Pop­duos der 80er Jahre. In ihrer Musik findet man Verweise auf Tears For Fears, Italo-Disco und das Drama von A-ha. Hurts verneigen sich aber auch vor ihrer Heimatstadt Manchester. Stolz präsentieren sie einen Remix von Arthur Baker, der früher mit den unbestrittenen Helden der Stadt zusammengearbeitet hat: New Order.


Manchester
wird im Pop 2010 eine große Rolle spielen, so viel scheint sicher. Delphic und Everything Everything sind zwei hoch gehandelte Bands, die ihre ersten Berlin-Gigs schon hinter sich haben. Kräftig mitmischen will auch Julie Campbell alias LoneLady. Sie mag es um einige Grad spartanischer als Hurts, in den Songs auf ihrem Debütalbum „Nerve Up“ steckt Kratzigkeit. „Ich drücke in meiner Musik die Sehnsucht nach einem Man­ches­ter aus, das es nicht mehr gibt. Früher gab es Factory Records, da machte man Platten mit Herz und aus dem Bauch heraus. Heute fehlt mir da ein biss­chen die Magie“, findet Campbell.
Eigentlich ist es albern, Pop nach Geschlechtern aufzuteilen. Auffällig ist aber schon, wie viele weibliche Newcomer es in letzter Zeit gegeben hat. Die Kette wird so schnell nicht abreißen, denn nach Lily Allen, Kate Nash, La Roux oder Florence & The Machine stehen schon die nächsten Fräulein mit Kultfaktor in den Startlöchern. Nach einer Umfrage der BBC ist Ellie Goulding am meisten zuzutrauen. Das Girl aus Hereford versprüht den Charme des Mädchens mit Folk-Tick von nebenan. In den bisher bekannten Singles „Under The Sheets“ und „Starry Eyed“ ist von der Bescheidenheit des Mauerblümchens allerdings nicht mehr so viel übrig. Die Tendenz geht zu bombastischem Sound mit Synthesizern, seitdem die 23-Jährige auf einem Remix von „Sleepyhead“ von Passion Pit zu hören war. Nicht ganz so gut erzogen wirkt Marina Diamandis, eine Sängerin mit griechisch-walisischen Wurzeln, die wie Cathe­rine Zeta-Jones aussieht und ihr mediterranes Temperament nicht in Zaum halten kann. Gleich im ersten Song auf „The Family Jewels„, ihrem ersten Album unter dem Namen Marina & The Diamonds, geht sie auf Konfrontationskurs, wenn sie fragt: „Are you satisfied with an average life?“ Im Video zu ihrer Single „Hollywood“ kokettiert sie als schrille Cheerleaderin mit Sternenbannermuster.

Aber auch in den „totgesagten“ USA selbst ist man alles andere als untätig. So scheinen Music Go Music endlich den Startschalter gefunden zu haben. Die Band aus Los Angeles galt schon zu Beginn des Vorjahres als lebensfrohe kalifornische Alternative zu LCD Soundsystem. Music Go Music sehen aus, als lebten sie in einer Hippie-Höhle. In Wahrheit veranstalten sie eine kosmische Disco-Party mit Songs auf Abba-Basis. Bei The Drums schließlich, den aus Florida stammenden und jetzt in New York lebenden Youngstern, schlägt die (p)optimistische Grundstimmung vollends durch. „Wake up, it’s a beau­tiful morning!“ singen sie, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es gleich zum Surfen an den Strand geht. The Drums sind die ersten, die aus Phrasierungen und Basslinien in den Popsongs von The Cure und dem frohlockenden Vibe der Beach Boys eine funktionsfähige Einheit geformt haben. Kann es eine bessere Medizin gegen klirrende Kälte und Endzeitstimmung geben?

Text: Thomas Weiland

Foto oben: Laurence Ellis

 

Hurts + So So Modern
Magnet, Fr 26.2., 23 Uhr, VVK:10 Ђ

The Drums
Lido
, Sa 27.2., 0 Uhr, VVK: 5 Ђ

Lonelady
Bang Bang Club
, Fr 2.4., 21 Uhr, Preis noch offen

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